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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 12/03/07

Keith Jarrett: "Facing You"

ECM (1972)


Das herausragende erste Soloalbum des Ausnahmepianisten
Von Reinhard Kager

Die Auswahl im Überblick








Der junge Pianist war kein ganz Unbekannter mehr in der Jazzszene, als er 1972 sein erstes Soloalbum veröffentlicht hatte: Keith Jarrett erregte schon bei Art Blakey und vor allem im Quartett von Charles Lloyd einiges Aufsehen. Nicht nur wegen seines kultivierten Anschlags, sondern auch wegen der harmonischen Kühnheiten, mit denen er zwischen 1966 und 1969 in der wohl free-jazzigsten Gruppe des amerikanischen Saxophonisten souverän agierte. Später brachte er – vor allem auch am E-Piano – ganz eigenwillige Farben in jene legendäre Gruppe von Miles Davis ein, die in Fillmore East einen fulminanten, auf einer Doppel-LP dokumentierten Auftritt hatte: mit Rockjazz der völlig freien Art.

Diese grenzenlose Freiheit, die Jarrett bei Charles Lloyd und bei Miles Davis praktizieren konnte, atmet auch sein erstes Solo-Album „Facing you“, das bei ECM erschienen ist. Im Gegensatz zu seiner zweiten Solo-LP, dem weit populäreren „Köln Concert", das 1975 seinen Weltruf begründet hatte, überschreitet Jarrett auf „Facing you“ nie den schmalen Grat zwischen Romantik und Kitsch. Es zeigt den jungen Virtuosen vielmehr als Meister im Umgang mit harmonischen Changes, als innig-versonnenen Melodiker und vor allem als fulminanten Kontrapunktiker. Schon der erste Track der LP mit dem Titel „In Front“, in dem sich die Phrasen der linken und die rechten Hand organisch zu verschränken scheinen, lässt erkennen, dass es kein Zufall war, dass Jarrett später auf Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ stoßen sollte.

Diese kontrapunktischen Verästelungen dürften das Album zur Zeit des Erscheinens Anfang der siebziger Jahre wohl ein wenig sperrig wirken haben lassen. Dabei enthält es bereits alles, was später den Weltruhm des 1945 in Allentown im amerikanischen Pennsylvania geborenen Pianisten ausmachen sollte: die klare, stets auf ausgewogenen Klang bedachte Anschlagskultur, den ausgeprägten Sinn für schier ausufernde Kantilenen, den geradezu hymnischen Impetus, den Jarrett mit dem großen John Coltrane teilt.
Und so paaren sich in „Facing you“ aufs Schönste harmonische Kühnheiten mit beseelten Melodien, zündende Grooves mit nachdenklichem Innehalten. In den besten Aufnahmen seines legendären Trios mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette, etwa dem gleichfalls bei ECM erschienenen Doppelalbum „Always Le Me Go“, kehrte Jarrett in der jüngsten Zeit wieder zu solch einer Spannung des Gegensätzlichen zurück, wie er sie in „Facing You“ bereits meisterhaft entfaltet hatte.

Text: Reinhard Kager

KEITH JARRETT: „FACING YOU“
Keith Jarrett, piano
ECM 1017 ST

Erstellt: 08-09-06
Letzte Änderung: 12-03-07


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