15/06/09
Keine Lust auf Schule
Interview
Ungefähr 80 000 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 16 Jahren bleiben in Deutschland vorsätzlich dem Unterricht für einen längeren Zeitraum fern. Was können Eltern und Lehrer tun, bevor es zu spät ist, bevor aus dem sporadischen Schwänzen Schulverweigerung wird?
Dr. Heinrich Ricking ist Sonderschullehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg am Lehrstuhl für Pädagogik, zum Thema "Schulabsentismus" hat er zahlreiche Titel publiziert.
ARTE: Schulverweigerung ist ja letztlich ein Hilferuf an Eltern und Lehrer. Warum wird das Bedürfnis nach Hilfe nicht rechtzeitig gesehen?
Dr. Ricking: Viel hängt von der Einstellung der Erwachsenen ab, d.h. wie sehr Lehrer und Eltern problem- und lösungsorientiert sind. Was die Eltern betrifft, gehe ich davon aus, dass die meisten von ihnen eine möglichst gute Schulbildung ihrer Kinder wünschen und auch viel dafür tun. Nun gibt es natürlich einige, die selbst große Probleme haben; das kann mit Krankheit, mit der sozialen Situation, mit vielen anderen Aspekten zu tun haben. Diese Eltern sind dann nicht in der Lage ihre Kinder beim Schulbesuch und überhaupt bei der schulischen Förderung zu unterstützen.
Was die Lehrer angeht, muss man feststellen, dass sie sich oft nur um die Kinder kümmern, die da sind und die Kinder, die eben nicht da sind, auch nicht in der eigenen Verantwortung liegen. So dass der Absentismus, also das Fehlen des Kindes, auch nicht als pädagogisches Problem verstanden wird. Aber gerade Lehrer und Lehrerinnen sind zunächst einmal in der Verantwortung hier mitzuhelfen, sowohl in der Einschätzung der Situation, also in der Diagnostik, als auch bei der Prävention und Intervention dieses Problemverhaltens.
Wie können Eltern und Lehrer erkennen, dass ein Kind gefährdet ist, bevor es zu spät ist?
Glücklicherweise ist der Schulabsentismus in der Grundschule noch relativ wenig vertreten. Es gibt einen Anstieg im Laufe der Zeit. In der fünften, sechsten, siebten Klasse sind die Quoten deutlich ansteigend. Es ist auch ein entwicklungspsychologisches Phänomen. Mit zunehmender Autonomie wagen die Schüler in dieser Hinsicht mehr. Frühe Warnzeichen sollten eigentlich erkannt werden. Sie treten mitunter schon in der Grundschule auf, aber spätestens ab Klasse fünf auch in den anderen Schulformen. Solche frühen Warnzeichen sind generelle Unzufriedenheit mit der Schule, häufige Konflikte mit Mitschülern und Lehrern, zuspätkommen zur Schule, Verlängerung von Fehlzeiten aufgrund von Bagatellkrankheiten, wenn beispielsweise ein Kind drei Monate wegen einer Grippe fehlt. Das sind so Warnzeichen, die auf jeden Fall wahrgenommen werden sollten. Lehrer sollten dann auch schon einmal eine Nachfrage stellen, bei dem Schüler selbst oder auch bei den Eltern.
Was können Eltern und Lehrer tun, wenn sie merken, das Kind schwänzt und es schwänzt nicht nur sporadisch?
Sie haben die beiden wichtigsten Instanzen genannt, nämlich die Schule und das Elternhaus. Ganz zentral ist hier, dass diese beiden Instanzen zusammen arbeiten, dass es also eine Kooperation gibt zwischen dem Elternhaus und den Lehrkräften, in erster Linie dann zwischen den Eltern und dem Klassenlehrer. Dass beide wissen, wie sie arbeiten, wie sie mit dem Kind umgehen und dass eben auch bei Fehlzeiten das Kind nicht in der Lage ist, die eine Instanz gegen die andere auszuspielen. Wenn ein ständiger Informationsfluss zwischen Eltern und Lehrern besteht, wenn Eltern und Lehrer sich gegenseitig über Probleme informieren, dann ist schon einmal eine hervorragende Basis für Prävention geschaffen; d.h. um die ganze Sache gar nicht erst in Gang zu bringen.
