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Der beste französische Krimi 2004 jetzt auch auf Deutsch - 05/10/06

Yasmina Khadra: Nacht über Algier

Khadra-Fans können sich freuen: nach fünf Jahren ist er zurück, Kommissar Llob, der knurrige algerische Kriminalkommissar - der deutschsprachigen Krimiwelt durch die Trilogie Morituri (1999), Doppelweiß (2000) und Herbst der Chimären (2001/Deutscher Krimi-Preis 2002) - bestens bekannt. Und wieder ist Llob hautnah betroffen: Lino, seinem Leutnant, wird ein Mord angehängt, denn er hat sich die falsche Freundin ausgesucht: Die reizvolle Geliebte von Haj Thobane, einem Oberbonzen, der keinen Spaß versteht. Die Spur, die der Kommissar aufnimmt, um seinen Leutnant aus dem Knast zu holen, führt tief in die Vergangenheit ...

Waking the Dead - ein Kommissar kehrt zurück

khadra_gross.jpg.imageDataSeine Rückkehr grenzt an ein Wunder, denn der aufrechte Llob hat das Ende des dritten Bandes bekanntlich nicht überlebt: zu tief hatte er im Sumpf der algerischen Politfinanzmafia gewühlt. Dort wähnte er die Drahtzieher des islamistischen Terrors, der in den 1990ern eine Blutspur durch Algerien zog.
Doch zum Glück war der Kommissar im Zweitberuf Krimiautor, der einen Stapel Manuskripte hinterließ. Und so spielt der Roman denn auch ein knappes Jahrzehnt vor jener Trilogie, mit der Yasmina Khadra 1997/98 der internationale Durchbruch gelang, und versetzt uns in die gärende Atmosphäre des Jahres 1988 zurück, wo das Fass nach 26 Jahren FLN-Diktatur, Korruption und Mißwirtschaft kurz vorm Überlaufen ist:

Nacht über Algier
„Algier hat seine Seele zwar noch nicht ganz verloren, doch wo man auch hinblickt, es geht überall bergab. Du freust dich auf einen Abend an der Strandpromenade, aber kaum bist du da, hast du nur noch einen Gedanken: auf der Stelle umkehren. Wo früher Funken sprühten, breitet sich heute Sorge aus. [...] Die Cafés gleichen Höhlen, die Kinos sind geschlossen, die Parks und Esplanaden verkommen. [...] El bahja, Algier, der Heiteren, Strahlenden, geht es nicht gut. Ein unergründliches Unbehagen vergiftet die Gemüter. Niemand begreift, warum in einem Land, wo es für groß und klein zu essen und zu trinken gibt, ein ganzes Volk am Hungertuch nagt; niemand ist in der Lage zu erklären, warum sich die Rechtschaffenen unter dem hellen Licht der guten alten Sonne Algeriens nur tastend vorwärts bewegen, warum sich die Anständigen an den Häuserwänden entlangdrücken und die Jungen im Halbschatten der Toreinfahrten die entsetzliche Schwärze des Abgrunds aufsuchen.“

“Fair is foul and foul is fair”
Nolens volens wird Kommissar Llob in ein Komplott verwickelt, in dem neue Clans die alten Cliquen aushebeln – im Vorfeld des Oktober 1988, d.h. jener Volksunruhen, die als „émeutes de la semoule“ in die Chronik eingehen und ein neues Kapitel in der Geschichte des unabhängigen Algerien begründen, das die Verfassungsreform, das Ende des Sozialismus und den politischen Pluralismus bringt. Es brodelt und gärt allenthalben in dieser politischen Hexenküche, in der sich letztlich – doch so weit sind wir noch nicht – auch der Islamismus zusammenbraut, und Kommissar Llob tappt mitten hindurch, gibt den Hanswurst in einem Drama, in dem fast alle Personen zwei Gesichter haben, so dass man nach der letzten Seite gleich wieder von vorn zu lesen beginnt.
Auf der einen Seite bittet ihn ein Freund, Professor Allouche, seines Zeichens Psychiater, einen gefährlichen Psychopathen zu überwachen, den namenlosen Serienkiller genannt Dermato, der aufgrund eines präsidentiellen Gnadenerlasses aus der Haft freikommt ... auf der anderen wird Lino, seinem Leutnant, ein Mord angehängt, denn er hat sich die falsche Freundin ausgesucht, die reizvolle Geliebte eines Oberbonzen, Haj Thobane, der keinen Spaß versteht und sehr schnell zur Zielscheibe eines Attentats wird.
Die Spur, die der Kommissar aufnimmt, um seinen Leutnant aus dem Knast zu boxen, führt, wie immer, quer durch alle Gesellschaftsschichten, in verruchte Kaschemmen und versnobte Restaurants. Und sie führt tief ins algerische Hinterland, tief in die Vergangenheit ... die Vergangenheit Haj Thobanes, die Vergangenheit des Namenlosen, die Vergangenheit Algeriens ...

