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Ernesto Guevara, der „Che“, von Geburt aus Argentinier aber Kubaner aus Überzeugung, ist auf der Insel überall präsent: in den Liedern der Kinder, in den Reden der Führungselite, auf den Banknoten und natürlich auf den Postkarten für die Touristen … Sein Gesicht ist allgegenwärtig, es hat nach dem Fall der Berliner Mauer die Konterfeis von Marx und Lenin ersetzt. Er ist zu einer Art Schutzpatron geworden, der einer verwaisten Revolution neuen Sinn geben soll. Aber was bleibt vom vielbeschworenen Kommunismus im heutigen Kuba, das nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre einen wirtschaftlichen Zusammenbruch erlitt, offiziell „Sonderperiode“ genannt? „Wer heute jung ist, ist während der Sonderperiode geboren worden oder aufgewachsen und hat weder den Wohlstand noch die soziale Gerechtigkeit gekannt, die Kuba einst erreicht hatte. Stattdessen haben diese jungen Menschen Jahre erlebt, in denen Fehlentwicklung und Ungleichheit zunahmen.“
Ein Eingeständnis mitten aus dem Herzen der Macht: Carlos Lage, kubanischer Vizepräsident, pragmatischer Technokrat, ehemaliger Kinderarzt und nun in der Wirtschaft tätig, hat es vor einigen Monaten anlässlich einer Feier der Kommunistischen Jugend Kubas formuliert. „Unsere Jugend muss verstehen lernen, dass die sozialistische Gesellschaft, in der wir leben, sehr viel weniger ideal ist, als wir uns das wünschen würden.“ Dies ist eine neue Ehrlichkeit, die sich von der gewohnten offiziellen Sprachregelung mit ihrem Hang zur Glorifizierung abhebt. Und vielleicht einer der bemerkenswertesten Trends seit dem Rückzug von Fidel Castro im Juli 2006: Auch wenn sich politisch nichts verändert hat, schlagen die Machthaber dennoch einen anderen Ton an und lassen der widersprüchlichen Realität des Landes mehr Raum. Kuba ist zu einer schizophrenen Gesellschaft geworden, in der Schattenwirtschaft, Doppelmoral und Doppelwährung die Ideale Lügen strafen, die den Kubanern ohne Unterlass von den Regierungsmedien eingehämmert werden, den einzigen auf der Insel erlaubten Medien.
Einige Monate bevor er seine Machtbefugnisse abgab, hatte sich Fidel Castro besorgt geäußert: „Die Revolution läuft Gefahr, sich selbst zu zerstören“, bevor er im Dezember 2005 wieder neue Maßnahmen zur Kontrolle und weiteren Zentralisierung ergriff. Trotz eines offiziell zweistelligen Wachstums, hat sich die kubanische Wirtschaft noch immer nicht vom plötzlichen Wegbrechen des sowjetischen Marktes und der sowjetischen Subventionen erholt. Seit nunmehr 46 Jahren lebt die Bevölkerung mit Lebensmittelmarken, doch auch die stellen keine Lösung mehr gegen Nahrunsmittelmangel und Unterernährung dar. Einem berühmten Witz zufolge gibt es nur drei Probleme auf Kuba: das Frühstück, das Mittagessen und das Abendessen.
Hinzu kommen der Wohnungsmangel, offiziell fehlen mehr als eine halbe Million Wohnungen, oder die so gut wie nicht vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel: In der zwei Millionen-Stadt Havanna gibt es ganze 330 städtische Busse.
Selbst die historischen Errungenschaften der Revolution, wie das staatliche Gesundheitswesen, werden sträflich ausgehöhlt: Durch Programme der kubanischen Regierung zur internationalen Kooperation befinden sich mehr als zwei Drittel der 60.000 während der Revolution ausgebildeten Ärzte im Auslandseinsatz (vor allem in Venezuela). Das medizinische Versorgungssystem vor Ort jedoch liegt brach. Im Schulwesen wird der Unterricht via Bildschirm von blutjungen Studenten betreut, was nur schwer den Mangel an Lehrern wettmacht, die in lukrativere Berufszweige wie den Tourismus oder gleich in die Schwarzarbeit abgewandert sind. Auch die Einkommens- und Arbeitsverhältnisse spiegeln diese Widersprüche wider: Der monatliche Durchschnittsverdienst von ungefähr zwölf Euro steht in keinem Bezug zu den Lebensunterhaltskosten. Dabei ist es der Staat, der beides festlegt, der 80 Prozent der Kubaner beschäftigt und den Binnenhandel kontrolliert. „Die tun so, als würden sie mich bezahlen, und ich tue so, als würde ich arbeiten“, sagen die Kubaner, die gelernt haben, sich über alles und vor allem über sich selbst lustig zu machen. Laut einer Studie von Wirtschaftsexperten der Universität von Havanna stammt nur die Hälfte der Einkünfte der Kubaner aus ihrem Lohnverhältnis. Die andere Hälfte wird folglich „erfunden“, wie es ein auf der Insel beliebtes Wort umschreibt.
Ein Erfindungsreichtum, der sich im allgegenwärtigen Schwarzmarkt, der kleinen aber systematischen Bestechung und vor allem in den Geldsendungen der im Ausland lebenden Kubaner (einer der Haupteinnahmequellen der Insel) niederschlägt. Neben diesen Alltagssorgen wird das Leben der Kubaner bestimmt von den Ritualen der Revolution, die gewissenhaft in Szene gesetzt werden: Aufmärsche, Massenzusammenkünfte, Reden. Jeder Tag ist ein Gedenktag, jedes Datum erinnert an Heldentaten, die Abreißkalender beten die Namen von verstorbenen Helden und alternden Führern herunter und lassen wenig Platz für eine Gegenwart, die nichts Heroisches mehr hat. Die Kubaner sind angewidert von der Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und ihrer Darstellung in den Medien, zwischen der Geschichte und ihrer Umschreibung; und ihr Engagement in der Einheitspartei (die anderen sind illegal) hat meist mehr mit Opportunismus als mit Überzeugung zu tun. Was bleibt, ist der echte Nationalismus und der Stolz auf die nationale Souveränität, selbst wenn sie teuer erkauft ist. Die „amerikanische Bedrohung“ ist gerade einmal 150 Kilometer entfernt, warnen die kubanischen Behörden ohne Unterlass, und prangern das seit 45 Jahren bestehende Handelsembargo als echte Militärblockade an.

In „La neblina del ayer“ („Die Nebel von gestern“; deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor), einem seiner letzten Romane, schreibt der in Havanna geborene Schriftsteller Leonardo Padura: „Durch das ständige Leben im Außergewöhnlichen, Historischen, Transzendenten sind die Menschen müde und verlangen nach Normalität.“
Sara Roumette







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