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Vom 7. Juni bis 19. Juni 2006 auf ARTE - 07/06/06

Kino-Cocktail aus Thailand

ARTE Schwerpunkt


Junges thailändisches Kino


Von poppig bis paradiesisch: Auf europäischen Filmfestivals zeigt sich, dass das junge thailändische Kino sein Exotendasein längst hinter sich gelassen hat. Der Beginn einer internationalen Karriere?

Dum ist ein Held, der schneller schießt als sein Schatten. Der seine Kugeln über Bande zielt und haargenau das trifft, was er treffen will. Dum ist auch ein Held, der schneller schießt, als wir mit den Blicken folgen können. Darum hält die Regie einfach an und zeigt die Szene in Zeitlupe noch einmal: Dies ist der Weg, den die Kugel nahm. Jetzt sehen wir es und trauen
doch unseren Augen kaum, denn hier ist so manches anders als sonst. Wer zum Beispiel hat an den Farben der Natur gedreht? Sie sind alle falsch – die Blüten sind lila, die Pflanzen türkis. Und im falschfarbenen Wasser schwimmt ein Boot mit dem jungen Helden und der Frau, nach der er sich sehnt. Nur ist sie leider einem anderen bestimmt, der sie, das sehen wir schnell, gewiss nicht verdient hat. Das reinste Bollywood-Melodram, nur dass wir hier in Thailand sind, und in einem Western dazu.

Freie Liebe: die Klassiker des Westens und das thailändische Kino
Der Werbefilmer Wisit Sasanatieng drehte mit seinem bonbonbunten Erstling „Tears of the Black Tiger“ (2001) einen Kultfilm, doch in Thailand selbst bemerkte es zunächst niemand. In seiner Heimat war der Film ein Flop – bis er noch im gleichen Jahr in Cannes zu sehen war, als erster Beitrag aus Thailand überhaupt. Seitdem sind seine Landsleute plötzlich sehr stolz auf Sasanatieng. Zu Recht, denn er ehrt die Meister der Thai-Tradition und ihre im Westen völlig unbekannten Filme. Ästhetisch sprechen sie die Sprache reiner Unterhaltung: bunt, kitschig, melodramatisch. Auch „Tears of the Black Tiger“ ist bunt, kitschig und melodramatisch, geht aber noch weiter und hat von allem ein bisschen zu viel. Sasanatieng bewegt sich mit seiner kalkulierten Künstlichkeit sehr genau auf der Grenze zwischen Parodie und Hommage. Er liebt die Klassiker – aber ganz ernst nimmt er sie nicht.
„Tears of the Black Tiger“ ist nur eines der Beispiele für den Boom des thailändischen Kinos, der in der immerhin 70 Jahre währenden Filmgeschichte des Landes einmalig ist: So hat sich innerhalb von nur drei Jahren die Zahl der produzierten Filme von 16 im Jahr 2002 auf 50 im Jahr 2005 mehr als verdreifacht. Und anders als bei der ersten „Neuen Welle“ eines sozialkritischen Kinos Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre, erregt der Boom derzeit weit über die Grenzen des Landes hinaus beträchtliches Aufsehen.

Ganz einfach zu merken: Apichatpong Weerasethakul
Spätestens seitdem junge Regisseure wie Pen-ek Rata-naruang („Monrak Transistor“, 2001) und Apichatpong Weerasethakul („Blissfully Yours“, 2002) immer häufiger auf den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin ihre Filme vorstellen, gibt sich die Weltkinogemeinde große Mühe, die fast unaussprechlichen Namen thailändischer Regisseure zu erlernen. Vor allem der 1970 geborene Apichatpong Weerasethakul darf bei einem Überblick über die wichtigsten Filmemacher nicht fehlen. Viele Kenner halten ihn im Moment sogar für den weltweit wichtigsten jungen Kinoautor. Sein dritter Spielfilm „Tropical Malady“ war vor zwei Jahren der erste thailändische Film, der im Wettbewerb von Cannes den Großen Preis der Jury gewann. Dennoch ist Weerasethakul in seiner Heimat einem breiteren Publikum kaum bekannt. Denn er verließ Thailand erst einmal, um am „Art Institute“ in Chicago zu studieren, einer Kunst-, keiner Filmhochschule. Es verwundert also nicht, dass er sich bis heute eher von Künstlern wie Andy Warhol beeinflusst zeigt als von der Filmtradition seines Landes.
Was Weerasethakul als Teil der internationalen Avantgardeszene ausweist, sind vor allem die formalen Aspekte seiner Filme, die Lust am Experimentieren und der spielerische Umgang mit den Konventionen des Erzählkinos. Sein experimenteller Liebesfilm „Blissfully Yours“ hat neben einer der naturalistischsten Sexszenen der jüngeren Filmgeschichte beispielsweise einen Vorspann zu bieten, der erst in der Mitte des Films abgespielt wird. Hinzu kommen ein Held mit Hautkrankheit und der lange Ausflug eines Liebespaares in einen paradiesartigen Dschungel.

