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30/08/05

Klimawandel und Wein

Interview mit Dr. Manfred Stock


Gibt es Weinbau in Dänemark, England, ja bald in Norwegen? Was passiert mit dem Wein, wenn sich das Klima ändert? Wird sich der Rebsortenanbau von den klassischen Weinregionen und -ländern bald drastisch in Richtung Norden verschieben? - Dr. Manfred Stock arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und untersucht dort, wie der Weinbau den Klimawandel wirksam nutzen kann.

Das Interview mit Manfred Stock im Audio-Format zum Anhören

Herr Dr. Stock, hat es nicht zu jeder Zeit mehr oder weniger starke Klimaveränderungen gegeben, die sich in irgendeiner Weise auf den Weinbau ausgewirkt haben?

Ja, das ist richtig, wir haben früher im Mittelalter eine Wärmeperiode gehabt, bei der wir auch in Deutschland Weinbau bis an die Ostsee hatten. Dann kam anschließend die so genannte „Kleine Eiszeit“, wo das dann sehr viel schwieriger wurde. Das ist ein Phänomen, das wir schon sehr viel früher hatten: dass das Klima ein Auf und Ab hat.

Warum wird das Thema seit einiger Zeit in den Medien verstärkt aufgegriffen?

Weil wir da am Anfang eines neuen Phänomens sind. Und zwar sieht es ganz danach aus, dass der Mensch in das Klima massiv eingreift: Wir sehen eine Fülle von Veränderungen. Und das ist insofern etwas neuartig als die Art des Eingriffes dafür sorgt, dass das dann nicht wieder im normalen statistischen Verfahren zurückgeht, sondern zu neuen, bisher nicht bekannten Veränderungen führt. Wir müssen uns vorstellen, dass wir uns, verglichen mit der Erdgeschichte, in einer außergewöhnlichen Warmzeit befinden; und wir setzen jetzt durch menschliche Einflüsse, also die Verstärkung des Treibhauseffekts, da noch einen drauf.

Mit anderen Worten: Der Mensch hat es sich selbst zu zuschreiben, wenn sich Weinbaugebiete verschieben oder wenn der Wein in einigen Jahren nicht mehr dort wächst, wo er jetzt wächst?

In der Tat sind die Klimaänderung und die sich daraus ableitenden Folgen auch hausgemacht, und beim Wein sind wir da noch in einer vergleichsweise glücklichen Lage: Im Prinzip wird es für viele Regionen besser. Problematisch ist es da, wo wir schon gute Verhältnisse haben. Da ändern sich die Bedingungen, und das heißt, dass der Charakter des Weines, und damit auch das, was die Kundschaft haben möchte, sich verändert.

Man könnte vermuten, wie Sie es gerade schon angedeutet haben, dass bestimmte Regionen, die vorher klimatisch eher benachteiligt waren, jetzt profitieren, indem sie sich zu einer Weinregion entwickeln. Ist das so einfach?

Das ist erst einmal so richtig. Beispielsweise haben wir seit den 90er Jahren auch hier in der Nähe von Potsdam einen Weinberg, der vor 800 Jahren schon genutzt wurde, als es schon einmal klimatisch günstig war. In der Zwischenzeit sind die Weine von dort durchaus empfehlenswert geworden. Wir haben heute zusätzlich auch noch Weinanbau in Dänemark, Schweden und England. In der Tat verschiebt sich die Anbaugrenze für Weißweine nach Norden.

Was passiert konkret, wenn in einem sehr etablierten Weinbaugebiet, zum Beispiel im Bordelais, die Temperaturen um ein paar Grad ansteigen?

Im Bordelais könnte das noch gar nicht so sehr kritisch sein, weil dort die Nähe zum Ozean noch für einen gewissen Ausgleich sorgt. Aber insgesamt ist für die französischen und für die spanischen Weine durchaus mit einer Veränderung, nicht immer zum Positiven, zu rechnen. Wir kriegen dann für französische Weine das, was wir in Spanien heute schätzen. Das kann positiv sein, kann aber auch bedeuten, dass der Charakter der Weine nicht mehr der ist, den der Käufer erwartet. Und bei den spanischen Weinen, die sich inzwischen bei Kennern etabliert haben, kann es bedeuten, dass es auch dort Schwierigkeiten gibt. Nicht jeder möchte ja immer Sherry haben.

Gibt es Winzer, die sich schon ernsthaft mit dieser Problematik beschäftigen?

Ja, die Winzer sind, weil sie auch die Natur beobachten und sehen, dass dort Veränderungen vor sich gehen, durchaus gewahr, dass etwas passiert. Sie sind sich nur nicht darüber im Klaren, was genau sie nun tun sollen. Viele sind sich nicht bewusst, dass das der Anfang einer einschneidenden Veränderung ist. Es könnte ja auch sein, dass es wieder zurück geht. Nur die Klimaänderung, wie ich sie anfangs erwähnt habe, ist etwas in der Form Neues und kann zu fundamentalen Veränderungen führen.

Sehen Sie noch eine Möglichkeit, diese Entwicklung aufzuhalten, indem man zum Beispiel versucht, den Treibhauseffekt nicht zu stoppen, aber wenigstens zu verlangsamen?

Das wird uns allenfalls gelingen in den sehr viel kritischeren, langfristigeren Veränderungen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden wir erleben, dass sich die Veränderungen, wie sie jetzt begonnen haben, fortsetzen werden. Aber wir können das für uns in einem noch erträglichen Rahmen halten. Einen Rahmen, mit dem wir auch umgehen können, auch im Weinbau. Das bedeutet aber, dass wir noch über das hinaus, was in Kyoto vereinbart wurde, sehr viel stärker Klimaschutz betreiben müssen.

Könnten Sie kurz zusammenfassen, welche Weinländer oder Weinregionen besonders gefährdet wären durch einen Klimawandel und welche Länder oder Regionen sogar davon profitieren würden?

Wir haben eine mögliche Gefährdung durch die Klimaveränderung im mediterranen Bereich. Dort kann sich der Charakter der Weine verändern, dort können sich auch kritische Situationen einstellen, was die Schaderreger angeht. Das kann bei uns allerdings auch passieren, und dem müssen wir langfristig vorbeugen. Wir bekommen auch positive Effekte in Deutschland, wenn wir diese Gefahren rechtzeitig erkennen. Wir können dann Weine produzieren, die von sehr hoher Qualität sind und die mithalten können mit französischen Weinen. Wir erleben das derzeit bereits bei Weinen aus dem Burgenland, die bei Blindverkostungen manche ganz renommierten Bordeaux-Weine schon ausstechen können.

Können Sie eine Jahreszahl oder eine Zeitdauer nennen, wann wir schon mit Veränderungen im Klimawandel zu rechnen haben, die sich auf den Weinanbau auswirken?

Wir sehen das jetzt schon. Wir haben jetzt schon entsprechende Auswirkungen, die sich auch ökonomisch schon bemerkbar machen. Ich erwähnte das Burgenland, aber wir haben auch in Deutschland schon eine Verschiebung von Weißwein hin zu mehr Anbau an Rotwein. Insgesamt erwarten wir in 20 bis 30 Jahren sehr deutliche Verschiebungen.

Das war Dr. Manfred Stock Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Katja Dünnebacke, ARTE Deutschland, August 2005.

Erstellt: 25-08-05
Letzte Änderung: 30-08-05