Kritik: Ein Taxi fährt durch abgeschiedenes Bergland. Die Passagiere, besonders ein älterer Mann fürchten um ihr Leben, in der Nähe geriet eine Kompanie der algerischen Armee kürzlich in einen Hinterhalt. Fast alle Soldaten wurden dabei grausam hingerichtet. Kurze Zeit versperrt eine Straßensperre die Weiterfahrt, bärtige islamische Gotteskrieger stürzen aus dem Dickicht und machen mit den Passagieren kurzen Prozess. Nur die mit einem Hidjab verschleierte Yasmine überlebt, sie soll als Kurtisane dem Anführer Liebesdienste erweisen.
Ein seltsamer emotionaler Wiedererkennungseffekt stellt sich ein, wenn man dem vor Angst schlotterndem Fahrgast noch kurz vor seiner Erschießung dabei zusieht, wie er den Mann am Steuer vergeblich bekniet hat, einen anderen Weg zu wählen. So stellt man sich auch die Entführungen vor, denen Journalisten derzeit in Irak ausgesetzt sind und deren Hilflosigkeit und Ohnmacht im Angesicht radikalisierter Islamisten. Es ist einer der eindringlichsten Momente dieses Films, wenn die abstrakten Meldungen aus einem fremden Land von grausamen, scheinbar ohne Motive angerichteten Massakern in der algerischen Zivilbevölkerung im Kino plötzlich Gestalt annehmen. Obwohl schon 2002 fertig gestellt, hat der Film doch nichts von seiner Aktualität verloren – im Gegenteil. Das albtraumhafte Porträt seines Landes und der sinnlose Aufeinanderprall der Kulturen hat längst auf andere Länder übergegriffen, die grausamen Statistiken flimmern allabendlich über die Bildschirme.
Sehr realistisch und schnörkellos setzt der 1944 in Algier geborene Regisseur Merzak Allouache sein Melodrama in Szene. Vor Ort gedreht, macht der Film die verschiedenen Facetten dieses Krieges erfahrbar. Das Weltbild eines Offiziers beispielsweise, der nicht möchte, dass seine Frau beim Rauchen am Fenster gesehen wird – auch er infiziert von den Fundamentalismen des Alltags. Bei aller Dramatik macht sich der Film dabei auch über die absurden Auswüchse des korsetthaften Ausnahmezustandes lustig. Die Menschen haben sich mit Galgenhumor in ihr Schicksal ergeben, keiner wagt es mehr, gegen die Verhältnisse aufzubegehren.
Nach den authentischen Erfahrungen einer algerischen Journalistin hat Allouache sein Roadmovie entworfen. Es erzählt vom Mut einer jungen Frau, die sich gegen alle bleierne Angst auf den Weg macht, um ihre Liebe zu retten. Und auch von der auswegslosen Situation des Terroristen Hakim, der sich den Terroristen angeschlossen hat, um seine ermordeten Familienmitglieder zu retten und nun selbst als Befreier der jungen Frau zum Gejagten wird. Abermals wird ihm seine Sinnsuche, seine Verletzlichkeit und seine Sehnsucht nach Zuneigung zum Verhängnis. Das ist vielleicht das größte Verdienst des Films- zu zeigen wie Menschen weniger aus politischer Radikalisierung denn aus persönlicher Frustration zu fanatischen Mördern werden können.
Martin Rosefeldt
- L'autre monde - Die andere Welt
Darsteller: Marie Brahimi, Karim Bouaiche, Michelle Moretti, Nazim Boudjenah u.a.
Kairos Filmverleih
Algerien/Frankreich 2002






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Politische Radikalisierung
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