Homosexuelle Paare, sprechende Tiger
Weerasethakuls dritter Film „Tropical Malady“ irritiert den Betrachter durch eine seltsame Teilung der Form: Sie zerfällt in zwei Hälften, deren Zusammenhang keineswegs offensichtlich ist. Handelt die erste Hälfte von einem homosexuellen Liebespaar, erzählt die zweite von einem sprechenden Tiger im Dschungel. Eine solche Übernahme lokaler Legenden, aber auch das Aufgreifen aktueller politischer Themen wie die Ausgrenzung burmesischer Immigranten in Thailand („Blissfully Yours“) macht Weerasethakul gleichzeitig zu einem durchaus heimatverbundenen Regisseur.
Daneben ist der größte Festivalliebling in Europa derzeit Pen-ek Ratanaruang. Bei Kinokritikern beeindruckte er rasch mit einigen sehr unterhaltsamen Filmen, zu denen auch „Monrak Transistor“ gehört. In spielerischer Manier erzählt er darin von Liebe, Schuld und der Sehnsucht nach Anerkennung. Sein geprügelter Held Pan ist ein junger Amateursänger, der vom Militärdienst desertiert, um an einem Gesangswettbewerb teilzunehmen. Ratanaruangs jüngster Film, die eher finstere Film-Noir-Ballade „Invisible Waves“ (2006), war im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale zu sehen – ein Werk mit Starbesetzung: Als Hauptdarsteller verpflichtete der Regisseur den japanischen Herzensbrecher Tadanobu Asano, ins Bild setzte ihn Wong Kar-Wais Kameramann Christopher Doyle („In the Mood for Love“).

Ein Ehemann für eine Nacht
Einige thailändische Produktionen, darunter auch Kunstfilme, haben bereits den Weg in westliche Kinos gefunden, so wie „Iron Ladies“ (2000), eine Komödie über ein Volleyballteam von Schwulen und Transvestiten. Ebenso auf wahren Begebenheiten beruht der Film „Beautiful Boxer“ (2003) über einen Kickboxer, der sich nach einer Geschlechtsumwandlung sehnt. Die zuvor als Experimentalfilmerin bekannte Regisseurin Pimpika Towara hat sich mit ihrem ersten Spielfilm „One Night Husband" (2003) – der vor kurzem in den deutschen Kinos zu sehen war – in die erste Reihe der thailändischen Regie-Hoffnungsträger gespielt. Mit großer Subtilität erzählt sie darin vom Verschwinden eines Ehemanns in der Hochzeitsnacht und den Nachforschungen der zurückgelassenen Ehefrau.
Die unerhörte Lebendigkeit des aktuellen thailändischen Kinos zeigt sich vor allem daran, dass nicht nur die Riege der anspruchsvollen Filmemacher Ansehen erworben hat – auch die kommerzielle Filmszene feiert derzeit erstaunliche Erfolge. So drehen die aus Hongkong stammenden, aber in Thailand arbeitenden Brüder Oxide und Danny Pang bombastische Horrorfilme und Thriller. Mit ihren Produktionen „Bangkok Dangerous“ (1999) oder „The Eye“ (2002) sind sie zu ernst zu nehmenden Konkurrenten des Markenartikels „J-Horror“ – also des japanischen Horrorfilms im Gefolge von „The Ring“ – geworden. Der international erfolgreiche Kampfsportfilm „Ong Bak: The Thai Warrior“ (2003) ließ den Darsteller und Kickboxer Tony Jaa zum internationalen Superstar werden.
Dass der Erfolg des thailändischen Films weiter andauern wird, ist angesichts der Vielfalt der Talente so gut wie sicher: Momentan finden ernsthafte Verhandlungen um die Einrichtung staatlicher Filmförderprogramme statt – und in der bislang durchweg kommerziellen Kinoszene Bangkoks gibt es mit dem im vergangenen Jahr eröffneten „House“-Kino endlich auch eine Abspielstätte für den alternativen Film aus Thailand. Noch fehlt sicherlich ein Stück zu den Erfolgen, die das koreanische Kino derzeit feiert. Aber die Zukunft des thailändischen Kinos hat, wie es aussieht, gerade erst begonnen.

Ekkehard Knoerer für das ARTE Magazin


ARTE PLUS
DVD-Tipps:
Tears of the Black Tiger, 2006
Iron Ladies, 2002

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Vom 7. Juni bis 19. Juni 2006 auf ARTE
Thailändischer Film Reihe

Erstellt: 31-05-06
Letzte Änderung: 07-06-06