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Das European Media Art Festival in Osnabrück - 27/05/09

Krieg als Bilderschlacht: Technik... Medien... Kunst!

Ein Artikel von Jens Hauser


War die Varus-Schlacht der Beginn der Medienkriege? Ist der tragische römische Feldherr Quinctilius Varus von Arminius dem Cherusker durch organisierte Desinformation im Teutoburger Wald in einen Hinterhalt gelockt worden? Statt das römische Reich weiter auf Germanien auszudehnen, erreichte Rom im Jahre 9 n. Chr. über sein ausgeklügeltes Botensystem die Nachricht von der blutigen Niederlage seiner Truppen, welche das Ende der Idee von einer Provinz Germanien bedeutete. „2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg" sind für das EMAF im großen Gedenkjahr der Varus-Schlacht Anlass für drei medienarchäologische Ausstellungen über Bilderschlachten. Sie beleuchten, wie neue Techniken stets die Signatur des Militärischen tragen - und wie die Kunst eben jene heiklen Medien nutzt.

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Bilder der Ausstellung

Es ist zwar keine ganz neue Erkenntnis, dass Technologien zu jeder Zeit meist zuerst für Kriegszwecke entwickelt und herangezogen worden sind - die medientheoretischen Beschäftigungen von Friedrich A. Kittler sowie Paul Virilios Abhandlungen "Krieg und Kino" oder "Krieg und Fernsehen" sind nur einige der vielen systematischen Analysen, die diesen Sachverhalt erörtern. Doch die Ausstellung Bilderschlachten schafft es durch die Verquickung von Kriegs- und Mediengeschichte mit ihrer kulturellen Uminterpretierung in der Kunst verschiedener Epochen, dem Betrachter den wohl wichtigsten Gestus der Wahrnehmung und Realitätsfindung zu vermitteln: den Zweifel.

Die gewählte Zeitspanne von „2000 Jahren Nachrichten aus dem Krieg" soll vor allem auf die rasante Beschleunigung der Medientechnik der letzten 200 Jahre hinweisen - und darauf, dass es für den Techniknutzer schwieriger wird, diese Entwicklungen kritisch zu hinterfragen... wodurch der Kunst hier idealerweise eine aufklärerische Funktion zukäme, eben diese kritische Distanz zum Medium durch den bewussten und dialektischen Gebrauch ebendieses zu garantieren.

Dass die modernsten Kommunikations- und Darstellungstechniken stets im Zuge bellizistischer und strategischer Motive gestanden haben, zeigt schon der historische Teil der Ausstellung von der Antike bis zum Ersten Weltkrieg: die Boten zur Nachrichtenübermittlung im römischen "cursus publicus-System" mit seinen Relais-Stationen (ein Begriff, den wir später in der Rundfunktechnik wieder finden werden) zum Pferdewechsel; in Linie gebaute Signaltürme und die das Sonnenlicht nutzenden Heliografie, als Vorläufer der optischen und später der elektrischen Telegrafie des 19. Jahrhunderts; Brieftauben zur Überwindung feindlicher Linien; Feldpost- und Feldtelegrafie; dann der Einsatz von Holzschnitten, Schlachtenbildern, und nach der Erfindung der Buchdruckpresse auch der Fotografie als Propaganda-Instrument; schließlich die Inszenierungen und Manipulationen in Film, Fernsehen und Computerspielen bis hin zur grenzenlosen Verbreitung nicht verifizierbarer Inhalte auf Youtube.

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Bilder der Ausstellung

Im Licht dieses dokumentarischen Teils und seinen Exponaten weisen die vom European Media Art Festival ausgewählten Künstlerprojekte auf das manipulative Potential der Medien mit ihrem ‚Bestseller Krieg' hin - nicht ganz zufällig stehen in der Ausstellung vor allem US-amerikanische Kriegs- und Medienpraktiken am Pranger.

Johanna Reich - "Front"

"Front" heißt ironischerweise die Videoarbeit vom Johanna Reich. Die Künstlerin liegt vor der Kamera und pustet mit einem Röhrchen Erbsen gegen das Objektiv, die beim kaum sichtbaren Auf- und Abprallen von Gewehrgeräuschen begleitet werden. Als Parodie des ‚Kinderspiels Krieg' weist sie darauf hin, dass der Betrachter am Monitor durch das dicke Glas der Linse vom Panzer der Medien geschützt bleibt und trotz befriedigter Schaulust kaum in reale Gefahr geraten mag.

