Lesen Sie hier das Interview mit Mariana Otero:
Ihr Film, oder vielmehr Ihre Filmerzählung, ist eine globale Schau des Lebens in einem Collège während eines gesamten Schuljahrs. Aber Fragen der Disziplin haben dort einen ungleich höheren Stellenwert als Unterrichtsfragen. Warum?
Ich wollte einen Film über das Gesetz und dessen Funktionieren in einer Gruppe von Menschen machen, über die Schwierigkeiten und Modalitäten seiner Anwendung. Das Collège als geschlossener Raum der Sozialisation, der nach Regeln lebt, die jenen ähneln, denen unsere Gesellschaft unterliegt, erschien mir dafür als geeigneter Ort. Auch wenn das Collège in erster Linie ein Ort der Wissensvermittlung ist, wird dies doch erst ermöglicht durch ein genaues Regelwerk. Der Bezug zum Wissen lässt sich nur herstellen über die mehr oder weniger konfliktbeladene Durchsetzung der Regeln. Werden die Regeln erst einmal befolgt, kann die Wissensvermittlung beginnen.
Ich beschloss also, Tag für Tag und über ein ganzes Schuljahr, Schüler im Konflikt mit dem Gesetz zu filmen und ein Team von Lehrenden, das versucht, ihnen Gesetzestreue beizubringen. Ich wollte dieses Thema nicht theoretisch, ausgehend von Interviews oder Analysen behandeln. Ich wollte Geschichten erzählen, die durch ihren dramatischen Inhalt von der Komplexität der Gesetzesbeziehungen in einem Collège zeugten wie auch - weil die einzelne Geschichte durchaus Beispielcharakter hat - in jeder Gruppe von Menschen.
Was waren Ihre Auswahlkriterien?
Die Drehortsuche begann September 1991. Nach Erteilung der Genehmigung durch das Schulamt konzentrierte ich meine Nachforschungen auf die Vorort-Collèges des Schulbezirks Créteil, die als Problemfälle gelten. In diesen Collèges, in denen Jugendliche aus sozial und familiär schwierigen Verhältnissen unterrichtet werden, wird das Gesetz öfters übertreten, und ich dachte, dort mehr Beispiele für die Schwierigkeiten seiner Anwendung finden zu können. Die Probleme sind, trotz ihrer größeren Zahl, oft derselben Art wie in anderen Collèges, was ihre Ursachen betrifft: ein rebellischer Schüler, ein isolierter Schüler, eine Klasse, die ihren Lehrern das Leben schwer macht – oder ihre Beschlüsse: Nachsitzen, Schulverweis, Disziplinarkonferenzen... Diese als Problemfälle geltenden Collèges mit ihren Besonderheiten, die ich als solche nicht vertiefen wollte, erschienen mir somit aufschlussreicher.
Warum Ihre Entscheidung für das Collège García Lorca in Saint-Denis?
Bei meiner Drehortsuche traf ich mich am häufigsten mit Schuldirektoren.
Als Stütze der Schule erschien er mir als der Tonangebende für das Leben in seiner Einrichtung. Ich suchte jemanden, dessen Funktion als Gesetzesvertreter, beauftragt mit der Anwendung desselben gemäß der von der Schule vorgegebenen Modalitäten, nicht hinter einem zu einzigartigen Verhalten zurückträte oder, besser noch, jemanden, der seine Persönlichkeit in den Dienst dieser Funktion stellt.
Ich brauchte auch einen Schuldirektor, der nicht gewisse Aspekte des Alltags in seiner Einrichtung zu verbergen sucht, unter dem Vorwand ihres guten Rufs.
Unter den etwa dreißig Schulleitern, die ich traf, waren manche besonders autoritär, andere versteckten sich in ihrem Büro und kamen nur selten hervor, um Schüler oder Lehrer zu treffen...
Herr Duattis vom Collège García Lorca ist einer der Direktoren unter denen, die ich traf, die mir eine Vorstellung davon gaben, was die Institution Schule zu leisten imstande ist. Er öffnete mir Tür und Tor zu seiner Schule, selbstverständlich nach vorausgegangener Absprache mit den betroffenen Personen.
Nachdem das Lehrpersonal, die Lehrer, die Beauftragte für Verwaltungs- und Disziplinarfragen an Schulen und die Aufsichtspersonen, mehrheitlich ihre Zustimmung gegeben hatten, entschied ich mich nach sechsmonatiger Drehortsuche für das Collège García Lorca in Saint-Denis; es liegt im Viertel der Francs-Moisins.
Wie reagierten die Schüler auf die Gegenwart eines Filmteams?
Ihre ersten Fragen bezüglich des Films betrafen natürlich sein Thema. Sie dachten sofort, es sei ein Film über Drogen, Schutzgelderpressung und Gewalt... Manchmal wollten sie auch, ausgeschlafen wie sie waren, wissen, ob ich angesichts einer Schlägerei filmen oder die Kamera abschalten würde. Ich erklärte ihnen daraufhin, das zähle nicht zu den Themen meines Films, dass ich Geschichten erzählen wolle über ihr Leben in der Schule, in den Unterrichtsstunden oder außerhalb, stets jedoch auf dem Gelände der Einrichtung, und dass es nicht die Auseinandersetzungen an sich seien, die mich interessierten, sondern die Lösung der Konflikte. Die meisten akzeptierten, mit dem Einverständnis ihrer Eltern, gefilmt zu werden.
Während meiner Dreharbeiten in García Lorca nahm ich an mehreren Unterrichtsstunden teil. Während einer von ihnen schloss ein Schüler den Lehrer in einer kleinen Abstellkammer ein, als dieser dort etwas holen wollte. Der Schüler schloss die Tür fast augenblicklich wieder auf und der Lehrer, der sah, dass es nur ein Spiel war, wurde nicht wütend, fragte jedoch, wer ihn eingeschlossen habe. Die Schüler drehten sich zu mir um und gaben ihm zur Antwort, er solle mich fragen, die doch alles gesehen habe. Selbstverständlich weigerte ich mich, darauf zu antworten, was der Lehrer bereitwillig hinnahm. Die Schüler hatten sich durch diese leichte Provokation meiner Neutralität versichern wollen bei den Konflikten, die sie gegen den Lehrkörper ausspielen konnten.
Die Fragen stellte Jérôme Dramillot (Juli 1994) für das ARTE Magazin

Grafik von Luisa Schindler, 9b, Gymnasium Hohenbaden.
Bild von Julien Wichmann, 9b, Gymnasium Hohenbaden.






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