Mit dieser Platte hatte niemand gerechnet. Als 1972 das monochrom weiße Doppelalbum „Septober Energy“ auftauchte, wurde es zunächst mit einer etwas unentschlossenen Ehrfurcht herum gereicht und löste teilweise Begeisterung, aber auch kontroverse Debatten aus. Kein Wunder, ein über 50-köpfiges Orchester hatte bis dahin weder im Jazz noch im Rock irgendjemand auf die über 100 Füße gestellt, und schon gar nicht so viele hochkarätige Solisten vereint.
Eine schwergewichtige Jahrhundertaufnahme, ein erratischer, monumentaler Findling stand da plötzlich in der musikalischen Landschaft, schließlich war die Musik von Keith Tippett und seiner Großformation Centepede vom konventionellen Big Band-Sound mindestens ebenso weit entfernt wie von dem anderen, weit berühmteren weißen Doppelalbum der Popgeschichte. Und es gelang Tippett sogar diese schon rein quantitativ beeindruckende Zahl von Musikern in eine eigene musikalische Qualität zu verwandeln.
Ein Who’s who der höchst kreativen und eigenständigen britischen Jazzszene hatte sich da unter dem Primus inter pares Keith Tippett zu einem musikalischen und menschlichen Kollektiverlebnis von außergewöhnlicher Intensität versammelt. Großartige Instrumentalisten aus dem Soft Machine/Nucleus-Umfeld (Elton Dean, Robert Wyatt, Ian Carr, John Marshall), aus Chris McGregor’s Brotherhood of Breath (Dudu Pukwana, Mogezi Feza) und andere aus der Canterbury-Szene oder den exzellenten Band-Pools von Mike Westbrook und Graham Collier kamen hier im Juni 1971 für drei Tage zusammen und stellten ihre musikalische Individualität ganz in den Dienst der gemeinsam erarbeiteten Tippett-Komposition.
Die vierteilige Suite wurde nicht nur in Jazz- sondern auch in Rockkreisen aufmerksam gehört und diskutiert, schließlich hatte Keith Tippett als Gastmusiker die besten Platten der Art-Rocker King Crimson mit geprägt, und bei den Aufnahmen der „Septober Energy“ saß Crimson-Mastermind Robert Fripp als Produzent im Studio. Das hört man vielleicht am deutlichsten im beatgrundierten zweiten Teil, der damals von Puristen je nach Lagerzugehörigkeit als zu rocklastig oder als zu soli- und improvisations-verliebt empfunden wurde – der sich also das Beste aus beiden Welten genommen hatte und damit genau richtig lag.
Es blieb leider die einzige Aufnahme dieser kurzlebigen Groß-Kommune aus lauter individuellen Musikerpersönlichkeiten, die ökonomischen Probleme und die gruppendynamischen Zentrifugalkräfte waren wohl doch zu groß. Aber es muss – wie Schlagzeuger Robert Wyatt in den Liner Notes schreibt – ungeheuren Spaß gemacht haben, zusammen zu spielen - auch das ist 35 Jahre danach noch hörbar. Zwischen Spontaneität und Disziplin, Ordnung und Chaos hält Tippett das riesige All-Star-Ensemble zusammen, und stellt einmal mehr sein besonderes Gespür für Timing und abwechslungsreiche Arrangements unter Beweis. Ein Gespür, das auch schon die beiden vorausgegangenen Alben der Keith Tippett Group auszeichnete, die bei uns leider viel zu wenig Beachtung fanden.
Typisch für das ambitionierte Großwerk sind neben den Kollektivimprovisationen die langsamen Steigerungen von Chor und Orchester zu mitreißenden Tutti, angeführt von einer der ausdruckvollsten weiblichen Stimmen, die im Jazz wie in der Rockmusik bis heute zu finden ist: Julie Tippetts, die damals gerade ihre Weltkarriere als Julie Driscoll sehr bewusst hinter sich gelassen hatte, um mit ihrem Mann Keith Tippett zu neuen musikalischen Ufern aufzubrechen.
Der Ausnahme-Pianist Keith Tippett hat später die freie, aber immer von einer Grundidee geleitete Improvisation mit seiner Frau Julie im Duett weiter ausgelotet, oder in kleineren Besetzungen wie der „Mujician“-Gruppe. Er hat es aber auch nach Centepede immer wieder verstanden, seiner Liebe und Leidenschaft für das große Orchester und das große Arrangement nachzugehen: Mit „Ark“ (1978), dem „Dedication Orchestra“ (1992 und 1994) und zuletzt mit dem „Tapestry“-Orchestra, von dem schändlicherweise jetzt erst die bisher einzige Aufnahme veröffentlicht wurde, ein Live-Mitschnitt vom Le Mans Jazz Festival 1998. Lauter großartige, viel zu wenig bekannte Aufnahmen und Gruppenprojekte. „Centepede“ aber blieb unerreicht, und das keineswegs nur wegen der schon rein zahlenmäßig überwältigenden Größe, sondern weil das Zusammentreffen damals unter einem guten kompositorischen und atmosphärischen Stern stand.
Die „Septober Energy“-Suite strahlt mit über 85 Minuten bis heute Kraft, Mut, Ernsthaftigkeit und einen unbekümmerten Größenwahn aus, die kollektive Spielfreude springt beim Hören auch heute noch über und man hat das Gefühl, dass die Idee gar nicht so falsch war, man könne gemeinsam mehr erreichen, denn als Solist – wenigstens musikalisch. Ein ergreifender und überwältigender Ausdruck dieses Gemeinschaftsgefühls ist besonders der vierte Teil mit seiner Hymne „Unite for every nation“, wieder mit dramatischer Steigerung und großem Choreinsatz mit Julie Tippetts. Diese mächtige Schlusspassage mit ihrer humanen und musikalischen Botschaft klingt wie ein Jazz-Pendant zu Beethovens „Ode an die Freude“, nur ohne das ganz hohe Menschheits-Pathos. Groß aber eben nicht zu groß, und deshalb muss davon auch nichts zurück genommen werden.
Mit King Crimson hätte Keith Tippett auch den Weg des Rockstars gehen können, Julie Tippetts hatte das 1971 als Julie Driscoll schon hinter sich, und beide verfolgen seither zusammen unbeirrt und konsequent ihr eigenes musikalisches Konzept – Solo, im Duett oder in der Gruppe. So wunderbare Großformationen wie Centepede mit ihrem einzigartigen Sound, damals noch beim Großlabel RCA veröffentlicht, sind heute allerdings kaum noch finanzierbar, geschweige denn auf Tournee zu schicken. Live wird so etwas leider nicht mehr zu erleben sein, um so schöner, dass es diese auch als CD gut klingende Aufnahme noch gibt. Schließlich gelingt es der „Septober Energy“-Suite auch bei häufigem Hören immer wieder, etwas von der Tiefenwirkung und nachhaltigen Bedeutung herzustellen, die große Musik mit einer anspruchsvollen musikalischen Konzeption jenseits der Ökonomie haben kann. Oder um Keith Tippett's Credo zu zitieren: "May music never just become another way of making money."
Text: Thomas Neuhauser
Keith Tippett’s Centepede: „Septober Energy“ (1971)RCA 1971 (LP)
BGO 2000 (CD)






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