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25/04/08

Kapitel 1: Helden

Kohleminen, Donbass/Ukraine


"Erzittere Grube, der besoffene Bergmann kommt", sagt Wolodja, bevor er in die Mausefalle kriecht. Die Mausefalle ist eine selbstgegrabene Mine, nicht höher als vierzig Zentimeter. Die Kumpel müssen auf dem Bauch liegend zweihundert Meter hineinkriechen, auf dem Bauch liegend die Kohle herausschlagen, auf dem Bauch liegend die Kohle zerkleinern und auf dem Bauch liegend die Kohle in eine Blechwanne schaufeln. Diese Blechwanne ziehen sie später mit einem Gummiband nach draußen....

Draußen, das ist ein kleines Bachbett am Fuße eines steilen Hanges. Dort wird die Kohle gesiebt, in Säcke gefüllt und auf ein kleines Wägelchen gestellt. Dieses Wägelchen ziehen die Männer mit Hilfe einer Seilwinde den Hang hinauf. Auch die haben sie selbst gebaut, aus einer alten Felge, auf die sich das Seil wickelt. Sie drehen die Felge, indem sie zwei lange Stangen gemeinsam vor sich her schieben. Ist die Kohle erst einmal oben, wird sie verteilt, getauscht und manchmal auch verkauft. Das reicht für ein warmes Zuhause und ein paar Nahrungsmittel.
Dies alles geschieht in einem der ehemals reichsten Bergbaugebiete der Welt, im Donetsk-Becken in der Ukraine. Hier war man stolz, ein Bergmann zu sein, hier war praktisch jeder Arbeiter Bergmann, hier hatte jede Stadt, jedes Dorf mindestens eine eigene Grube. Heute sperrt eine Grube nach der anderen zu. Die Schächte sind veraltet, unrentabel und voller Methangas. Oft wird Kohle noch mit Presslufthämmern abgebaut, und viele Kumpel gehen nur zur Arbeit, um die Grube am Leben zu erhalten. Lohn haben sie schon ewig keinen mehr gesehen.
In dieser Gegend wurde 1935 Aleksej Stachanov, ein Kohlenhauer aus dem Dombass, zum Helden der Arbeit. Er schlug in einer Nacht das Vierzehnfache der Arbeitsnorm aus dem Berg. Eine Stadt und eine Bewegung wurden nach ihm benannt, eine riesige Statue errichtet. Heute noch legt jedes Brautpaar einen Strauß Blumen an dieser Statue nieder.
Heute verwenden die Bergleute die gleichen Arbeitsgeräte wie zu Stachanovs Zeiten: Vorschlaghammer, Meisel und Spitzhacke. Sie arbeiten in kleinen und kleinsten Minen. Solchen, die sie selbst gegraben haben, und solchen, deren Standort nur mehr die Großeltern kannten. Es gibt Minen, in die man mit dem Fahrrad fährt, Minen, in denen nur Frauen arbeiten, alte, wieder angebohrte Schächte, kleine Gruben im eigenen Garten oder auch nur Schlackehalden. Wo immer noch ein paar Kübel Kohle oder Kohlestaub gefunden werden können, wird gegraben und gefördert.
In solchen Minen verdient man besser als im offiziellen Abbau, und man ist sein eigener Herr. Dafür wird man von der Polizei verfolgt oder von diversen Dachorganisationen "beschützt" - Bestechungs- und Schutzgelder fließen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sind meist Pensionisten oder entlassene Kumpel. Helme, Lampen und Stiefel haben sie noch aus der Zeit, in der sie in offiziellen Minen gearbeitet haben. Damals konnte man sich am Arbeitsplatz waschen. Das geht heute nicht mehr. Aber Kohlestaub ist schließlich kein Dreck, Kohlestaub ist Kohle, und Kohle ist Leben.
Und überall, wo nach Kohle gegraben wird, herrscht Dobro Schubin, der unberechenbare Geist der Grube. Gut oder böse kann er sein, je nach Stimmung, und so wissen alle Bergleute, dass es besser ist, ihn bei Laune zu halten. Denn dann bringt er Schutz und Glück.

Erstellt: 24-04-08
Letzte Änderung: 25-04-08