ARTE en Français

Schriftgröße: + -
Home > Maestro > Interview Menuhin

Klicken Sie hier, um zum Dossier zu gelangen.

Maestro - 18/11/09

Interview mit Yehudi Menuhin

Hommage zu seinem 10. Todestag


Previous imageNext image

In jungen Jahren wurden Sie als Wunderkind bewundert, Albert Einstein soll ausgerufen haben, ‚Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt!` In späteren Jahren wurden Sie als großer Humanist, ja als Heiliger verehrt. Wie sehen Sie sich selbst?
Oh ich bin gar kein Heiliger! Ich habe keine Ambitionen, ich weiß, ich tauge nicht dafür, Nein, ich versuche mein Bestes zu tun, mit meinem Gedanken, mit dem, was ich glaube. Ich habe meine Prinzipien, aber leider werden die richtigen Prinzipien nie verwirklicht. Man hofft immer, dass es eine bessere Welt gibt.

Ist die Welt schlechter geworden?
Ich glaube, die Gefahren sind größer geworden. Der Mensch war nie ein Engel. Er hat sich an sich nicht verändert. Die Technik, die Ökologie, die Wissenschaft hat sich unglaublich entwickelt, aber der Mensch eigentlich nicht. Wir erziehen die Jugend nicht mehr und gerade die Demokratie, die an sich fabelhaft ist, hat sich auch nicht entwickelt. Eigentlich sollte die Demokratie Gruppen Stimmen geben, die keine Stimme haben. Das tut sie nicht immer. Das andere Problem der Demokratie: Man glaubt, man könnte über die Freiheit verfügen, wie man will. Aber die Freiheit ist die Würde des anderen, die man respektieren muss. Und die jener, die keine Freiheit haben. Demokratische Erziehung ist leider nicht mit Verantwortung einhergegangen. Die Hauptverantwortlichkeit liegt offenbar nur im ökonomischen. Wir gehen nur nach Profit und Macht.

Gibt es für Sie eine ideale Regierungsform?
Man müsste Männer haben wie Richard von Weizsäcker und Politiker haben, die nicht nur davon profitieren wollen, sondern die Visionen haben und genügend Geld, um unabhängig zu sein. Es gab solche. Dann hatte man eine aristokratische Regierung, die natürlich nicht das Volk repräsentierte, aber eine Regierung, die meistens irgendwie teilweise die Verantwortung für die Zukunft übernahm. Heute denkt man nicht weiter als in Zeiträumen von sechs Monaten, manchmal auch in zwei Jahren, auf jeden Fall aber bis zu den nächsten Wahlen. Es gibt natürlich auch unter den Politikern wunderbare Menschen. Wie Churchill eben gesagt hat: Demokratie mag nicht die ideale Form sein, aber von allen ist sie noch die Beste. Wir müssen daran arbeiten. Auch in den Schulen, darum mache ich das Projekt, wo wir zu den schwierigen Schulen gehen. Wenn die Kinder anfangen zu singen und zu tanzen, dann sind alle Vorurteile vorbei. Wir zwingen die Kinder Schreckliches zu lesen, zu hören und zu sehen. Dadurch vernichten wir, was im Kind gedeihen könnte. Die Brutalisierung der Jugend ist erschreckend. Die Gesellschaft hat viele Probleme.

Sie haben selbst vier Kinder; ist es bei Ihnen gelungen?
Ja, ich glaube ja. Oft musste meine Frau der bessere Vater sein. Frauen sorgen für die Zukunft, Frauen bringen einen wieder auf den Boden der Realität, folgen oft nicht dummen Theorien, weil sie das Leben geben. Der Mann glaubt etwas entdeckt zu haben, die große Theorie erfunden zu haben, die Wahrheit, er glaubt das jedenfalls. Und dann will er das ganze Leben in diese Richtung forcieren. Wenn es um Kunst oder Wissenschaft geht, dann kann das gut sein. Aber wenn es auf Hass, Ressentiments aufgebaut ist, wie bei den Diktatoren, dann gibt es nur Vernichtung…

Wie sind Sie denn selbst auf diese Erkenntnis gekommen?
Nun, vielleicht weil ich habe mich als junger Mensch schon immer gefragt habe, warum die Welt manchmal so hässlich ist, warum Menschen in endloser Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit leben müssen, warum es so viel Leid geben muss?

Wenn Sie Ihr ungemein reiches Leben in einem Wort zusammenfassen müssten…
In drei: Liebe und Güte und Glück. Ich hatte wunderbare Eltern und Freunde. Ich hatte das Glück mit Musik leben zu dürfen und etwas machen zu können, was mir immer Freude immer Ob als Geiger oder als Dirigent. Von Anfang an wollte ich etwas ausdrücken, was die Menschen berührt, ich wollte überzeugend sein. Ich konnte mit der Musik zu allen Menschen sprechen, seien sie schwarz, gelb oder weiß. Das war das Schönste in meinem Leben, ein Leben, das alle Türen und Herzen öffnete.

Über Ihr Eintreten für Wilhelm Furtwängler kurz nach Kriegsende waren viele empört, Sie wurden öffentlich als Verräter und Kollaborateur der Nationalsozialisten gebrandmarkt. Wie sehen Sie heute Deutschland?
Wenn man heute von Deutschland spricht, dann kann man nur sagen: es ist das erste Land, das wirklich ernsthaft und konsequent daran gearbeitet hat, sich von den alten Ideologien frei zu machen. Die Dokumentierungsstelle für deutsche Zigeuner in Heidelberg ist beispielsweise ein Zeichen dafür. Ich war bei der Eröffnung dabei. Es gibt hier viele gute Menschen. Nur sobald es Frustrationen gibt, etwa ökonomischer Art, dann kommt das Gift. Und irgendein starker Mann versucht dann davon zu profitieren. Gerade weil es eine freiheitliche Demokratie gibt, wird auch diesen Leuten mit ihren vernichtenden Theorien und Ideen erlaubt, sich zu äußern.

Sind Sie einverstanden mit den vielen Biographien, die über Sie geschrieben wurden?
Mit den meisten nicht, ich habe vieles ganz anders empfunden, als es dort beschrieben wird. Bei einer Biographie, an deren Autor ich mich nicht mehr erinnere, ist alles falsch. Eigentlich stimmt nur das, was ich geschrieben habe.

Wenn ein Film über Sie gedreht werden sollte, wer sollte Ihre Rolle spielen? Immerhin sollten Sie selbst einmal Paganini spielen!
Ich habe keinen Wunsch, ein Held zu sein, ich tauge auch nicht dazu. Ich weiß es also nicht. Aber ich mag den Film, den Bruno Monsaingeon über mich gedreht hat.

Sie hatten so viele Gaben. Hätten Sie sich noch mehr gewünscht?
Sehr viel mehr Sport aber auch intellektuelle Fähigkeiten wie Mathematik oder die Naturwissenschaften. Ich wünschte, ich könnte alle Sprachen beherrschen. Es fehlen so viele Dinge.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nicht wirklich. Ich habe Angst, dass gute Menschen jeden Tag vernichtet werden, große Kunst zerstört wird, ganze Wälder. Davor habe ich Angst, dass das alles noch schlimmer wird. Das ist unerträglich. Sie haben als jüngerer Mensch ein schweres Erbe.

Interview: Teresa Pieschacón Raphael
Das Interview mit Yehudi Menuhin wurde am 16. Dez 1997 in Fontainbleau bei Paris geführt, 14 Monate vor seinem Tod.
©2009 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 12-03-09
Letzte Änderung: 18-11-09