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26/05/07

Kopfkissen I. Von der Heimkehr

Von Herta Müller und Oskar Pastior


Aus dem Romanprojekt mit dem vorläufigen Titel „Atemschaukel“

Sieben Jahre nach meiner Heimkehr aus dem Lager fing ich an, meine Hefte zu schreiben. Alle sieben Jahre, sagt man, sind am Menschen alle Zellen komplett ausgetauscht. Man hat sich abgetragen wie Kleider. In einem Lied heißt es: Ich hab mich getragen sieben Jahr und trage mich nicht länger mehr. Das kann man singen, nur denken kann man nicht: Jetzt bin ich neu. Auch wenn man es glaubt, bleibt man um sieben Jahre älter. Und Apollinaire sagt:

Immerhin häutet sich die Bäckerin
alle sieben Jahre
alle sieben Jahre die Übertreiberin.

Wie gut der Name paßt, auch meine Heimkehr ist eine Übertreiberin. Natürlich weiß auch ich sieben Jahre nachher, daß Heimkehr Befreiung ist, weil ich das Wort kenne und das Wort kennt mich. Und wenn es mich heimsucht, sagt es seither: „einwandfrei freigekommen“, und es sagt auch „ sorgenfrei freigekommen“ und „vogelfrei freigekommen.“ Sorgenfrei und vogelfrei und beides stimmt, daran verzweifelt man. Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen. Manche reimen auch, bis das Unerträgliche lustig klingt:

Nachher
ungefähr
drei Jahr Militär,
was lang wär
wie sieben Jahr
Kukuruzhaar

Sieben Jahre nach meiner Heimkehr, also durch Zellerneuerung schon völlig ausgetauscht, war ich auf freiem Fuß komplett um sieben Jahre älter. Jeder Tag konnte in seinem freien Lauf ein Arbeitstag oder ein Kopfkissentag sein, also wie im Lager. Ich buchstabierte So-Mo-Di-Mi-Do-Fr-Sa-Tag. Jeder Tag war nach meiner Befreiung ein freier Tag vom Lager. Ob Arbeits - oder Ruhetag, es kam jeden Morgen ein Sowieso-freier-Tag über mich, entweder auf dem Arbeitsplatz oder auf dem Kopfkissen.
Ich bin Betonfachmann auf einer Baustelle am Fluß, an der Utscha, unter dem Karpatenpanorama. Ich gieße Fundamente für eine Brücke, der Beton wird fest und ich bin immer noch so taumelig von der ungewohnten Freiheit. Im Schädel sitzt mir die Lagerdressur, ich hab sie gemocht, nicht freiwillig, aber gezwungenermaßen durch die 5 Jahre Gewohnheit nicht frei zu sein. Ich hab es gut gehabt, mich klein gemacht in der Unfreiheit, ich hab mich angeschmiegt ans Eingesperrtsein im Lager. So klein und eingesperrt hab ich mich manchmal gehaßt. Aber auch dadurch hab ich mich gern gehabt. Ich hab mich gut ertragen in meiner Unfreiheit und sicher gefühlt. Ich hab mich drauf verlassen können, daß das Lager für mich sorgt, wenn es mich einsperrt. Daß das Lager mir das Leben frißt, war bitter, aber außer alldem, was es mir nicht gab, hat mir nichts gefehlt. Auch wenn ich am Hunger krepiert wäre, hätte mir, weil ich nur aufs Essen fixiert war, nur das Essen gefehlt. Sonst nichts, sonst war alles aus dem Kopf verschwunden. Weil das Lager alles für mich tat, alles was sich fürs Übeleben oder Verhungern, fürs Erwärmen oder Erfrieren die Waage hält. Seit meiner Heimkehr war das alles weg, alles kam mir in den Kopf und fehlte mir. Zuhausesein war unwirklich, ich gehörte nicht dazu. Alle Straßen liefen fremd in dieser Stadt herum, alle Passanten sahen aus wie eingepackt in eine stillgestellte Zeit. Ahungslos im Blick, glatt rosa an den Wangen, weiß und fett am Hals. Ich war verwildert im Kopf, betrachtete die Leute als im Kopf zurückgeblieben, verdummt vom ständigen Zuhausesein. Was wußten sie, ich hatte im Unterschied zu ihnen probiert, wieviel man aushält. Ich war mein geglückter Versuch zu überleben. Ich hatte was geleistet, ich war mein innerer Held, ein Hungergeschulter von dem sie keinen Dunst hatten. Von oben herab betrachtete ich diese Hermannstädter, die alteingesessenen Flachgänger dieser Stadt, ihre schreckliche Normalität, ihr von der Heimat gemästetes Fleisch. In die Freiheit entlassen, wurde ich aus Mangel an Halt überheblich. Ich dachte, das hilft. Es half nichts.
In diesem Zustand fing ich an meine Hefte zu schreiben.

Das erste Kapitel in meinem Heft hieß: „Vorwort“. Es fing aus freien Stücken mit dem Satz an: „Wirst du mich verstehen, Fragezeichen“. Und es folgte der Name einer seltsamen Frau Bea, die ich liebte und mit der ich nichts hatte. Und dann folgte der Name eines Mannes Tur, und dann der Name des Kohlebahnhofs Jasinowataja. Und es ging über sieben Seiten und hörte auf mit dem Satz: „Neulich in der Früh nach dem Waschen löste sich ein Tropfen aus meinen Haaren, lief mir seitlich der Nase bis in den Mund. Es schneite im Bad. Die Lokomotive tutete. Im Spiegel war der Bahnhof aus Schnee und ich fuhr im Schlitten.“
Und dann hab ich das Vorwort verlängert, drei Hefte lang. Dann hab ich „Vorwort“ durchgestrichen und „Nachwort“ darüber geschrieben. Es war das große innere Fiasko, daß ich jetzt zu Hause bin. Aus dem freien Lager unabänderlich daheim, wo es im Bad schneit und ich im durch die Zellerneuerung hindurch im Schlitten fahre.

Ich verschweige meinen Weinkrampf bei der Heimkehr, nach der Fahrt im Güterzug bei der Ankunft im Auffanglager in Sighet, dem ersten Ort im Land. Ich brach innerlich zusammen vor Angst davor, was diese Freiheit von nun an immer alles von mir will. Vor Angst, daß ich wissen werden muß, wie das Leben geht. Nur wie soll man was vom Leben wissen, wenn man noch keines hatte. Ich hab 5 Jahre gewartet, daß ich freikomme aus dem Lager. Aber wenn das, was man fünf Jahre erwartet hat, auf einmal wirklich kommt, ist im Abschied vom Lagerkissen ein schreckliches Glück.

Die Heimfahrt: Es war Dezember 1949, ich saß in meiner Ecke des Viehwaggons neben meinem Grammophonkistchen und meinem neuen Holzkoffer wie in einem Nest. Die Tür war nicht plombiert, jetzt wurde sie weit geöffnet, denn der Zug rollte in den Bahnhof von Sighet ein. Es lag dünner Schnee, ich dachte an Zucker und Salz, die Pfützen, alle zugefroren wie fleckige Spiegel. Und während ich in meinem Weinkrampf schluchzte, bildete ich mir zuerst ein, Tur im Spiegel beim Rasierer zu sehen. Dann aber hörte ich auch seine Stimme, die seltsamerweise nicht zum Rasierer, sondern zu Bea, die gar nicht da war, sagte: „Der heult, der Idiot, mir scheint dem läuft was über.“

© Herta Müller

Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-05-07