Wolfgang Lutz ist Leiter des "World Population Program" am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA), Direktor des "Vienna Institute of Demographie" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, sowie Demografischer Koordinator des EU Observatoriums für die soziale Lage, Demografie und Familie.ARTE: Alternde Gesellschaft, demographischer Wandel … Können Sie kurz skizzieren, was die Demografie unter diesem Phänomen versteht ?
Lutz: Seit den 70-er Jahren ist die Geburtenrate in weiten Teilen Europas weit unter das Bestanderhaltungsniveau von zwei überlebenden Kindern pro Frau gefallen. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung deutlich angestiegen und wir erwarten auch kein baldiges Ende dieses Anstiegs. Zusammen bedeutet dies dass es immer mehr alte und immer weniger junge Menschen in Europa geben wird. Wir stehen erst ganz am Beginn dieser Entwicklung. Derzeit sind nur 3 Prozent der Europäer über 80 Jahre alt. Zur Mitte des Jahrhunderts werden es vermutlich schon über 10 Prozent sein und am Ende des Jahrhunderts vielleicht sogar mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

In welchen europäischen Ländern konzentriert sich dieses demografische Problem? Lässt sich die Tendenz zu immer weniger Kindern auch außerhalb Europas beobachten oder sind nur die Industrieländer betroffen ?
Die europäischen Geburtenraten sind derzeit in Nordeuropa und Frankreich am höchsten und in Zentral/Osteuropa und in Südeuropa am niedrigsten. Teilweise liegt dort die Geburtenrate bei weniger als zwei Dritteln des Bestanderhaltungsniveaus. Diese Länder werden auch am schnellsten altern.
Die Geburtenraten sinken derzeit auf der ganzen Welt. In den USA sind sie erstaunlich hoch (rund zwei Kinder pro Frau). In den meisten anderen Industrieländern sind sie sehr niedrig, besonders in Japan, Singapur und Südkorea. Selbst im riesigen China wird die Geburtenrate derzeit auf nur rund 1,6 Kinder pro Frau geschätzt. In Deutschland ist Vergleich zu anderen europäischen Ländern der Anteil an kinderlosen Frauen besonders hoch. Bei Akademikerinnen liegt er bei deutlich über 40 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich in Deutschland und Österreich (Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern), dass auch der Kinderwunsch in letzter Zeit deutlich gefallen ist.
Werden in der Debatte nicht soziale Fragen auf demografische Probleme reduziert ?
Die demographische Entwicklung ist eine objektive Tatsache an die sich Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik anpassen müssen. Die demographische Entwicklung wird nur durch drei Faktoren bestimmt: Geburtenrate (Fertilität), Sterberate (Mortalität) und Migration. Zusammen mit der vorgegebenen Altersstruktur der heutigen Bevölkerung bestimmen sie die zukünftige Bevölkerungsdynamik. Nur sehr langfristig ist eine Beeinflussung der demographischen Entwicklung möglich, und auch dies ist mit vielen Fragezeichen versehen.


Einzelne Industrieländer (besonders Frankreich und die USA) sind, aus unterschiedlichen Gründen, derzeit gar nicht so weit vom Bestanderhaltungsniveau entfernt. Die Länder, die derzeit weit darunter liegen, werden dies vermutlich auch in näherer Zukunft bleiben. Global gesehen ist es aber aus Sicht von Umweltverschmutzung und globaler Klimaveränderung gar nicht klar, dass eine viel höhere Geburtenrate erstrebenswert ist. Es wird auf die richtige Balance ankommen: weder zu hohes Wachstum der Weltbevölkerung noch zu schnelles Altern. Ein langsames Altern und Schrumpfen in Europa kann verkraftet werden, wenn die jüngere Generation ihre kleinere Zahl durch höheres Humankapital (Bildung) kompensiert.
Wie sollte eine vernünftige Bevölkerungspolitik ihrer Meinung nach aussehen ?
Bisher hat sich Politik in Deutschland darauf beschränkt, Familien finanziell zu fördern. Die Anhebung der Geburtenrate stand dabei nicht im Vordergrund sondern war eher ein erhofftes Nebenprodukt, das allerdings bisher nicht eingetreten ist. Die direkte Beeinflussung der Geburtenrate ist erstens schwierig und zweitens ideologisch immer noch höchst umstritten. Eine möglich Strategie sind so genannte „Tempo Policies“, die nicht die Zahl der Kinder beeinflussen, die eine Frau im Laufe ihres Lebens zur Welt bringt, sondern die versuchen, den weiteren Anstieg des mittleren Gebäralters zu stoppen. Dieser Faktor hat einen ganz wichtigen Einfluss auf die Zahl der in einem Kalenderjahr geborenen Kinder, was wiederum der für die Altersstruktur bestimmende Faktor ist. Eine Verkürzung der Ausbildungszeit bei gleicher Qualifikation könnte hier eine der möglichen Strategien sein. Die Arbeitsmarktsituation für jüngere Menschen ist ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung zur Familiengründung. Besonders bei jungen Frauen ist hier die Vereinbarkeit von Beruf (wenn man einen Job bekommen hat) und Familie auch ein ganz entscheidender Faktor bei der Entscheidung zu Kindern.
Gibt es bevölkerungspolitische Initiativen auf EU-Ebene ?
Die EU hat laut den Maastricht - Verträgen zwar ein Mandat zur Beobachtung der demographischen Entwicklung, die Familienpolitik selbst fällt allerdings klar in den Bereich nationaler Kompetenzen. Aus diesem Grund sind der Europäischen Union bei der Bevölkerungspolitik die Hände gebunden. Angesichts der Reichweite der Folgen der demographischen Entwicklungen – wie dies auch jetzt erst bei der Evaluierung der Erreichbarkeit der Lissabon - Ziele von höchster Stelle betont wurde – wären allerdings größere Anstrengungen bei der Beobachtung und Analyse der Entwicklugen auf europäischer Ebene höchst wünschenswert. Es gibt für viele spezielle Fragen EU Agenturen. Für die Analyse der demographischen Entwicklung gibt es noch keine vergleichbaren europaweiten Anstrengungen.
Das Interview führte Nicola Hellmann






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