Martha Rosler - "Bringing the War Home: House Beautiful, new series"

Martha Rosler thematisiert genau dieses Phänomen der "Living-Room-Wars" bereits seit 1969 kontinuierlich in ihren Fotocollage-Serien. Vor allem die als Reaktion auf den ersten live vor dem Fernseher erlebten Vietnam-Krieg entstandenen Arbeiten der Serie "Bringing the War Home: House Beautiful" sind heute Legende: Kriegsbilder finden sich in die gepflegten Interieurs der US-amerikanischen Wohnzimmer hereinmontiert, welche Lifestyle-Revues wie "Schöner Wohnen" entstammen. Nicht von ungefähr hat sie zur Zeit des Bush-Regimes zwischen 2004 und 2008 nun jene Serien wieder aufgenommen, die nun "Bringing the War Home: House Beautiful, new series" heißen und leichtbekleidete weiße Amerikanerinnen mit Mobiltelefon zeigen, in deren Displays Personen in Gesten der Verzweiflung auftauchen.

Lynn Hershman - "America's Finest"

Im umgebauten M-16-Maschinengewehr der amerikanischen Künstlerin Lynn Hershman sieht der Betrachter, welcher durch den Sucher blickt, zielt und abdrückt, niemand anderen als sich selbst im Fadenkreuz. Hershmans Arbeit "America's Finest" macht in der interaktiven Erkundung den ‚Charme' moderner Distanzwaffen durch Perspektivwechsel als Bedrohung des Selbst erfahrbar, wobei die anvisierten Opfer mit dem Selbstbild des Betrachters verschmelzen.

Julius von Bismarck - Image Fulgurator

"Analoge Manipulation im Digitalzeitalter" Artikel zu Julius von Bismarcks Image Fulgurator
Als Waffe ist in gewisser Weise auch die umgebaute Spiegelreflexkamera "Image Fulgurator" von Julius von Bismarck zu verstehen. Durch einen eingebauten Blitz projiziert er subversive Botschaften in Bilder hinein, welche in genau jenem Moment von anderen mit Digitalkameras geschossen werden. Bismarck's "Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotografien" manipuliert entstehende Bilder in Echtzeit statt wie üblich in der Retouche, indem er Bildinformationen in Motive von Touristen oder Fotoreportern hereinschmuggelt.

Markus Kison - "Touched Echo"

Nicht immer schreiben sich Kriegserinnerungen primär visuell ins Gedächtnis ein. Vielen sind gerade die Geräusche während der Bombardements des Zweiten Weltkriegs in Erinnerung geblieben. Die Ellenbogen auf ein Brückengeländer über die Hase gelehnt und die Hände zu Kopfhörern geformt, können Passanten in der Klangkunstarbeit "Touched Echo" von Markus Kison in Osnabrück die Geräusche von angreifenden Bomberflugzeugen hören. Die Schwingungen werden über den Knochenschall körperlich erfahrbar macht und an die Ohren geleitet.

Oliver van den Berg - "Kameras"

Als aggressives Arsenal wird Oliver van den Bergs aus massivem Kiefernholz gefertigte Installation "Kameras" empfunden. Die massive Konzentration der Kommunikationsapparate suggeriert Machtkonzentration, während andererseits der Werkstoff Holz den Formen der High-Tech-Apparate widerspricht. Der Medienrummel erscheint wie ein Anachronismus, die Kameras als primitive Werkzeuge aus einer anderen Zeit.

Iñigo Manglano-Ovalle - "Phantom Truck"

Wie Medien missbraucht werden können, um Kriegsgründe zu konstruieren, zeigt die (ebenfalls in voller Länge in der Ausstellung gezeigte) Rede des ehemaligen US-Außenministers Colin Powell vor dem UNO-Sicherheitsrat, kurz vor der schon von langer Hand beschlossenen Irak-Invasion 2003. Powell präsentierte damals „Beweise" und Satelliten-Fotos von angeblichen Lastwagen mit mobilen Biowaffen-Labors, deren Existenz nie hat nachgewiesen werden können. Als Materialisierung der Überhöhung dieses Gerüchts hat Iñigo Manglano-Ovalle aus Aluminium und anderen Leichtbaumaterialien seinen monumentalen "Phantom Truck" gebaut, welcher bereits auf der letzten Documenta in Kassel zu sehen war. Er steht im Dialog mit seinem funktionslosen Funkapparat "The Radio", der einsam in einem komplett in oranges Licht getauchtem Raum herumsteht - eine Metapher auf den propagandistisch ständig auf der Terror-Alarmstufe ‚orange' gehaltenen Angstzustand in den USA während der Bush-Jahre.


