"Was haben Sie eigentlich Wichtiges in Ihrem Leben gemacht? Warum sind Sie denn hier?" wurde Miles Davis bei einem Empfang des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan von einer Dame der Gesellschaft gefragt. "Nun, immerhin habe ich in der Musik fünf- oder sechsmal grundlegend was verändert, wahrscheinlich bin ich deshalb hier" antwortete der Trompeter. Bescheidenheit gehörte bekanntlich nicht unbedingt zu seinen herausragenden Tugenden. Aber schließlich hatte er auch allen Grund und jedes Recht, eitel, arrogant und auch stolz auf das zu sein, was er für den Jazz erreicht hat. Jene drei Aufnahmesessions mit seinem neuen Nonett vom Januar und April 1949 sowie im März 1950, die als "Birth of the Cool" zusammengefaßt wurden, markierten einen entscheidenden Wendepunkt für den Jazz.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt gerade mal vier bzw. fünf Jahre zurück. Seine grundlegende Erschütterung des Weltbildes hatte auch das pragmatisch orientierte Amerika erreicht: Der europäische Existenzialismus, dem Miles Davis bei seinem Aufenthalt in Paris begegnet war, hinterließ seine Spuren in der den Schriften der Beat Generation. Plötzlich erschien das Moment der Raserei, der Vitalismus fragwürdig und es entstand ein Gefühl des Mißtrauen gegenüber dem ungehemmten Gefühlstaumel. Man begann, wenigstens für kurze Zeit, die Kraft des Individuums nicht mehr absolut zu setzen. Musikalisch betrachtet hatte die Rasanz des Bebop in einen überhitzten Leerlauf geführt, seine schematischen Wechsel von Thema und Solo blieben nur mehr bloße Klischee-Erfüllung. Was Miles Davis in jener Zeit suchte, war zunächst ein neuer Klang: die Versöhnung von Bigband-Raffinesse mit der Transparenz eines kleinen Ensembles. "Bei der Besetzung des Nonetts wollte ich anfangs Sonny Stitt am Altsaxophon. Da Sonny fast wie Bird klang, dachte ich sofort an ihn. Aber Gerry Mulligan wollte Lee Konitz, weil der einen zarten Sound hatte, nicht diesen harten Bebop-Klang. Gerry meinte, daß dieser Sound die Platte und die Band gegenüber allen anderen abhebe. Er fürchtete, daß die Bebopper zu stark in der Band vertreten wären und dann dabei nichts Neues rauskäme. Deshalb befolgte ich seinen Rat und verpflichtete Lee Konitz."
Tatsächlich erreichte die ungewöhnliche Orchestrierung mit Posaune, Tuba, French Horn und Saxophonen dank der Kunst des Arrangeurs Gil Evans eine Leichtigkeit, in der sich die neu imaginierte Komplexität des Cool-Jazz umsetzen ließ. Kühl kalkuliert und kristallklar klang diese Musik; sie besaß genausoviel Energie wie die Musik von Charlie Parker oder Dizzy Gillespie - aber auf einem ganz anderen, wesentlich abstrakteren und intellektuelleren Niveau. Die einzelnen Soli sind so raffiniert ineinander verzahnt, daß sie weniger der Selbstdarstellung als vielmehr dem übergeordneten Gesamtklang dienen. Bislang hatten die Themen der Stücke im Bebop lediglich die Funktion, den Ausgangspunkt für die Improvisationen zu liefern. Die Idee des Cool Jazz aber bestand auch darin, diese Themen so kunstvoll wie möglich zu gestalten, mithin den Unterschied zwischen Komposition und Improvisation langsam aufzulösen. Spürbar beeinflußt von der Ästhetik des Pianisten Lennie Tristano und dessen Kreis, erreicht Miles Davis mit "Birth of the Cool" die ideale Balance zwischen intellektueller Form und einer zurückgenommenen Emotionsaufladung.
Text: Harry Lachner
Miles Davis: Birth Of The Cool(CD: Capitol Jazz CDP7 92862, rec. 1949/50)
Miles Davis: Complete Birth Of The Cool (Doppel-CD: Definitive)







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