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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Juri Andruchowytsch (Ukraine)

Ein Vorhang zwischen Licht und Finsternis!


Juri Andruchowytsch,1960 in Iwano-Frankiwsk (Ukraine) geboren, studierte am Polygraphischen Institut von Lwiw Journalismus. Seine literarische Karriere begann 1982 mit der Veröffentlichung einiger Gedichte in verschiedenen Literaturzeitschriften. Drei Jahre später gründete er mit Viktor Neborak und Oleksandr Irvaniets die für die ukrainische Literatur wichtige Gruppe Bu-Ba-Bu. Auch als Autor von Essays, Prosa und Theaterstücken findet er sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene Anerkennung. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit engagiert er sich als Literaturvermittler (Übersetzer und Vizepräsident des ukrainischen Schriftstellerverbandes AUP) und in der politischen Diskussion (Orangene Revolution, Europa). In Deutschland hatte er seinen Durchbruch mit seinem Essay-Band Das letzte Territorium (Suhrkamp 2003). Ein Jahr später erschien Mein Europa (zusammen mit Andrzej Stasiuk; Suhrkamp 2004). Auf der Buchmesse in Leipzig wurde ihm der Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2006, unter anderem für seinen Roman Zwölf Ringe (Suhrkamp 2005), verliehen.

Was eigentlich trennt diese fatale postsowjetische Grenze von Europa? Anders gesagt, welche Notwendigkeit besteht für die strahlende, sich immer mehr nach Osten erweiternde Europäische Union, vor diesen verlottert-verblichenen Gebieten einen neuen Eisernen Vorhang hochzuziehen? Geht es vielleicht zum x-ten Male darum, das Licht von der Finsternis zu scheiden? Nur, warum ist dieses Licht im Westen und die Finsternis im Osten? Geht es etwa um unsere Probleme mit der Energieversorgung, die regelmäßigen Stromsperren im Herbst und Winter, das allabendliche Versinken unserer Städte, Kleinstädte und Dörfer in den Abgrund der Nacht?

Worin also liegt der Unterschied? Zunächst zweifellos in einer neuen Qualität der Straßen. Kaum daß ich die Grenze überschritten habe und in den Schoß des Vaterlandes eingefahren bin, spüre ich sie physisch, diese Rumpelpiste, von Tausend Sprüngen durchzogen, ebenso oft geflickt und dennoch in ruinösem Zustand. Es schleudert mich hoch, es rüttelt mich durch, der Fahrer kann kaum sechzig fahren, und jedes Schlagloch legt ein explizites Bekenntnis von der Nichtzugehörigkeit zur griechisch-römischen Zivilisation ab. […]

Es ist diese Grenze, die jene Gebiete, wo man mit Begeisterung Russenpop hört, von denen trennt, wo man ihn verachtet. […] Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß die UdSSR in diesem Sinne weiterbestehen wird – als gigantischer und ungeteilter Kontinent, der sechste Teil der Erdoberfläche, wo man sich für minderwertige russische Musik begeistert (nein, nicht für Tschaikowski und Mussorgski, die hört man weiter westlich). Und daher kommt auch ein nur an diese Musik gebundener Lebensstil, kommen die Riten des Alltags mit anders geregelten zwischenmenschlichen Beziehungen und einer anderen – kollektivistischen – Ethik, mit anderen Vorstellungen von Kollegialität und anderen Getränken auf festlich gedeckten Tischen.

Juri Andruchowytsch
Das letzte Territorium
Essays
Aus dem Ukrainischen von Alois Woldan
Edition Suhrkamp, 2003, Frankfurt am Main
ISBN 3-518-12446-3

Erstellt: 26-07-06
Letzte Änderung: 05-11-08