Lehrer beklagen ja oft, dass sie zu wenig Zeit haben für den Einzelnen und dass ihnen dann so ein Kind auch durch die Lappen gehen kann. Wie muss sich das Schulsystem ändern, damit man das Problem besser in den Griff bekommt?
In der Tat, das ist ein Problem. Im schulischen Kanon sind Gespräche zwischen Schülern und Lehrern gar nicht vorgesehen und insofern stellt das schon ein zentrales Problem dar. Wir wissen, dass Schüler, die eine positive Beziehung zu ihren Lehrern haben, sehr viel weniger die Schule schwänzen als die, die eher konfliktuöse Beziehungen haben. Und insofern würde ich zunächst einmal eine Ebene tiefer anfangen, nicht unbedingt das Schulsystem als Ganzes in Betracht ziehen, sondern die Frage stellen: „Was passiert in der Schule?“. Und da ist sowohl was Prävention angeht als auch Intervention angeht, von Bedeutung, dass eine problemorientierte Einstellung in der Schulleitung besteht, die die Lehrkräfte unterstützt, die sich für die Anwesenheit der Schüler einsetzen. Eine Schulleitung, die Schulabsentismus nicht nur als schulrechtliches Problem betrachtet, auf das man mit Bußgeldforderungen bei einer Anzeige beim Ordnungsamt reagieren kann. Weiterhin ist von Bedeutung, dass Lehrkräfte tatsächlich auch die Versäumnisse registrieren, einen Überblick haben, welche Schüler in welchem Ausmaß, wann, in welchen Stunden, an welchen Tagen Unterricht versäumen. Die eben schon genannten Warnsignale sind von großer Bedeutung. Lehrer sollten gerade nicht lange warten, bevor sie handeln, also nicht erst warten bis das Kind zehn Tage gefehlt hat, sondern möglichst sofort handeln. Das ist aus pädagogischer wie auch aus lerntheoretischer Sicht dringend notwendig. Aber auch die Beziehung zum Schüler, oder eben auch die didaktische Qualität des Unterrichts spielen eine erhebliche Rolle. Fragt man Schüler, warum sie fehlen, machen sie in erster Linie die Schule verantwortlich. Langeweile, uninteressante Themen, uninteressante Form der Aufarbeitung.
Und wie sind die Eltern gefragt?
Eltern sollten generell Schüler in ihrem schulischen Tun fördern, d.h. sie sollten interessiert sein, sie sollten nachfragen, sie sollten bei Problemen helfen, soweit das möglich ist. Das ist ja nicht immer möglich, aber sie sollten dann Aufmerksamkeit zeigen, wenn Probleme vorliegen. Sie sollten andererseits auch eine gewisse Aufsicht führen. Das ist natürlich immer abhängig auch von dem Alter des Kindes. Wir haben das Problem, dass vielen Eltern die Kinder ab 12, 13, 14 Jahren ihrer pädagogischen Einflussnahme entgleiten. Die driften weg, die beschäftigen sich mehr mit ihren Peers, also mit ihren Mitschülern, mit den Kumpels, sind nur noch selten zuhause und häufig haben gleichaltrige Gruppen, in denen eben auch geschwänzt wird, sozusagen eine Katalysatorfunktion. Sie fördern eigentlich noch das Schulschwänzen. Das wird ja nur in geringem Maße alleine betrieben.
Ich danke Ihnen für das Gespräch Herr Ricking.
Das Interview führte Angelika Schindler.
Grafik von Stella Rieck, 9b, Gymnasium Hohenbaden.
Erstellt: 01-09-04
Letzte Änderung: 15-06-09