04/06/03
Kommentar
Kommentar
Gute Horrorfilme gab es schon länger nicht mehr im Kino zu sehen. 28 DAYS LATER ist so etwas wie die moderne Version von George A. Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD (1978). Damals humpelte eine ganze LKW Ladung Untoter durch ein nächtliches Kaufhaus, heute rennen infizierte Menschen - die sich sekundenschnell in bissige Bestien verwandeln - den letzten Gesunden nach, um auch sie zu zerstören. Die implizierte Gesellschaftskritik des Films bleibt auch in der neuen Variante erhalten - sie ist wichtiger denn je. Wie bei Romero gibt der Film das Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich im Verwesungsprozess befindet wieder.
Regisseur Danny Boyle wurde vor allem durch seinen stylischen Drogenfilm TRAIN SPOTTING international bekannt. Sein erster großer Hollywoodfilm THE BEACH mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle floppte. Vielleicht war dies ein Grund zu seinen Wurzeln zurückzukehren, und mit kleinerem Budget und ohne Megastars zu arbeiten. 28 DAYS LATER hat Boyle mit DV-Kamera gedreht - der manchmal etwas grisselige Look passt nicht schlecht zum Genre und erinnert an gruselige Camcorderabende.
Der Anfang ist eine der besten Szenen des Films. Sie entspricht einem Albtraum, der dem ein oder anderem bekannt sein dürfte, dem Traum vom Ende der Welt. Jim (Cillian Murphy) stellt fest, dass er der einzige Überlebende einer Virusepidemie ist. Ganz London ist ausgestorben, und letzte Reste der Zivilisation bevölkern die verwaisten Strassen. Da fliegt eine Zeitung, ein Auto steht mit offenen Türen herum, und nirgendwo ist ein Anzeichen von Leben. Aus einer völligen Stille heraus lässt Boyle den Sound nach und nach zu einem lauten Störgeräusch anschwellen, das irgendwann unerträglich wird. Sehr differenziert versteht er es, mit dem elektronischen Soundtrack umzugehen - mal sorgt er mehr für eine Untermalung der rätselhaften Stimmung, mal treibt er den Puls höher.
Wie zuvor bei THE BEACH arbeitete Boyle erneut mit Drehbuchautor Alex Garland zusammen. Ob das dem Film gut getan hat, ist eher fraglich. Die Charakterisierung der vier Überlebenden ist ein wenig einfältig ausgefallen. Aber nun ja, „es geht nur noch ums Überleben", wie die harte Kämpferin Selina (Naomie Harris) Jim erklärt - für zwischenmenschliche Gefühle bleibt da eben sehr wenig Platz. So sind die Menschen in der Militärbasis - von denen sich das Quartett Überlebenshilfe erwartet hat - noch grausamer als die vom Virus infizierten Bestien - denn sie sind unberechenbarer.
Neu ist für einen Genrefan nichts in 28 DAYS LATER, aber Danny Boyle lässt die beklemmende Atmosphäre der Zombieklassiker erneut aufleben - ihm ist ein schockierender und spannender Horrorfilm gelungen.
Nana A.T.Rebhan
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 04-06-03