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Themenabend: Wer war Kafka? - 22/01/07

Interview Klaus Wagenbach

Kafka heute lesen


"Ein sehr moderner Autor"


ARTE: Herr Wagenbach, ist Kafkas Werk heute noch aktuell? Warum sollte man heute Kafka lesen?
Da würde ich mit Elias Canetti antworten. Canetti hat gesagt, Kafka hat unvergessliche Bilder der Macht entworfen – und wenn man sich dafür interessiert, dann hält er diese Bilder bereit: Botschaften, die nicht ankommen, unerklärliche oder unauffindbare Wege zum Schloss, unverständliche Urteile oder ein Prozess, der aus unergründlichen Motiven geführt wird. Also alles das, was die Bürokratie ausmacht, in der sich die Macht in einem undurchsichtigen Dickicht teilweise auch verlieren kann – das ist seine Welt.
 
Und wohl auch unsere Welt heute noch, vielleicht sogar mehr denn je?
Ich kann jedenfalls nicht sehen, dass die Bürokratie und diese Strukturen in den letzten achtzig Jahren durchsichtiger geworden wäre – eher das Gegenteil, und insofern ist Kafka ein sehr moderner Autor.
 
Auf der Website Ihres Verlages wird man mit dem Satz begrüßt:: „Eines hilft immer – Lesen“. Kann auch Kafka-lesen in gewisser Weise helfen, oder ist sein Werk dafür nicht von einer zu großen, existenziellen Traurigkeit?
Das ist eine falsche Frage, die muss ich so ablehnen. Wieso sollte große Literatur denn nicht auch traurig sein und dennoch – oder gerade deshalb – helfen? Aber natürlich nicht im Sinne einer pädagogischen oder ratgeberischen Funktion. Literatur als Helfer in allen Lebenslagen, daran ist nicht gedacht.
 
Kafkas Literatur gilt jedenfalls als sehr ernst. Zeigt sich in seinem Werk eigentlich auch Humor, gibt es eine Form von Ironie?
Aber ja, wie viele Beispiele wollen Sie haben? Ich nenne zwei: Da ist die wunderbare, späte Erzählung „Erstes Leid“ aus dem Band „Ein Hungerkünstler“. Da geht es um einen Zirkusartisten, der immer in der Kuppel wohnt, gar nicht herunter will. Man schickt ihm auch das Essen hoch, also er lebt auf seinem Trapez. Da kommt dann der großartige Satz: „Oben war die Luft besser.“ Und wenn der Zirkus verreisen muss, bringt man den Artisten schnell zum Bahnhof, und dort springt er dann gleich ins Gepäcknetz. Eine verrückte Geschichte mit Witz und Humor,die natürlich auch sehr viel erzählt über das Verlangen nach großer Kunst. Oder auch die berühmte Geschichte „Bericht an eine Akademie“, in der ein Affe einem Kreis von Akademikern in einem Vortrag berichtet, wie er Mensch geworden ist. Da kommen Sätze vor wie: „An der Ferse aber kitzelt es jeden, den großen Achill wie den kleinen Schimpansen.“ Also ich kann nicht klagen über mangelnden Humor bei Kafka.
 
Kafkas Werk ist fester Bestandteil der Weltliteratur. Sein Freund und Verleger Max Brod sollte die nicht veröffentlichten Werke, darunter die drei großen Romane, nach Kafkas Tod verbrennen, was er aber nicht getan hat. Durfte er das? Wie würden Sie als Verleger in einer vergleichbaren Situation handeln?
Die Antwort ist ganz klar: genauso. Manuskripte verbrennt man nicht. Schon gar nicht, wenn ein Autor diesen Willen einem Freund hinterlässt, der seine Literatur bewundert und ihn immer wieder zur Veröffentlichung ermuntert hat. Da weiß auch der Autor selbst, dass diese letzte Bitte wahrscheinlich nicht erfüllt werden wird.
 
Max Brod wird in dem neuen Dokumentarfilm von Richard Dindo „Wer war Kafka“, der im Themenabend gezeigt wird, mit den Worten zitiert, dass Kafka hätte gewusst, dass er ihm diese Bitte nicht erfüllen werde. Wenn es ein wirklich ernsthafter letzter Wunsch gewesen wäre, hätte er jemand anders damit beauftragt.
Ja, das glaube ich auch. Es war eine ambivalente Bitte und glücklicherweise für die Nachwelt hat sie Max Brod nicht erfüllt.
 
