Doch der große Mann misstraut dem Film. Er will nicht gefilmt werden und hält es im Übrigen für unmöglich, die psychoanalytische Arbeit mit filmischen Mitteln darzustellen. Als Samuel Goldwyn, einer der Gründerväter Hollywoods, ihm 100 000 Dollar für das Verfassen eines Drehbuchs anbot, lehnte Freud kategorisch ab. Doch das Drehbuch für den ersten Film über die Psychoanalyse, Geheimnisse einer Seele (Regie: G. W. Pabst, 1926) schrieb Karl Abraham, einer seiner engsten Mitarbeiter.
- Der psychoanalytische Thriller
Dennoch wahrte auch der Film einen gewissen Abstand zur Erkundung des Unbewussten. Bis 1945 wurden die Psychiater im Film als gefährliche Scharlatane, im besten Fall als vollkommene Dummköpfe dargestellt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand die Entdeckungen der Psychoanalyse ein größeres gesellschaftliches Echo, insbesondere in den USA. Hitchcock zufolge ist der Psychiater jetzt der „Erforscher der Träume“, der von seinem Sprechzimmer aus Fälle löst, indem er die Ursachen eines Traumas aufdeckt. In Hitchcocks Film Spellbound („Ich kämpfe um dich“) aus dem Jahr 1945 werden dem Psychoanalytiker erstmals dieselben Chancen zugestanden, einen Fall aufzuklären, wie dem Polizeiinspektor und dem Privatdetektiv. Ingrid Bergman spielt hier eine resolute Psychiaterin, der es zu beweisen gelingt, dass der an Gedächtnisverlust leidende Gregory Peck den Mord, dessen er sich beschuldigt, nicht verübt hat. Der Film wirkt zwar wegen der naiven und wenig nuancierten psychoanalytischen Botschaft schwerfällig, dennoch schlug er eine Bresche in die Hollywoodproduktion. 1949 folgte Whirlpool („Frau am Abgrund“) von Otto Preminger, wo Gene Tierney, die überzeugt ist, eine Mörderin zu sein, von ihrem Mann und Psychiater für unschuldig erklärt wird. 1959 drehte Joseph Mankiewicz Suddenly Last Summer („Plötzlich im letzten Sommer“) mit Montgomery Clift als erfahrenem Psychiater, der seelische Leiden analysiert und heilt. Drei Jahre später spielt Montgomery Clift Sigmund Freud in dem gleichnamigen Film von John Huston. Innerhalb von 15 Jahren hatte sich der Film die von dem Wiener Arzt erfundene Wissenschaft völlig zueigen gemacht.
- Surrealismus und Psychoanalyse
Auch wenn nicht unbedingt ein Psychiater auf der Leinwand erscheint, nutzen einige Filmemacher das Potential der Psychoanalyse für ihr Schaffen. Auch das surrealistische Erbe bedient sich dieses ästhetischen Verfahrens, wie Salvador Dalís Traumsequenzen in Spellbound beweisen. Und David Lynch lässt bereits in seinen Kurzfilmen Arme aus Menschenköpfen wachsen, bevor letztere brennen oder sich übergeben. In Blue Velvet (1986) tun sich hinter der (zu) glatten Fassade einer amerikanischen Kleinstadt wahre Abgründe auf: Bei der einleitenden Kamerafahrt – eine Art Metapher für das Werk des Regisseurs – gleitet die Kamera zunächst über einen frisch gemähten makellosen Rasen und verharrt dann bei einem ekelerregenden Insektengewimmel. „Diese heile Vorstadtwelt hat auf den ersten Blick beruhigend und trivial, aber sie hat auch ihre Schattenseiten und Abgründe, die so tief wie andernorts sind. Diese Abgründe auszuloten und zu erforschen, das ist meine Lieblingsbeschäftigung,“ erklärt David Lynch. Eine Vorgehensweise, die durchaus an die des Psychoanalytikers erinnert. Auch Tim Burton schaut gern hinter die trügerische Oberfläche, kann dabei aber ein gewisses zärtliches Mitgefühl für die monströsen Wesen nicht verhehlen. In Edward Scissorhands („Edward mit den Scherenhänden“, 1990) spielt Johnny Depp einen künstlich erschaffenen Menschen, dessen Hände allerdings Scheren sind. Der sanftmütige und naive Behinderte wirkt, in Anlehnung an den kathartischen psychoanalytischen Prozess, in seinem Umfeld wie ein emotionaler Katalysator. In Mars Attacks! (1996) spielt der Regisseur mit halb menschlichen und halb tierischen Gestalten, was an ein riesiges surrealistisches Gemälde erinnert.
- Die Psychoanalyse bemächtigt sich des Films
In den 1970e-Jahren begann die Psychoanalyse ihrerseits, sich für den Film zu interessieren. Die Filmtheoretiker Laura Mulvey und Christian Metz beispielsweise setzten bei ihren Filmkritiken die psychoanalytischen Erkenntnisse über das Unbewusste ein. Metz zufolge wird von der im Bild erscheinenden Person angenommen, dass sie sich des Blicks, der auf ihr ruht, nicht bewusst und der Zuschauer infolgedessen ein Voyeur ist. Das Ansehen des Films reproduzierte deshalb die „Urszene“, die Freud als Auslöser für den ödipalen Konflikt betrachtet. Diese psychoanalytische Interpretation des Films als solchem trifft insbesondere für das Werk von Ingmar Bergman zu: In Das Schweigen (1962) und Persona (1966) werden die leidenden Wesen geistig-psychisch miteinander konfrontiert, und der Zuschauer ist von vorneherein in der Position des Voyeurs. Das Motiv des Spiegels, der ein verzerrtes Bild der gestörten psychischen Realität reflektiert, taucht immer wieder in den Filmen des schwedischen Regisseurs auf, von Persona bis Das Schlangenei (1977) und Von Angesicht zu Angesicht (1976).
Der Psychoanalytiker Andrea Sabbadini vergleicht das Ansehen eines Films mit der psychoanalytischen Arbeit: Während eines bestimmten Zeitraums ist der Zuschauer von der Welt abgeschnitten, befindet sich außerhalb der realen Zeit und ist in einen imaginären Raum versetzt, in dem sich in ein paar Dutzend Minuten ganze Lebensgeschichten abspielen können. Bernardo Bertolucci, der zugibt, dass mehrere seiner Filme von seiner eigenen Psychoanalyse angeregt wurden (Der letzte Tango in Paris, 1972, und Der Konformist oder Der große Irrtum, 1970) vergleicht den Kinosaal gern mit „dem amniotischen Dunkel im Mutterleib“. Sabbadini nennt die Erfahrung des dunklen Kinosaals „regressiv“; zudem würden die Filmfans, die am Tag Hunderte Meter Celluloid konsumieren, zuweilen die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit meiden und sich lieber in eine phantastische Welt flüchten. Das zumindest ist der Weg von Woody Allen, der als Kind und Jugendlicher vor dem Alltag floh und viel Zeit in den Kinosälen seines Stadtteils verbrachte. Später wurde er ein großer Anhänger der Psychoanalyse und ist sicher der Regisseur, der die psychoanalytische Erfahrung mit Abstand am besten filmisch umgesetzt hat (von Innenleben, 1978, bis Eine andere Frau, 1988), was ihn jedoch nicht daran hinderte, sich über die Analytiker lustig zu machen. Derartige respektlose Hommagen scheinen untrüglich darauf hinzuweisen, dass das Paar Psychoanalyse/Film an Scheidung nicht denkt.
Franck Garbarz






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