5. April 1923, ein Schallplattenstudio der Firma Gennett in Richmond, Indiana. Eine Dame und sechs Herren haben sich vor den Mikrofonen postiert, um ein paar Titel aufzunehmen - die ersten in dieser Besetzung. Später werden die Fachleute diese Platten als die repräsentativsten und historisch bedeutsamsten des so genannten "New Orleans Stils" feiern. Der Kornettist Joseph Oliver, stand kurz vor seinem 38. Geburtstag, konnte bereits auf den schmückenden Beinamen "King" stolz sein und wurde auch schon in diesem Alter von Freunden liebevoll "Papa Joe" genannt.1918 war er, wie eine ganze Reihe von Musikerkollegen, von New Orleans nach Chicago gezogen, wo die Aussichten, ein Auskommen zu finden, wesentlich günstiger waren als dort unten im Süden. Das "Royal Gardens" war in der "Windy City" eine erste Wirkungsstätte. Mit einer Band unter eigenem Namen war King Oliver dann im Januar 1920 im "Dreamland" aufgetreten und hatte 1921 und 1922 fast ein Jahr lang in Kalifornien gespielt.
Inzwischen war in Chicago das "Royal Gardens" renoviert und in "Lincoln Gardens" unbenannt worden, etwa 700 Besucher konnten nun dem heimgekehrten Kornettisten und Bandleader zuhören. Im August 1922 hatte er einen jungen Musiker, der das gleiche Instrument spielte und ebenfalls aus New Orlean stammte, in seine Band geholt. Louis Armstrong hieß er, der später sagte: "Ihm danke ich alles, keiner im Jazz hat soviel Musik geschaffen wie Papa Joe Oliver."
Die Posaune in "King Oliver's Creole Jazz Band", wie die Gruppe nun hieß, spielte Honore Dutrey, am Piano saß eine 21-jährige Lady, Lil Hardin war ihr Name und 1924 wird sie dann Louis Armstrong heiraten. Johnny Dodds hieß der Klarinettist, sein Bruder Baby Dodds saß am Schlagzeug, und komplettiert wurde die Band durch den Banjospieler Bill Johnson.
"Mandy Lee Blues", "Snake Rag" und "Canal Street Blues" wurden an jenem 5. April 1923 aufgenommen, letzterer eine Gemeinschaftskomposition von Oliver und Armstrong. Beide steuerten am nächsten Tag auch "Dippermouth Blues" bei, dazu stand "Froggie Moore" auf dem Programm, in dem das Solo des jüngeren der beiden Kornettisten zeigt, dass er seinen Chef und Mentor bereits überrundet hat, was Virtuosität und Einfallsreichtum betrifft. Für die Komposition von "Weather Bird Rag" ist Armstrong allein verantwortlich.
Der Dämpfer als Markenzeichen
Im "Dippermouth Blues", der später von etlichen Bands gern aufgegriffen wird, setzt Oliver seine Spezialität ein, den Dämpfer. "Mit einem gewöhnlichen Blechdämpfer konnte er sein Horn zum Sprechen bringen", urteilte ein Musikerkollege. Auch in der zweiten Version dieses Titels, am 23. Juni 1923 aufgenommen, kommt der Dämpfer zum Einsatz, und auch hier ertönt ein aufmunterndes "Oh, play that thing", diesmal aber von Banjospieler Bud Scott gerufen. Ansonsten steht die gleiche Besetzung wie im April im Studio, nun jedoch in Chicago, und die Plattenmarke ist jetzt "Okeh".Weitere Aufnahmen dieser CD entstanden - mit geringfügig wechselndem Personal - im Oktober 1923. Außerdem gibt es ein Trio mit der Sängerin Sippie Wallace von 1925 und unterschiedliche Bands von King Oliver aus den Jahren 1926 und 1929, nun mit größer Besetzung und ohne Armstrong. Aber auch hier lassen sich Musiker hören, die später die Ranglisten ihrer Instrumente anführen, z.B. die Klarinettisten Albert Nicholas und Barney Bigard.
Die ersten Platten aus dem Jahr 1923 sind klassische Beispiele des New Orleans-Stils der 20er Jahre. Kollektivimprovisationen überwiegen im Verhältnis zu den Einzelsoli. Die Breaks - kurze rhythmisch-melodische Kadenzen zwischen Ensemble-Passagen - werden meistens von den beiden Kornettisten übernommen.
"King Oliver's Creole Jazz Band" hat hier zweifellos ein bedeutendes Stück Jazzgeschichte geschrieben.
Text: H.-Werner Wunderlich
Jazz - The Essential Collection (CD 1 in Vol. 1):
King Oliver
In & Out Records
IOR CD 78011-2
(Vertrieb: in-akustik)






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