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23/08/04

Krimis aus Skandinavien

sind im deutschen Buchhandel weiterhin der Hit - doch bei genauerem Hinsehen kommen sie vor allem aus zwei Ländern. Natürlich werden in allen skandinavischen Ländern Kriminalromane geschrieben, aber Finnland (Leena Lehtolainen), Dänemark (Leif Davisen) und Island (Arnaldur Indriðason) können jeweils nur mit einem Namen von internationaler Zugkraft aufwarten. Die Stars des Genres kommen zur Zeit aus Schweden - in Gestalt des männlichen Dreiergestirns Henning Mankell, Håkan Nesser sowie Åke Edwardsson und von Liza Marklund - und aus Norwegen, wo wir ein weibliches Vierergestirn finden: Anne Holt, Karin Fossum, Kim Småge und Unni Lindell. Diese acht landen Bestseller, werden in viele Sprachen übersetzt und oft verfilmt. Nicht alle acht sind gleichermaßen in aller Welt bekannt, im englischsprachigen Raum z.B. ist neben Mankell die bei uns noch kaum wahrgenommene Norwegerin Pernille Rygg Bestsellerautorin und Liebling der Medien. Dass hierzulande oft die Wahrnehmung existiert, aus Skandinavien kämen vor allem Krimiautorinnen, ist also nicht ganz falsch, vor allem gilt sie für Norwegen, das bisher nur einen einzigen Krimiautor von internationalem Ruhm hervorgebracht hat, Jon Michelet, der aber fast 10 Jahre pausiert hat und jetzt seine alte Position erst einmal zurückerobern muss.

In Schweden dagegen wird, angesichts der männlichen Übermacht in den Bestsellerlisten, so ungefähr jede neue Krimiautorin zur neuen schwedischen „Queen of Crime“ ausgerufen - Kandidatinnen für diesen Rang, die bereits in deutscher Übersetzung vorliegen, sind z.B. Åsa Nilsonne, Åsa Larsson, Helene Tursten, Inger Frimansson, Mari Jungstedt und Ann-Christin Hensher.

Die männlichen Krimiautoren aus Skandinavien lassen Männer ermitteln, die zumeist ungeheuer fortschrittlich sind und nur verständnislos den Kopf schütteln, wenn sie irgendwo auf Macho-Allüren stoßen. Fast alle der genannten Autorinnen (Ausnahmen Unni Lindell und Karin Fossum, die jeweils einen Kommissar ins Rennen schicken) hingegen lassen ihre Verbrechen von Frauen aufklären, die sich in einer männlich dominierten Umwelt behaupten und gegen die Vorurteile der Kollegen anrennen müssen. Im Privatleben sind die Kommissarinnen und Detektivinnen zumeist eher unspektakulär. Whiskytrinkende Exzentrikerinnen mit hohem Männer- oder Frauenverschleiß, wie sie für Frauenkrimis aus den USA typisch sind, finden wir dort nicht. Einzige Lesbe weit und breit ist Anne Holts Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die sich sechs Bände hindurch vor ihren Kollegen nicht zu ihrer Lebensgefährtin bekennen will und erst im achten Buch auf deren Drängen mit ihrer neuen Freundin ihre Partnerschaft registrieren lässt. Verheiratet sind die wenigstens, die meisten resignieren im Privatleben, die Macho-Allüren der Kollegen reichen ihnen aus. Und die wenigen Verheirateten führen keine Ehen, die die Kolleginnen zur Nachahmung anregen könnten - Liza Marklunds Annika Bengtsson mag ein Verbrechen nach dem anderen aufklären, Ehemann Thomas jammert darüber, dass sie zu selten putzt. Auf die Idee, selber zum Putzlappen zu greifen, ist er in den bisherigen Bänden noch nicht gekommen. Die Schriftstellerinnen kritisieren auf diese Weise die Zustände im eigenen Land und kratzen energisch am Idealbild der skandinavischen Länder, in denen die Gleichberechtigung angeblich so große Fortschritte gemacht hat.
Ihre Beschreibungen der Männergesellschaft mit ihren Vorurteilen speisen die Krimiautorinnen aus eigenen Erfahrungen. Kim Smage z.B., jahrelang einzige
promininente Krimiautorin Norwegens, wurde in der Presse grundsätzlich als "der weibliche Jon Michelet" bezeichnet, nicht etwa als "Norwegens Krimikönigin" oder wie auch immer. Dass ein Autor "die männliche Anne Holt" genannt werden könnte, kann sich bis dato niemand vorstellen.

Von Gabriele Haefs

Neben Anne Holts Werk übersetzt Gabriele Haefs zahlreiche andere namhafte Autoren wie Jostein Gaarder, Karin Fossum, Elin Brodin, Håkan Nesser und viele mehr.

Gabriele Haefs ist auch als Autorin tätig und hat (zusammen mit Klaus Gille) "Aufbruch aus der Sittsamkeit" verfaßt - der Titel ist bei Kabel erschienen. Außerdem ist sie Mitherausgeberin von diversen Anthologien - darunter "Frauen in Irland", "Mord am Fjord", "Morde in hellen Nächten und "Die heiligen drei Narren". In diesen Tagen erscheint die Anthologie “Morden im Norden”. Allerdings geht es ihr nicht nur um Krimis: Die Anthologien: “Skål - Admiral von Schneider” und “Heißer Norden” (erotische Gesichten) beweisen dies!

Erstellt: 11-08-04
Letzte Änderung: 23-08-04