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19/06/07

Künstlerjagd durch Kassel

Ariane Greiner für das ARTE Magazin


Am 16. Juni öffnet die documenta 12 ihre Pforten. Während die Kasseler Kunstschau seit Wochen Medienthema ist, sind die Namen der Künstler streng geheim. Das Vorhaben, die Vorbereitungen zur documenta hautnah zu erleben, erweist sich unter diesen Umständen als gar nicht so einfach.

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Kassel im April: Die Morgensonne durchflutet die Halle der Orangerie, die auch in diesem Jahr wieder als Ausstellungsort der documenta genutzt wird. Baustellenatmosphäre überall: Auf einer Bühne stehen verlassene Bierbänke. Ab und zu kommt jemand aus dem Hinterraum, um Kaffee zu holen oder einen Zollstock. Ein Künstler? Man weiß es nicht. Eine Thermoskanne, Pappbecher, ein angebissenes Brötchen und diverse Werkzeuge ergeben ein Stillleben, das „Nach der Pause“ heißen könnte. Oder „Wir sind dann mal weg“. Aber wo sind sie, die Künstler? Und vor allem: Wer sind sie?

Julia Benkert ist seit Wochen in Kassel auf Künstlerjagd. Für ihren ARTE-Dokumentarfilm „Das Wunder von Kassel“ blickt sie hinter die Kulissen der documenta. Kein leichtes Spiel, immer wieder werden die Termine verschoben, und um Informationen muss sie oft kämpfen. Doch sie weiß, es lohnt sich: „Viele der Künstler und ihre Werke, die vor Ort aufgebaut werden, dürfen wir noch während des Entstehungsprozesses filmen. Das ist ein großes Privileg“. Ein Privileg, das selbstverständlich absolute Diskretion verlangt.

Keine Namen vor der Bescherung

Das Geheimnis um die ominöse „Liste“ der teilnehmenden Künstler gehört zur documenta wie der Heilige Gral zu Arthus’ Tafelrunde. Doch diesmal hat man den Eindruck, das Versteckspiel zwischen documenta-Leitung und Journalisten ist selbst schon Kunst, eine Art Sozialkunstwerk vielleicht. Schließlich hat Roger M. Buergel, künstlerischer Leiter der documenta 12, lange selbst als Künstler gearbeitet, bevor er ins Kuratorenfach wechselte.

Am 16. Juni wird die documenta feierlich eröffnet, intern ist von „Bescherung“ die Rede. Journalisten wie Julia Benkert mischen die Vorbereitungen auf, denn vorzeitige Enthüllung, noch dazu von fremder Hand, kann nicht im Sinne der Ausstellungsleiter sein.

Vokabeln wie „Bescherung“ und „Überraschung“ passen ganz und gar nicht in die heutige Informationsgesellschaft. Fast scheint es, als erlaube Buergel sich einen Spaß, indem er die Listen-, Ranking- und Best-of-versessene Presselandschaft einfach ausdörren lässt. Den Informationshunger der Medien stillt der listige Künstler auf seine Art: Nur fünf „offizielle“ documenta-Teilnehmer sind bisher bekannt, darunter der spanische Starkoch Ferran Adrià. Ein Koch als Topact? Als würde die Gerüchteküche nicht schon genug brodeln!

Buergel, Kuratorin Ruth Noack und die circa 1.000 Helfer tun alles, um ihre Schäfchen zu schützen. Jeder, der von der Presse kommt, erhält einen aufmerksamen Begleiter zugeteilt, wenn es sein muss, rund um die Uhr. Warum dieser Aufwand? Den Überraschungseffekt zu wahren, ist nur ein Grund, vor allem aber sollen die Künstler ungestört arbeiten können.


