Schon früh an einem Morgen im Spätherbst sind Victor Corsi und sein Freund Simone Albertini in den Wäldern des Alta Rocca-Gebirges auf der Pirsch. Nur langsam lichtet sich der Nebel über den dichten, immergrünen Wäldern im Süden der Insel. Die kleinen, weißschwarzen Wildschweine müssen jetzt besonders auf der Hut sein, denn die Schonzeit ist vorüber. Jagderfolge zählen viel in einer korsischen Männergemeinschaft wie der von Victor und Simone. Zweihundert Kilometer sind es von der Ile de Beauté, der Insel der Schönheit, bis zur französischen Küste. Vielleicht ist diese Entfernung einer der Gründe, warum die Korsen trotz aller engen politischen, wirtschaftlichen, beruflichen und persönlichen Verflechtungen mit dem Festland so stark auf ihre Unabhängigkeit pochen. Korsika ist ein französisches Département. Der größte Sohn Frankreichs, Napoleon, war Korse von Geburt. Kulturell und kulinarisch liegt Korsika freilich näher an Sardinien, der Schwesterinsel im Mittelmeer, und an Italien. Auch diese Nähe zu Italien erklärt das korsische Streben nach Unabhängigkeit.
Kastanienpolenta, ein Klassiker der korsischen Küche, erinnert an Italien. Diese Polenta dolce erlebt in den feinen Restaurants der Toskana gerade eine Renaissance. Dort auf Korsika war die Kastanie in früheren Zeiten das Brot der armen Leute, die in den Wäldern die schmackhaften und nährstoffreichen Nussfrüchte der Esskastanie nur einsammeln mussten. Kastanien sind es aber auch, die dem Fleisch korsischer Wildschweine ihren unnachahmlichen Geschmack geben. Wer schon einmal korsische Wildschweinsalami gegessen hat, weiß, wovon die Rede ist. Jeder Familie auf der Insel hat ihr eigenes Rezept.
Vieles auf Korsika mutet ursprünglich an: Da sind die Hausschweine, die in abgelegenen Regionen noch frei herumschnüffeln und sich von Wurzeln, von Kräutern und von Beeren der Macchia, einem alles überwuchernden Gebüsch, ernähren. Aus ihrem Fleisch und ihrer Leber, Knoblauch, Lorbeer und Weißwein werden Figatelli, das sind Brat- und Räucherwürstchen, gemacht. Die Macchia nährt auch die genügsamen Ziegen. Brocciu heißt der ungereifte korsische Käse aus ihrer Milch, den man am besten ganz frisch genießt. Brocciu wird für salzige Hors-d’Oeuvres ebenso verwendet wie für süße Desserts. Oliven, Auberginen, Tomaten und Zucchini gedeihen hier. Das Meer bietet den ganzen Fisch-Reichtum des Mittelmeers. Wie Sardinien und Sizilien, an deren Küsten immer wieder fremde Eroberer landeten, ist auch Korsika ein Schmelztiegel der mediterranen Kulturen und ihrer großen alten Küchentraditionen.







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