Das Wort „kafkaesk“ wird heute bei uns auch in der Alltagssprache fast inflationär verwendet. Was ist denn ursprünglich damit gemeint?
Auf der ersten direkten Ebene meinte es wohl unerklärliche, nicht zu durchschauende Strukturen, wie sie Kafka auch in seinem Werk beschreibt. Aber man muss auch sehen, dass Kafka oft missverstanden wurde, als auch das Wort „kafkaesk“ missverständlich verwendet wird. Die Rezeption in Frankreich ist dafür ein schönes Beispiel. Dort wurde Kafka in den dreißiger Jahren zuerst als Surrealist begeistert gedruckt und gelesen, in der Anthologie des schwarzen Humors von André Breton. In den vierziger Jahren dann kamen die existenzialistischen Interpretationen von Camus und Sartre dazu. Interessanterweise heißt das für Deutschland, dass Kafka schon weltberühmt war, als er nach dem Krieg – bei den Nazis war er ja verboten – erstmals von Deutschen richtig gelesen wurde. Der seltene Fall eines Autors, der mit Weltruhm in das Land seiner Sprache zurückkehrt, wo ihn kaum jemand kennt. Das könnte man auch als kafkaesk bezeichnen. Er hatte eine kurze Rezeption in den zwanziger Jahren, dann war er verboten, und dann kam sein inzwischen weltberühmtes Werk über das Ausland wieder nach Deutschland zurück. Er wurde übrigens auch in England und Amerika schon viel gelesen, dort gab es mehr politische und psychoanalytische Interpretationen, aber der größte Ruhm dürfte von Frankreich ausgegangen sein.
 
Was war Ihr eigenes, intensivstes Leseerlebnis mit Kafkas Werk?
Ich war 1950 Lehrling im S. Fischer Verlag, das heißt, ich war an dem Ort, an dem Kafka in Deutschland erschien. Und ich bekam von meinem Vorgesetzten die Aufgabe, ein deutsches Buch einzuschätzen, das mit den Worten anfing: „Jemand musste Josef K. verleugnet haben.“ So etwas war mir völlig neu, denn wie alle jungen Männer damals wollte ich natürlich vor allem die Amerikaner lesen, Faulkner und Hemingway. So kam ich zum ersten Mal mit Kafka in Berührung, aber mein schönstes Leseerlebnis ist eigentlich ein Erzählerlebnis. Im Rahmen meiner Kafka-Forschungen bin vor etwa zwanzig Jahren auch einmal nach Triesch im heutigen Tschechien gefahren, wo Kafkas Onkel Siegfried Löwy Landarzt war, und wo die Erzählung „Der Landarzt“ spielt. Ich habe dann vor einem kleinen Krankenhaus einem Mann den Zettel gezeigt, auf dem in tschechisch stand, dass ich das Haus des Landarztes suche. Es war der Chefarzt der Klinik, der mich auf Deutsch hereinbat und erst einmal sagte „Kafka ist verboten“.
Das war er in der damaligen Tchechoslowakei auch. Dann bat er mich, ihm die Erzählung zu erzählen, d.h. ich habe dem Landarzt in Triesch Kafkas Geschichte vom Landarzt in Triesch erzählt, und am Ende sagte „Stimmt. Schöne Geschichte.“ Warum die Geschichte für ihn stimmt hat er mir auch gesagt. Bei Kafka muss der Landarzt mit seinen zarten Händen alles können und alles richten, und er sagte, dass er immer wenn er zu seinen Patienten ging, müsse er auch zuerst die elektrischen Leitungen reparieren. „Alles muss können der Arzt!“
 
Ein weiteres schönes Beispiel für eine kafkaeske Situation. Klaus Wagenbach, vielen Dank für das Gespräch.
 
Interview: Thomas Neuhauser / ARTE

Kurzbiografie Klaus Wagenbach:
Klaus Wagenbach, geboren 1930 in Berlin und dort aufgewachsen. Ab 1949 absolvierte er eine Lehre in den Verlagen Suhrkamp und S. Fischer; neben seinem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie in München und Frankfurt am Main war er Hersteller im S. Fischer Verlag. Nach der Promotion wurde Klaus Wagenbach 1957 Lektor im Modernen Buch-Club Darmstadt, ab Ende 1959 Lektor für deutsche Literatur im S. Fischer Verlag. Im Herbst 1964 gründete er in Berlin den bis heute unabhängigen Verlag Klaus Wagenbach. Honorarprofessor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Zahlreiche, insbesondere italienische Ehrungen.



Klaus Wagenbach (Sprecher)
Franz Kafka: Ein Landarzt und andere Erzählungen
LeseOhr (1999), Gelesen von Klaus Wagenbach, 71 Minuten, CD
CD: ISBN 3-8031-4031-5
MC: ISBN 3-8031-4030-7



Klaus Wagenbach
Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben
Allgemeines Programm (1989)
ISBN 3-8031-3547-8






Klaus Wagenbach
Franz Kafka. Biographie seiner Jugend
Allgemeines Programm (2006)
ISBN 3-8031-3620-2






Klaus Wagenbach
Kafkas Prag - Ein Reiselesebuch
Salto (1993), Bandnummer 42
ISBN 3-8031-1141-2


Erstellt: 22-01-07
Letzte Änderung: 22-01-07