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Themenabend: Wer war Kafka? - 22/01/07

Pierre Pachet

Kafka in Frankreich


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ARTE: Wird Franz Kafka in Frankreich heute noch viel gelesen ?
P. Pachet: Ja, Kafka wird in Frankreich viel gelesen. Nicht nur von Literaturliebhabern. Einige seiner Werke (insbesondere seine kürzeren Schriften und sein Tagebuch) gehören zur Allgemeinbildung.

Sind seine Werke in  französischer Übersetzung verfügbar und ist sein Werk auch Schullektüre wie in Deutschland ?
KafkasWerke wurden ins Französische übersetzt, manche sogar mehrfach. Es gibt Einzelübersetzungen aber auch eine Übersetzung seines Gesamtwerkes in mehreren Bänden, erschienen im Verlag La Pléiade. In der Oberstufe stehen kürzere Kafka-Texte wie Die Verwandlung, manchmal aber auch längere wie Das Schloss regelmäßig auf dem Lehrplan.
 
Wie ist der Verlauf der Kafka-Rezeption in Frankreich? Gab es intensive und weniger intensive Phasen?
Die ersten Kafka-Übersetzungen erschienen bereits in den 1930er Jahren. Alexandre Vialatte setzte sich mit seiner sensiblen und humorvollen Interpretation der Kafkaschen Werke bei Gallimard durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg begeisterte sich Marthe Robert für Kafka und machte eine sehr schöne Übersetzung seines Tagebuchs und seiner Briefe (insbesondere seines Briefwechsels mit Milena aber auch seiner allgemeinen Korrespondenz). Außerdem veröffentlichte sie einige bemerkenswerte Essais über Kafka (Einsam wie Kafka). Ich glaube nicht, dass das Interesse an Kafka je nachgelassen hat, aber ich denke, dass man ihn heute anders liest als früher. Im Vordergrund stehen nicht mehr die großen metaphysischen Fragen, mit denen Kafka sich beschäftigte. Heute interessiert man sich mehr für sein erzählerisches und schriftstellerisches Talent, seine Beobachtungsgabe und seinen Ideenreichtum.

In Deutschland ist der Begriff "kafkaesk" in die Sprache eingeflossen, für eine Situation des Ausgeliefertseins an fremde Mächte oder undurchschaubare Zusammenhänge. Wir der Begriff in Frankreich auch benutzt und so verstanden?
Das Adjektiv „kafkaesk“ wird nach wie vor verwendet, um eine ausweglose Situation in den Fängen einer unberechenbaren und tyrannischen Obrigkeit oder eine unergründlich bedrohliche Situation im Alltag zu beschreiben.

Kafkas Freund und Verleger Max Brod hat das Werk posthum veröffentlicht, obwohl Kafka selbst ausdrücklich gewünscht hatte, alles zu verbrennen. Hat man auch in Frankreich darüber diskutiert, ob Max Brod da richtig gehandelt hat ?
In Frankreich hat man heftig über Kafkas Verfügungen hinsichtlich seiner unveröffentlichten Werke diskutiert und darüber, ob sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod gegen Kafkas „letzten“ Willen handelte. Diese Diskussionen werden heute nicht mehr geführt. Mein Eindruck ist, dass Kafka um sein Werk und seinen Ruf als Schriftsteller besorgt war und er deshalb die Veröffentlichung bestimmter Texte verhindern wollte. Dabei ging es ihm vor allem um seine Entwürfe und einige sehr private Schriftstücke wie sein Tagebuch, seine private Korrespondenz und seine Liebesbriefe.
  
Warum sollte man heute noch Kafka lesen?
Warum man Kafka heute noch lesen sollte? Ich verstehe diese Frage nicht ganz. Kafka ist ein großer Schriftsteller, einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur, obwohl viele seiner Erzählungen und Gedanken uns wohl für immer verschlossen bleiben werden (z. B. die rätselhaften Aphorismen in „Er“).


Interview : Thomas Neuhauser / ARTE

Erstellt: 22-01-07
Letzte Änderung: 22-01-07