Kunst in Nachbarschaftsverhältnissen

Dennoch dürfen wir an diesem Apriltag die österreichische Künstlerin Ines Doujak treffen – im eigens für die documenta erbauten Gewächshaus auf der Karlswiese, dem „Pavillon“. In der Mitte des Raumes steht ein überdimensionaler Blumenkasten auf Stelzen aus weiß gestrichenen Ästen. In frischer Erde stecken neben zartgrünen Pflänzchen von der Künstlerin gestaltete Samentüten mit provokativen Motiven, die von Ausbeutung und Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern und Völkern erzählen. Auf den Rückseiten der Tüten Informationen zu Fällen brutaler Biopiraterie, der Aneignung natürlicher Ressourcen durch Großkonzerne. Ines Doujak möchte mit ihrer Arbeit dazu anregen, sich selbst weiter zu informieren.

Einzelne Namen ins Scheinwerferlicht zu rücken ist eigentlich gegen das Konzept der documenta. Auch deshalb die strikte Geheimhaltung. „Es kommt darauf an, wie die Kunstwerke untereinander kommunizieren“, sagt Tim Hupe, der für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich ist. Kunst als Frage von Nachbarschaftsverhältnissen. Schließlich nimmt die documenta 12 die Nachbarschaftsverhältnisse der Welt ins Visier, indem sie fragt, wie wir der Globalisierung seelisch und intellektuell Herr werden können. Mehr als ums Einzelkunstwerk geht es dem Team Buergel/Noack darum, Verbindungen zu schaffen. Und die, da ist sich Buergel sicher, kann jeder entdecken, nicht nur der akademisch gebildete Kunstkenner. Bildung versteht der Ausstellungsleiter im Sinne von „Herausbildung von Eigenem“ – ein Leitgedanke der documenta.

Herausbilden von Eigenem – Künstler leben davon. Und wenn es gut läuft, sind sie in Kassel dabei, was ihnen zumindest eine Zeit lang Medienaufmerksamkeit sichert. Manchen scheint das eher unangenehm zu sein. Zum Beispiel Jürgen Stollhans, der gerade vorzeitig zusammenpackt. Eigentlich wollte Julia Benkert den Künstler hier in der Orangerie beim Aufbau seiner Arbeit filmen. Doch nun hat der hoch gewachsene Wuschelkopf in Jeans und T-Shirt sichtlich keine Lust, vor der Kamera zu stehen, geschweige denn, sein Tun zu erklären. Was soll man auch reden, schließlich soll das Werk für sich sprechen. Kriegs- und anderes Spielzeug aus Plastik und Pappe wandert von einem alten Küchentisch zurück in Kartons. War das schon das Kunstwerk? Oder erst ein Modell? Der Künstler zuckt mit den Schultern, was wohl sagen will: Wie ihr wollt. Kunst liegt schließlich im Auge des Betrachters.


Das „documenta-Gefühl“

„So fühlt sich documenta an“, stöhnt Julia Benkert. Schon wieder wurde ein Termin verschoben. „Aber wenn ein Treffen dann endlich stattfindet, ist es unheimlich intensiv – dann vergisst man die Zeit miteinander“. Und über allem wacht stets die documenta-Leitung in Form des zugewiesenen Begleiters. Der macht seinen Job gut. Seine Augen sind überall, er steht in ständigem Funkkontakt mit der Presseleitung. Erst wenn man ihn fragt, was er so macht, wenn er nicht bei der documenta jobbt, verwandelt er sich kurz in einen netten Typen, der in Kassel Stadtplanung studiert.

documenta 12 – ganz nebenbei ein spannendes Sozialexperiment, das zeigt, was passiert, wenn über 1.000 Leute ein Geheimnis hüten sollen: Wer weiß was und woher? Wer hat echte Informationen, wer macht sich nur wichtig? Warum sind auf einmal so viele Chinesen in Kassel? Sind die auch Kunst? Und der Stadtstreicher, der hinter einem Mundschutz Passanten beschimpft, ist der echt? Wo verläuft die Grenze zwischen Kunst und Leben? Gibt es die überhaupt? Ab 16. Juni wissen wir hoffentlich mehr.
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documenta 12
documenta 12
vom 16. Juni bis zum 23. September 2007
in Kassel
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Themenabend documenta 12
Das Wunder von Kassel
Dokumentation von Julia Benkert
Freitag, den 15. Juni 2007 um 23.35 Uhr
Redaktion : HR
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Erstellt: 06-06-07
Letzte Änderung: 19-06-07