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08/08/06

Die Welt des Andrea Camilleri

Zwischen dem Amboss des Staates und dem Hammer der Mafia

Von Karsten Deventer

"Die Justiz ist für Berlusconi ein rotes Tuch. Jeder Gedanke an ein Gericht oder an die Justiz bringt ihn aus der Fassung, treibt seinen Blutdruck in die Höhe, bringt ihn nachts um den Schlaf, lässt ihm die wenigen Haare ausfallen, die er noch hat, und gräbt neue Falten in sein Gesicht, die er vergebens versucht, unter der Schminke zu verbergen." Wenn Andrea Camilleri über den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten räsoniert, wirkt das, als entwerfe er gerade eine Figur zu einem neuen Kriminalroman. Ein neuer Schurke aus Vigata, möchte man meinen, der sizilianischen Kleinstadt, in der Kommissar Montalbano nun schon sieben Bücher und vier Filme lang dem Verbrechen zu Leibe rückt. Doch bei Berlusconi hört für Camilleri der literarische Spaß auf. Der Schriftsteller war einer der vehementesten Unterstützer der Bürgerbewegung Italiens, die lautstark protestierte gegen die schleichende Unterwerfung des Staates unter die sich in einem Graubereich angesiedelten Privatinteressen des Medienmoguls und Ministerpräsidenten. Die Haltung, mit der er Berlusconis Politik immer wieder kritisierte, entspricht dabei der seines berühmten Kriminalisten: nüchtern, unabhängig, sarkastisch und mit aller Schärfe den Kern der Schändlichkeiten entlarvend.

Auch wenn zwei Menschen unterschiedlicher kaum sein können - ihren Aufstieg zum politischen bzw. literarischen Superstar Italiens haben die beiden Ende der 90er Jahre fast zeitgleich erlebt. Während sich Silvio Berlusconi dazu aber der verführerischen Kräfte seines Medienimperiums systematisch bedient, kann sich Andrea Camilleri den späten Ruhm, der ihn als damals 72-jährigen geradezu explosionsartig ereilte, bis heute nicht wirklich erklären. "Eine Verschwörung der Leser", lautet seine Formel, wenn er an den Sommer 1997 zurückdenkt, als acht von zehn Plätzen der italienischen Bestsellerliste von seinen Büchern besetzt waren. Dass der Autor auf diesen so noch nie da gewesenen Erfolg ganze drei Jahrzehnte warten musste, macht im Rückblick tatsächlich fassungslos. Als sein erster Roman "Der Lauf der Dinge" 1978 gedruckt wird, hat er zehn Jahre Klinkenputzen hinter sich; 14 Verlage hatten das Manuskript abgelehnt. Scheinbar zu Recht, denn das Buch wird erst einmal ein Ladenhüter, und auch weitere, zögerlich verlegte Texte verkaufen sich nur zäh. Dabei hatte Camilleri durchaus schon einen Namen - als Theater- und Fernsehregisseur.

Ende der 50er Jahre hatte er Beckett nach Italien gebracht; außerdem Ionesco, Strindberg, Majakowski und immer wieder seinen sizilianischen Landsmann und Verwandten Luigi Pirandello inszeniert; in den 60er und 70er Jahren mit Krimiserien um die Inspektoren Sheridan und Maigret dem italienischen Fernsehpublikum wahre Straßenfeger beschert. Allein seine Bücher mochte niemand lesen - bis er sich auf seine Krimi-Erfahrungen besinnt und Montalbano zum Leben erweckt. Kommissar Salvo Montalbano lebt und löst seine Fälle in der sizilianischen Kleinstadt Vigata, hinter der sich Camilleris Heimat Porto Empedocle in der Provinz Agrigento verbirgt. Er ist ein Außenseiter bei der Polizei, meidet den Kontakt mit den Mächtigen, hasst Journalisten, ist ein Bücherwurm, ein leidenschaftlicher Anhänger der sizilianischen Küche und hat eine Verlobte, die in Genua arbeitet. Camilleri gibt ihm ein paar Persönlichkeitsmerkmale, einige Running Gags, nicht mehr. Alles andere ist Kriminalhandlung. Die Untersuchung eines Falls als ewige Suche nach der Wahrheit. Eine Mischung, die die Leser urplötzlich unwiderstehlich fanden. Die Lawine kommt ins Rollen. Nun öffnet Camilleri seine Schreibtischschubladen und holt ein bisher verborgenes Lebenswerk hervor: ein literarischer Mikrokosmos aus mittlerweile 21 Büchern, alle angesiedelt in Vigata und Umgebung, neben den Montalbano-Krimis auch etliche historische Romane aus dem Sizilien des 19. Jahrhunderts, die Camilleri besonders am Herzen liegen. Es ist die Zeit der Einigung Italiens, für den Autor eine Epoche, "in der so unglaublich viele Fehler begangen wurden, dass wir sie immer mit uns herumtragen werden."

