Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > DVD-News > DVD-News > Krzysztof Kieslowski – Frühe Spielfilme

DVD-News

Die ARTE DVD-Empfehlungen im Überblick

DVD-News

DVD-News - 26/08/09

Krzysztof Kieslowski – Frühe Spielfilme

KRZYSZTOF KIESLOWSKI FRÜHE SPIELFILME
Kino der moralischen Unruhe
DVD 1: "Die Narbe", Polen 1976, 102 Min.
DVD 2: "Der Filmamateur", Polen 1979, 108 Min.
DVD 3: "Der Zufall möglicherweise", Polen 1981, 114 Min.
DVD 4: "Ohne Ende", Polen 1985, 103 Min.
Keine Bonustracks

Kritik: Das Frühwerk des mit 54 Jahren leider viel zu bald verstorbenen polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski ist hierzulande noch relativ unbekannt. Absolut Medien betreiben zusammen mit ARTE Aufklärungsarbeit und haben einen hübschen Schuber mit vier frühen Titeln des Meisterregisseurs zusammengestellt: "Die Narbe", "Der Filmamateur", "Der Zufall möglicherweise" und "Ohne Ende". Seine ersten Spielfilme sind in dokumentarischem Stil gedreht. Da seine Dokumentarfilme im sozialistischen Regime oft der Zensur zum Opfer fielen, beschloss er, fiktive Geschichten zu drehen. Er hatte den Eindruck, dass er somit nicht nur eine größere künstlerische Gestaltungsfreiheit hatte, sondern auch das tägliche Leben realistischer darstellen konnte.

"Die Narbe" beginnt wie ein Thriller, erinnert in seiner Stimmung ein wenig an Gela Babluanis "13 Tzameti", der ebenfalls in einem finsteren Waldstück angesiedelt ist, in dem sich hochrangige Namen treffen. Doch in Kieslowskis Film geht es um ein Chemiekombinat, das am falschen Ort errichtet wird, um skrupellose Lokalpolitiker und entmündigte Bürger. Franciszek Pieczka gibt den Direktor in einer hervorragenden Performance. Nach und nach entscheidet er sich für die Arbeiter und gegen das System. "Sozialistischer Realismus gegen den Strich" betitelte Kieslowski „Die Narbe“.

"Der Filmamateur" gewann 1979 auf dem Moskauer Filmfest den ersten Preis, und wurde zum ersten international erfolgreichen Film Kieslowskis. Jerzy Stuhr, den Kieslowski für fünf seiner Filme besetzte - darunter in drei Filmen aus der hier besprochenen Box, "Die Narbe", "Der Filmamateur" und "Der Zufall möglicherweise" - spielt die Hauptrolle des Arbeiters Filip Mosz, der einen Amateurfilmclub gründet. Für seine aufschlussreiche Dokumentation wird er mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Doch seine investigativen Werke beunruhigen bald schon die anderen Arbeiter und bringen deren geregelten Alltag durcheinander...

In "Der Zufall möglicherweise" rennt der Medizinstudent Witek Dlugosz einem Zug hinterher. Kieslowski stellt sich die Frage was passiert, wenn er ihn verpasst, und was, wenn er ihn erreicht. Er erzählt drei verschiedene Lebensentwürfe desselben Menschen. Einmal landet Witek in der kommunistischen Partei, einmal in einer kirchlichen Untergrundorganisation, ein andermal zieht er sich ins Private zurück. Doch seine innere Haltung bleibt dieselbe. Zur Zeit der Fertigstellung war Kieslowski Teil einer losen Vereinigung polnischer Regisseure, die sich "Cinema of Moral Anxiety" nannten. Auch Agnieszka Holland und Andrzej Wajda gehörten dazu. Wegen dieser Verbindung hatte Kieslowski oft Ärger mit der Regierung, und fast alle seine Filme wurden zensiert. "Der Zufall möglicherweise" konnte etwa erst sechs Jahre nach seiner Fertigstellung vom Publikum gesehen werden, er gelangte rasch zu einem Kultstatuts unter Dissidenten des herrschenden Systems.

"Die Liebe ist die einzige Lösung für das Problem der menschlichen Existenz," sagte Kieslowski und es passt auf die Probleme in seinem vielleicht politischsten Film "Ohne Ende". Dieser verschachtelt drei Ebenen ineinander. Er spielt im Jahre 1982, nach der Verhängung des Kriegsrechts. Eine junge Frau gerät nach dem Tod ihres Mannes in eine Sinnkrise. Eine weitere Ebene erzählt vom Prozess gegen ein Solidarnocz-Mitglied, bei dem der verstorbene Mann die Verteidigung übernommen hatte. Die dritte Ebene - eine Art Geistergeschichte - lässt den Toten auf ein Polen blicken, das ganz in blassen, verwaschenen Farben erscheint. Kieslowski selbst fand seinen Film später "verworren", aber er lernte dabei seinen späteren ständigen Ko-Drehbuchautor, den Anwalt Piesiewicz kennen und arbeitete erstmals mit dem Komponisten Zbigniew Preisner zusammen, der noch für viele seiner Filme die Musik komponierte.

Gemeinsam ist allen vier ausgewählten Werken die deutliche ethische Haltung des Regisseurs. Seine Filme sind sensible Momentaufnahmen verschiedener Leben unter dem polnischen Sozialismus. Sie sind Bestandsaufnahmen und Geschichten des Umbruchs. Kieslowski: „Die Frage ist: Wie lebt man? Wie lebt man so, dass man sich morgens im Spiegel noch ansehen kann? Wie lebt man so, dass man sich seine Redlichkeit bewahrt?“

Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 22-01-09
Letzte Änderung: 26-08-09