Aufarbeitung der Vergangenheit
Zusammen mit der so attraktiven wie undurchschaubaren Soria Karadach, einer „elegante[n] Brünette[n] mit riesengroßen Augen, vollem Mund und einem herrlichen Leberfleck“, ihres Zeichens Historikerin, recherchiert Llob im einstmals idyllisch gelegenen ländlichen Weiler Sidi Ba, aus dem die industrielle Revolution „ein Riesenghetto mit zerfressenen Straßen, grindigen Bürgersteigen und einem schwindelerregenden Wirrwarr abscheulicher Gassen“ gemacht hat, und bekommt ein ganz heißes Eisen zu fassen: die Massaker an den Harkis, jenen Algeriern, die damals, im Befreiungskrieg, auf der falschen Seite standen und dafür nach der Unabhängigkeit mit dem Leben büßten, Opfer blinder Rachegelüste und gemeiner Habgier ... die Kehrseite der glorreichen Revolution, die in Kommissar Llob, selbst Mudschahid, also Befreiungskämpfer, ungeahnte Empfindlichkeiten weckt und ihn dazu bringt, sogar die eigene Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen ...
Am Ende bekommt Soria, wonach sie sucht, und Kommissar Llob steht vor einem Berg böser Vorahnungen und Fragezeichen: „Von welcher Wahrheit sprechen Sie, Si Brahim? Es hat niemals eine gegeben.“ Bemerkt Chérif Wadah, der algerische Che, einstiges Idol der Revolution, am Ende zynisch zu Kommissar Llob.
Yasmina Khadra ist da anderer Ansicht. Nicht umsonst hat er seinen Roman La Part du Mort genannt. Und damit, wie er im Interview mit der algerischen Zeitung „Liberté“ am 27. Mai 2004 erklärt, jenen Anteil gemeint, der den Toten zusteht, nämlich das Anrecht auf die historische Wahrheit. Und so ist dieser locker geschriebene Roman, in dem sich Fakten und Fiktionen mischen, zugleich ein Musterstück algerischer Gedächtnisarbeit, eine Fallstudie in Vergangenheitsbewältigung, ohne die es in Algerien, so Khadras Überzeugung, nicht vorangehen wird.

Commissaire Llob alias Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul
Mit Nacht über Algier legt Khadra bereits seinen sechsten Llob-Krimi vor. Den ersten zugleich, den er außerhalb Algeriens schreibt, in Mexico, der ersten Etappe auf dem Weg ins Exil, und in Aix-en-Provence, wo er seit 2001 mit seiner Familie lebt. Er habe, bekennt er, sein Alter Ego wieder zum Leben erweckt, nicht nur, weil die Leser ihn bestürmten, sondern auch, weil er „seine Nähe brauchte“ (Liberté, 27. Mai 2004), als treuer Begleiter aus jenen Tagen, da er, damals noch als algerischer Offizier Mohammed Moulessehoul, zwischen zwei Anti-Terror-Einsätzen im Schützengraben den algerischen roman noir auf den Höhepunkt führte und damit, unter wechselndem Pseudonym, zum brillanten Radiologen seiner Gesellschaft wurde, wie Beate Burtscher-Bechter (1), die Innsbrucker Romanistin und Entdeckerin Khadras für den deutschen Buchmarkt, in ihrer Studie „Algerien – Ein Land sucht seine Mörder“ anschaulich beschreibt.

„Roman noir“ und - beinahe schon ein Familienroman
In der Tat findet der Leser in diesem 400-Seiten-Schmöker, der beinahe so dick ist wie die gesamte Trilogie, das ganze vertraute, leicht verjüngte Personal wieder: den hochnäsigen Direx und dessen katzbuckelnden Adjutanten Bliss; den alten, unterwürfigen Inspektor Serdj, der in Morituri Opfer der Islamisten wird; Baya, die aufgetakelte Sekretärin und natürlich den leichtlebigen Assistenten Lino, mit dem Llob ein knurrendes Vater-Sohn-Verhältnis verbindet, das er in Herbst der Chimären als „Freundschaft im Rohzustand“ beschreibt, „so starrköpfig wie die Liebe“, „so solidarisch wie die Komplizenschaft“.
Auch alle anderen Ingredienzen sind da, der bissige Humor, die aggressiven Dialoge, die schonungslosen Charakterporträts, die lyrische Wehmut der Landschaftsbilder. Dass die deutsche Version des Romans, der in Frankreich bereits zwei Preise erhielt (Prix du Meilleur Polar Francophone 2004, Prix littéraire Beur FM Méditerranée 2005), eine Spur stärker auf den Plot fokussiert, tut dem Lesespaß wahrlich keinen Abbruch.

„Gehen Sie nach Bulgarien.“
Zumindest  seine Drahtzieher würden Llob gerne dorthin schicken, ehe er die nächsten Leichen aus ihren Kellern holt. Aber ob Khadra, dessen Romane gelegentlich auch im Ausland spielen - an den Brandherden der islamischen Welt, in Afghanistan oder Israel -  sein Alter Ego im nächsten Roman tatsächlich in Bulgarien ermitteln lässt, das freilich steht auf einem ganz anderen Blatt.


Eine Rezension von Regina Keil-Sagawe


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Literaturangaben:
(1) Beate Burtscher-Bechter: Algerien – ein Land sucht seine Mörder.
Die Entwicklung des frankophonen algerischen Kriminalromans (1970-1998), Frankfurt: IKO-Verlag 1999.

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Nacht über Algier
Von Yasmina Khadra
Aus dem Französischen von Frauke Rother
Aufbau-Verlag, März 2006
ISBN: 3351030649





Erstellt: 30-03-06
Letzte Änderung: 05-10-06


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