Seine Bücher erzählen Beispiele solcher Fehler, brutale oder absurde Maßnahmen, mit denen die aus dem Norden geschickten Repräsentanten des neuen Staates allen Kredit bei den Sizilianern verspielen. Als Ausgangspunkt dieser Geschichten dienen Camilleri historische Dokumente: ein Flugblatt, das er in den Papieren seines Großvaters fand; ein Dekret über die Einrichtung einer privaten Telefonleitung; Episoden, die in der staatlichen Erhebung zu den Lebensumständen in Sizilien von 1876 festgehalten sind. Und das erstaunte Publikum liest und stellt fest, dass alle Merkmale der Kriminalromane Camilleris, die präzisen Dialoge, die lebendige Zeichnung der Figuren, der schnelle Wechsel der Schauplätze, der den Gesetzen des Filmschnitts gehorcht - dass all dies auch seine historischen Romane durchzieht und sie zu einem süchtig machenden Lesevergnügen gestaltet. In wenigen Jahren ist Andrea Camilleri so zu einer echten Instanz in Italien geworden. Seine politischen Botschaften kann er dabei unmittelbar aus seiner Literatur ableiten: "Ich habe einmal geschrieben, dass sich die Sizilianer zwischen dem Amboss des Staates und dem Hammer der Mafia befinden. In eben dieser Lage sieht sich Montalbano. Er weiß, dass er die Mafia bekämpfen muss, aber er kennt auch bestimmte Erscheinungsformen des Staates, die ihm überhaupt nicht gefallen. Und schließlich weiß er wie ich, dass die Wahrheit nicht immer mit der Gerechtigkeit übereinstimmt."

Camilleri sieht Montalbano als Botschafter eines anderen Sizilien, das sich langsam von seinen alten Zwängen ebenso wie von seinen Klischees befreit. Mit den letzten beiden Fällen geht er sogar noch einen Schritt weiter und springt in die Tagesaktualität. Er muss sich auseinandersetzen mit Internetkriminalität, Dritte-Welt-Flüchtlingen, die an die sizilianische Küste geschwemmt werden, und mit dem G-8-Gipfel von Genua, der in Terror und Polizeigewalt ertrinkt. Hier spätestens ist seine Auseinandersetzung mit dem System Berlusconi auch Literatur geworden - und Camilleri hat noch lange nicht genug. Zu Beginn seines einzigartigen Erfolgs hat der freundliche Herr mit dem markanten ovalen Schädel und der sonoren Stimme seine Interviews und Fernsehauftritte noch brav absolviert und gelassen die vielen Fragen beantwortet, die sich nun mal stellen, wenn ein bislang verborgenes Gesamtwerk auf einmal von allen gleichzeitig gelesen wird. Nun macht er sich rarer, wenn auch mit Stil. Der Spruch auf seinem Anrufbeantworter lautet: "Da ich vorhabe, weiter zu schreiben und - wenn möglich - auch weiter zu leben, bitte ich um Verständnis dafür, dass ich für Interviews, Literaturpreise, Vorworte und Buchpräsentationen nicht zu haben bin."

Von Karsten Deventer
(Freier Journalist in Berlin. Er arbeitet u.a. für die Welt und das ZDF).


Erstellt: 28-07-06
Letzte Änderung: 08-08-06