Schriftgröße: + -
Home > Workingman's death > Schwerstarbeit in 5 Kapiteln > Kapitel 3: Löwen

28/04/08

Kapitel 3: Löwen

Schlachthof, Port Harcourt/Nigeria


Der Schlachthof von Port Harcourt ist ein Labyrinth aus Menschen und Tieren. Das ganze Areal ist eigentlich ein Markt. Es liegt zwischen dem Zoo, einer gerade in Bau befindlichen Brücke, einem Fluss und einer Gegend, die Konzerne wie Coca Cola und Shell beherbergt.

Die Anlage besteht aus einigen Buden, einer großen überdachten Markthalle, einem Kühlhaus, einer umzäunten Koppel für die Kühe, halboffenen Schweineställen, einem Billardtisch unter einem Vordach, einer Moschee, einigen Wohnhütten, einem Hang zum Flussufer und den Plätzen, an denen geschlachtet wird.
Diese Plätze sind einen große betonierte Fläche, "the Slab", wo die Rinder geschlachtet, gehäutet und zerteilt werden, und eine verkohlte Erhebung, die zum Rösten von Kuhköpfen, Kuhhaut, Kuhfüßen und ganzen Ziegen dient.
Als erstes holen die jungen Helfer der Ziegenschlächter und Ziegenröster die Ziegen. Die Ziegen schreien am lautesten, während sie aneinandergebunden zum Schlachtfeld geführt werden. Ob sie bemerken, was ihnen bevorsteht, ist unklar - vielleicht ist es ihnen einfach nur unangenehm, aneinandergebunden herumgezerrt zu werden.
Dann holen andere junge Helfer, die davor Gummireifen zerschnitten hatten, mit Teilen dieser Reifen Feuer von den Feuerstellen der Frauen, die vor dem Gasthaus zu kochen beginnen. Wenn das Feuer zum Schlachtplatz kommt, mischen sich schon aufgeregte "Mallam, Mallam"-Rufe unter das immer lauter werdende Geschrei der Ziegen. "Mallam" heißt "Herr" oder "Mann" - es ist eine respektvolle Anrede für den obersten Ziegenschlächter, der so gerufen wird, um der Ziege, die gerade auf dem Boden festgehalten wird, für 40 Naira die Kehle durchzuschneiden.
Inzwischen treiben die Helfer der Kuhhändler und Schlächter die Rinder von der Koppel zum Slab. Das ist der schönste Moment für die Arbeiter. Es ist eine Mischung aus Mutprobe und ausgelassenem Laufen. Die Stiere, und handelt sich ausschließlich um Stiere, machen keinerlei Lärm, benehmen sich aber auf diesen fünfzig Metern zum Schlachtfeld noch einmal wild und ausgelassen, um sich dann aber fast apathisch ihrem Schicksal zu ergeben.
Am Slab werden die ersten Rinder zu Boden geworfen und klatschen dumpf auf den Beton oder in die schon entstandenen Blutlachen, während die Keiler ihr "Kandapellethead!" - "Innereien - Haut - Kopf" in die Welt hinaus singen. Manche verhandeln schon lautstark mit den eintreffenden Kundinnen, deren Preisvorstellungen meist auf einer anderen Ebene befinden.
Am Ziegenschlachtplatz ist noch immer das Schreien von Mensch und Tier, das Schlachten und das Rösten im Gange. Am Slab sind die Rinder inzwischen großteils gehäutet und zerteilt, und die Träger laden sich große Fleischteile auf die Schultern. Das gehört zu den schwersten Arbeiten überhaupt. Diese Männer laufen dann mit einem halben Stier auf den Schultern zu den Waschtrögen, wo sie das Fleisch kurz einweichen und reinigen, um es gleich darauf noch einmal zu schultern und damit quer durch den Markt zu laufen, wo sie es in Kofferräumen von Taxis und Lieferwägen verstauen.
Dieses Rad von treiben, schlachten, sterben, tragen, waschen, rösten, hacken, zerstückeln, handeln, schreien, streiten, kreischen, jubeln und laufen dreht sich frenetisch, bis es Mittag ist und die Geier kommen.

Erstellt: 24-04-08
Letzte Änderung: 28-04-08