Sie ist das blonde Gift der Hinterhöfe, die Femme Fatale der Weddinger Seitenstraße. Coolness hängt schwer auf ihren Augenlidern. Man könnte es für Langeweile halten – wenn da nicht der harte Umgangston wäre und ihre Bereitschaft, Widersacher eiskalt aus dem Weg zu räumen. Ähnlich rabiat verschafft sich Kroko auch ihre Unterhaltung. Bei einem ihrer Joy Rides gibt es einen Unfall. Ein Gericht verdonnert sie zum Sozialdienst in einer Behinderten- WG, was sie als Zumutung empfindet. Doch die „Normalos“, mit denen sie lebt, sind auch nicht so toll, und es scheint so, als würde Kroko bei den „Spastis“ etwas finden, was sie in ihrem Alltag entbehrt.
Die Kritik zum Film
Kroko ist 17. Sie hat platinblonde lange glatte Haare und ihre Haut ist tief gebräunt von zahlreichen Solariumsbesuchen. Sie trägt gerne knapp sitzende Pullover und flauschige Jacken die aussehen wie Katzenfell. Doch von einem netten Girlie ist sie meilenweit entfernt. Kroko ist die Anführerin einer Frauengang, die ab und an mal zu Klauzügen in die nahen Kaufhäuser loszieht.
Regisseurin Sylke Enders hat die Hauptrolle ihres ersten abendfüllenden Filmes mit einer Laiendarstellerin besetzt. Franziska Jünger ist eigentlich Arzthelferin, hat nie zuvor in einem Film mitgespielt und stammt aus einem ganz anderen Milieu als Kroko. Dennoch vollbringt sie wahre Wunder. Sie spielt eine coole, lässige und extrem schlagfertige Anführerin – eine Figur, die sich keinerlei Gefühlsausbrüche erlaubt. Ihre konstante Präsenz fesselt den Zuschauer ganze 90 Minuten lang, und aufmerksam registriert er kleinste Änderungen in der gepanzerten Fassade der unnahbaren Eiskönigin. Der Sozialdienst ist die ‚uncoolste’ Strafe für Kroko, und doch lernt sie grade dort, ihr eigenes Leben von einer anderen Perspektive aus zu betrachten.
Sylke Enders Film besticht durch einen sehr stimmigen Realismus, der größtmögliche Authentizität verspricht. Sowohl die Stimmung innerhalb der Jugendbande als auch die innerhalb der Behindertengruppe wirken sehr überzeugend. Die Jugendlichen vergewissern sich durch coole Sprüche ständig ihrer internen Hackordnung, während die Behinderten vor allem durch ihre Egozentrik auffallen. Das grobkörnige, digitale Bild der Kamera verstärkt den dokumentarischen Charakter des Films.
Gerade dadurch, dass KROKO ein völlig unsentimental erzählter Film ist, weiß er am Ende tief zu berühren. Da wird ein kleines Lächeln Krokos zu etwas ganz Großem. Noch etwas später verschenkt Kroko ihr Lieblingsstofftier völlig freimütig und schmiegt sich auf dem Mofa des dicken Außenseiters der Clique ganz vorsichtig an diesen. Das gibt Hoffnung, dass es ja vielleicht doch möglich sein könnte, dass Menschen sich ändern...
Das Bonusmaterial
Sylke Enders Debüt KROKO ist ein unsentimentaler Film über eine jugendliche Mädchengang, und einer der authentischsten deutschen Filme, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Auf den Bonus Tracks der DVD erhält man weitere Informationen zur Filmemacherin. Es überrascht nicht, dass die Regisseurin vor ihrem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DffB) Soziologie sowie Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert hat, ihr Interesse an genauen sozialen Studien ist augenfällig. Sylke Enders: „Ich treibe mich nicht mit Filmleuten herum und tauche gerne mal in andere Milieus ein.“ Wie hat sie die Szene so genau studiert? „Gut hinhören, immer fleißig die Augen aufmachen.“ Auch wenn ihr Film vielleicht ab und zu recht heftig ist, „die Menschen sagen dir: die Realität sieht noch viel drastischer aus, als Du sie in einem Film zeigen kannst.“
Passend dazu hat Absolut Medien Infos auf die DVD gepackt unter dem Stichwort: „Mädchengangs schlagen zu“. So werden dort diverse Printmedienberichte von BZ („Schlägergirls“) bis Stern erwähnt, die mehrseitige Artikel zum Thema Mädchengangs publiziert haben. Auch veröffentlichte Studien zum Thema werden zitiert: So ist der Anteil gewaltbereiter Mädchen zwischen 14 und 15 Jahren auf 77.000 gestiegen im Verhältnis zu 221.000 gewaltbereiten Jungs und insgesamt 298.000 gewaltbereiten Jugendlichen, die von der Polizei durch Straftaten erfasst wurden. Die Aggressivität der Mädchen richtet sich nicht mehr so stark wie früher in Form von Bulimie und Selbstverstümmelung gegen sich selbst sondern nach außen.
Leider findet das Kurzinterview mit Sylke Enders nur auf Texttafeln statt, ein ausführliches Interview kann unter Hoehnepresse.de nachgelesen werden. Schön wäre es aber gewesen, ein gefilmtes Interview mit der Regisseurin, ihrer großartigen Laiendarstellerin Franziska Jünger und einigen von den behinderten Schauspielern zu sehen.
Eine Bereicherung der DVD Bonus Tracks wäre auch der gleichnamige Kurzfilm KROKO gewesen, auf dem der Langfilm beruht. Hier ist leider einiges an Potential verschenkt worden.






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Sie ist das blonde, coole Gift
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