André Korpys und Markus Löffler - "Nuclear Football"

Das Unsichtbare ist auch Protagonist der Video-Arbeit "Nuclear Football" des Duos André Korpys und Markus Löffler. Als Pressejournalisten anlässlich des Deutschlandbesuchs von US-Präsident George W. Bush im Jahre 2002 akkreditiert, filmen sie immer knapp am ‚Eigentlichen' vorbei - dem titelgebenden Lederkoffer, in dem sich die geheimen Anweisungen für das US-Atomarsenal befinden sollen. Stattdessen geraten die aufwendigen Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen sowie die mechanischen Protokolle des Staatsempfangs in ihr Visier: Fischer und Schröder wartend, Security-Personal mit Sonnenbrille und rosa Krawatte, Teppichkleben am Flughafen und dann das damit kontrastierende Wink- und Lächelritual.

Mathias Jud und Christoph Wachter - "Zone*Interdite"

Ab 2000 betreiben die Künstler Mathias Jud und Christoph Wachter ihre Internetplattform "Zone*Interdite": Hier werden Bilder und Daten von jenen militärischen Gebieten und Einrichtungen gesammelt und zugänglich gemacht, deren Abbildung in der Regel verboten ist. Es geht ihnen nicht nur um die Enthüllung dieser Orte, sondern um das Antrainieren eines Reflexes, im Gesehenen verborgene Informationen ausfindig zu machen.

Regina José Galindo - "Confessions"

Verborgene Aktivitäten, wie die der Folter, inszeniert Regina José Galindo. Für ihre "Confessions" in Palma engagierte sie einen muskulösen Disco-Rausschmeißer, der an ihr die Foltermethode des vom amerikanischen Geheimdienst genehmigten „Waterboarding" praktizieren sollte. Über Kameras in den Galerie-Raum übertragen, eskaliert die Situation im Keller in Brutalität, als der Amateur-Performer die vorher vereinbarten Stop-Zeichen ignoriert. Palma gilt als einer der geheimen CIA-Orte in Europa für ‚Verhöre' außerhalb des US-Staatsgebietes.

Jens Pecho - "Slow Motion for Charly"

Warum muss der Tod eines amerikanischen Helden in Oliver Stones Kriegs-Film "Platoon" länger dauern als der Tod vietnamesischer Soldaten? Die mit kitschigen Violinen unterlegte Sterbeszene des Sergeant Elias dauert ganze 42 Sekunden. In Jens Pechos Videoarbeit "Slow Motion for Charly" wird die pathetische Heroisierung als propagandistisches Stilmittel vorgeführt: Künstlich eingefügt werden Zeitlupenszenen und Geigenmusik hier immer dann, wenn ein vietnamesischer Landsmann stirbt. Damit verlängert sich der Film um etwa eine halbe Stunde.

Lida Abdul - "In transit"

"In transit" von Lida Abdul bei sixpackfilm
Während die Ausstellung geknüpfte Bildteppiche mit Motiven der russischen Invasion oder den Attentaten auf das World Trade Center zeigt, setzt die afghanische Künstlerin Lida Abdul mit ihrer poetischen Video-Arbeit "In Transit" ihre Hoffnung auf die junge Generation, welche mit Bildern und Objekten der Zerstörung aufwächst: Am Stadtrand von Kabul spielen Kinder mit dem Wrack eines zerstörten Flugzeugs. Sie stopfen die Einschusslöcher mit Baumwolle zu und befestigen Seile, bevor sie sich daran hängen, wie als ob sie einen Drachen steigen ließen: „Alles ist möglich, wenn alles verloren ist. Fly Fly..."


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Ausstellung

Bilderschlachten - 2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg
vom 22. April bis 04. Oktober 2009
in der Kunsthalle Dominikanerkirche, im Museum Industriekultur und im Erich Maria Remarque-Friedenszentrum - Osnabrück
Die Ausstellung Bilderschlachten ist ein Kooperationsprojekt des European Media Art Festivals mit dem Museum Industriekultur Osnabrück, dem Erich Maria Remarque-Friedenszentrum und der Kunsthalle Dominikanerkirche. Sie ist auch über das EMAF hinaus bis zum 4.10. zu sehen.
>> Mehr Informationen auf bilderschlachten.de

Katalog

Bilderschlachten - 2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg
Hermann Nöring, Thomas F. Schneider & Rolf Spilker (Hg)
Ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen und theoretischen Texten ist zur Ausstellung erschienen: Hermann Nöring, Thomas F. Schneider & Rolf Spilker (Hg).: Bilderschlachten. 2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg. Technik - Medien - Kunst. 440 Seiten mit ca. 400 Abbildungen.
ISBN 978-3-525-36759-9
Bei Vandenhoeck & Ruprecht
>> Mehr Informationen


Festival

EMAF 2009
Das European Media Art Festival
vom 22. bis 26. April 2009
in Osnabrück
>> Offizielle Website

Erstellt: 20-04-09
Letzte Änderung: 27-05-09


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