Kritik: Mit LULU & JIMI wagt Oskar Roehler einen explosiven Genre-Mix, der ihn auf ein bislang von ihm unbearbeitetes Terrain bringt. Roehler kombiniert hier Elemente, die eigentlich unvereinbar zu sein scheinen und die dennoch ein poppig-schrilles Albtraummärchen mit viel Liebe abgeben.
So schöpft er unter anderem aus eigenen Erfahrungen seiner Kindheit. Zeit und Ort der Geschichte sowie die Figur der Mutter waren prägend für den Regisseur: "Ich bin bei meinen Großeltern mütterlicherseits aufgewachsen. Der Großvater war Siemensdirektor - genauso stand es auf seinem Briefkopf: Siemensdirektor. Die Großmutter war eine kleine, auf Madame gemachte Frau, die unglaublich viel Zeit damit zugebracht hat, ihre Frisur in Form zu bringen und das Haus einzurichten (...) Das ganze vermuffte "fränkische Barock"-Idyll inklusive nierenförmigem Swimmingpool."

Deutschland 2008, 95 Min.
Buch und Regie: Oskar Roehler
Mit Jennifer Decker, Ray Fearon, Katrin Saß, Udo Kier, Rolf Zacher
ARTE- Koproduktion

Auf das Casting hat Roehler viel Zeit verwendet und es hat sich gelohnt, denn alle Haupt- und Nebenrollen sind markant und stimmig besetzt: Jennifer Decker und Ray Fearon geben ein wunderbares Liebespaar ab, bei dem die Chemie stimmt. Die in Deutschland noch unbekannte französische Schauspielerin lernte für die Rolle deutsch. Auch für den in London geborenen Sohn jamaikanischer Eltern war es die erste deutsche Produktion. Katrin Saß überzeugt als poppige Karikatur einer überstylten bösartigen Mutter, die mit ihrem Chauffeur (perfekt arrogant - Udo Kier) ihren mittlerweile völlig sedierten Mann (Rolf Zacher) betrügt, der einst als "Daddy Cool" die Gegend verunsicherte, was in einigen prägnanten und sehr unterhaltsamen Rückblenden zu sehen ist. Doch dann beauftragte sie von Oppeln (unheimlich und fies als "Nazi"-Arzt, Hans-Michael Rehberg), der mit einigen Spritzen den vitalen Gatten in ein lethargisches Gemüse verwandelte.
LULU & JIMI ist Bruch und Neuanfang im Werk von Oskar Roehler. Stimmig gelingt es ihm, surrealistische Momente, Klamauk, Gangstermovie und eine große Liebesgeschichte miteinander zu vermengen. Ort und Zeit des Ganzen ist ausgerechnet eine Provinzstadt in Deutschland Ende der 50er Jahre. Der Film schwelgt in aufwendigen Kostümen und genießt es, schicke Autos zu einem zeitlich stimmigen Soundtrack durchs Bild zu schicken. Wunderbar ist, dass Roehler dabei weder Angst vor Pathos noch vor Kitsch hat. Ihm ist etwas Großes gelungen: Er behält die Stringenz seines ersten (noch sehr trashigen) Films GENTLEMEN (1995) bei und macht mit LULU & JIMI einen Film fürs große Publikum, der dennoch durch und durch ein echter Roehler ist.
Nana A.T. Rebhan






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