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Kulinarisches Kino

Im März gibt sich ARTE den Gaumenfreuden auf der Leinwand hin. Seit den Anfängen des Kinos mit den Gebrüdern Lumière spielt Essen im Film eine essentielle (...)

Kulinarisches Kino

Freitag, 24.03.06 ab 22.10 Uhr - 17/03/06

Kino - Zum Fressen schön

Themenabend


Anhand tafelnder Personen, ihrer Tischsitten, ihres Schweigens bei Tisch oder ihrer ausufernden Gelage kann in wenigen Bildern mehr über das historische Umfeld oder die Dramaturgie des Films ausgesagt werden als durch lange Dialoge. Der Film ist die Kunst der Metapher par Excellenze. So steht das Essen für etwas ganz anderes - vielleicht Anzügliches oder Skandalöses - und setzt Uneingestandenes in Szene. Ein Schlemmerabend in zwei Teilen: In der Dokumentation "Das Kino bittet zu Tisch" kommen Regisseure zu Wort, die das Essen zum Mittelpunkt ihrer Filme gemacht haben: Gabriel Axel, Wong Kar Wai, Thomas Vinterberg, Sergio Castellito, Michel Piccoli, Gérard Depardieu, Claude Chabrol und Francis Girod. Den zweiten Teil bildet "Tampopo", ein kulinarischer Spielfilm aus Japan von Juzo Itami.

Um 22.10 Uhr
Das Kino bittet zu Tisch
Dokumentation

Von den beiden knapp einminütigen Filmen der Brüder Lumière "Die Einfahrt des Zuges in den Bahnhof von La Ciotat" und "Babys Frühstück" ist ersterer als Urszene des Kinos anzusehen, letzterer - mit dem Baby auf dem Schoß der Mutter, dem das Frühstück in den Mund gestopft wird - als Urszene der Kinofans. Seit über 110 Jahren gibt es kaum einen Film, in dem keine Nahrung zu sehen ist. Die Mahlzeit offenbart die Charaktere, die Schwächen oder Stärken der Figuren, das soziale Milieu, in dem sie leben, die Sitten und Gebräuche einer bestimmten Epoche, die Grenzen des im Film sinnlich und intellektuell Erfassbaren. Deshalb hat die Dokumentation die folgenden drei Schwerpunkte gesetzt: An erster Stelle steht der psychologische Ansatz - frei nach dem Motto: Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist. Das Essen dient also zur Charakterisierung der einzelnen Figuren. Der zweite Ansatz beleuchtet das Essen als soziales Kennzeichnen, insbesondere zur Zeichnung von Gruppenporträts. Die Tafel ist ja ein Ort der Gemeinsamkeit - an dem übrigens der Küchenchef oft die Fäden in der Hand hat. Essen ist auch mit einem Zeremoniell verbunden, das unweigerlich auf die Herkunft der Gäste verweist. Der dritte Ansatz beleuchtet die vielfältigen körperlichen Aspekte des Essens und zeigt die jeweiligen physischen Auswirkungen von Unterernährung beziehungsweise Übersättigung. Bei der Nahrungsaufnahme erlebt sich der Mensch einerseits als organischen Körper, der täglich seine biologische Aufgabe erfüllt, und andererseits als vom Begehren und von Wunschvorstellungen beherrschtes Wesen. Sex und Essen haben folglich eine gemeinsame orale Komponente. Die Dokumentation zeigt, wie sich der Film dieser komplexen Beziehung bemächtigt hat. Ob eine Orgie zum Tode führt oder ob sie grenzenlose Lust verherrlicht - auf jeden Fall dienen Tafelszenen im Film dazu, etwas ins Bild zu setzen, was man mit Worten nicht einzugestehen wagt. Die Offenbarung des verborgenen Geheimnisses hinter den großen Essszenen zeigt die ganze Kraft des Themas. Die Dokumentation bietet ein cineastisch, geografisch und gastronomisch breit gefächertes Bild der filmischen Umsetzungen: von Claude Chabrol zu Wong Kar Wai, von Claude Sautet zu Park Chan Wook, der neuen Ikone des asiatischen Films, von Gabriel Axel zu Thomas Vinterberg, mit Zwischenstationen bei Stars wie Gérard Depardieu, Michel Piccoli und Sergio Castellito. Die Interviews verweisen auf Bilder aus einschlägigen Kultfilmen, die mit prominenten Beispielen vertreten sind. Wer dächte hier nicht an "Das große Fressen" oder andere berühmte Filme dieser Art? Fotos, umfangreiches Archivmaterial und Filmmusik ergänzen diese Dokumentation.


Das Kino bittet zu Tisch
Dokumentation von Anne Andreu
Frankreich 2005, 61 Min.
Wiederholung am 2. April um 1.55 Uhr



Um 23.15 Uhr
Tampopo
Spielfilm

In einer japanischen Nudelküche muss alles extrem schnell gehen. Das heißt jedoch nicht, dass das schnelle Essen nicht auch hohe Kunst wäre. So kommt es, dass die junge Witwe Tampopo alles daran setzt, ihre Nudelsuppe zu perfektionieren und damit ihre Nudelküche berühmt zu machen. Richtige Zutaten und Zubereitung sind eine Sache, aber die Geisteshaltung, die es seitens des Kochs für die perfekte Nudelsuppe braucht, können nur wenige aufweisen. Unterstützung bekommt sie dabei von dem eigenwilligen Lastwagenfahrer Goro. Tampopo ackert, schaut und lernt. Sie versucht, anderen Nudelküchenbesitzer ihre Geheimnisse abzukaufen, legt sich mit der Konkurrenz an, lässt ihren Typ von Grund auf ändern, Goro immer an ihrer Seite. Parallel werden andere Schicksale erzählt, die alle mit dem Essen, der Lust am Essen, seiner Sinnlichkeit und seiner Geschwindigkeit zu tun haben.

"Tampopo" machte Juzo Itami im Westen als einen Filmemacher bekannt, der auf unnachahmlich turbulente und doch treffsichere Art und Weise versteht, die Sitten der japanischen Gesellschaft ironisch zu hinterfragen. Die im Film zelebrierte Anleitung zur Herstellung der perfekten Nudelsuppe wird zu einer Frage über das Leben schlechthin. Gangster, nach Feierabend randalierende Angestellte, Lkw-Fahrer, die sich als Cowboys der Moderne verstehen - Itami führt sie alle zusammen in dem wirren Mikrokosmos des kleinen Lokals. Das schnelle Essen als Nabel der Welt.


Tampopo
Spielfilm von Juzo Itami
Japan 1987, 109 Min.
Schnitt: Akira Suzuki Musik: Kuhiniko Murai
Mit: Nobuko Miyamoto - (Tampopo), Tsutomu Yamazaki - (Goro), Ken Watanabe - (Gun), Rikiya Yasuoka - (Pisken)
Wiederholung am 4. April um 15.00 Uhr und am 9. April um 0.20 Uhr

Erstellt: 17-03-06
Letzte Änderung: 17-03-06