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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Herfried Münkler - 18/03/09

Die Deutschen und ihre Mythen

Eine Rezension von Ariane Thomalla


Von der Varusschlacht bis zum Wirtschaftswunder - die Deutschen im Spiegel ihrer Mythen: ein aufschlussreiches Werk über ihre Geschichte und Mentalität


Deutschland war im 19. Jahrhundert – als Folge der verspäteten Staatsbildung - ein regelrechtes Dorado der politischen Mythographie, schreibt der Berliner Politikwissenschaftler und Ideengeschichtler Herfried Münkler. Bis 1871 seien Mythen und Symbole die einzigen Repräsentanten der Nation gewesen. An Münklers neuem Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“, das die deutsche Mentalität jener Jahrzehnte spannend ausleuchtet, überrascht, dass es erst jetzt geschrieben wurde. Stemmten sich Tabus dagegen? Oder gab es Abwehr und Scham angesichts der völkisch-mythischen Peinlichkeiten unserer Altvorderen?

Preis der Leipziger Buchmesse

Juryvorsitzender Ulrich Greiner im Gespräch mit den Preisträgern Herfried Münkler, Sybille Lewitscharoff und Eike Schönfeld.


Sehen Sie die Videoaufzeichnung

Gleich vorweg gesagt: Fast alle Mythen der Wilhelminischen Ära haben die Zäsur des Jahres 1945 nicht überlebt und sind auch von einer extremen Rechten heute in Deutschand kaum zu reaktivieren. Weder der im Kyffhäuser seiner Wiederkunft entgegenschlummernde Kaiser Barbarossa, der dann das „Reich“ in Glanz und Gloria erstrahlen lassen sollte, noch Hermann der Cherusker, der die Römer vernichtend und für immer im Teutoburger Wald besiegt hatte und als erster in die Reihen der großen Deutschen in die Ruhmeshalle Walhalla einzog, wobei der Historie gleich recht gegeben werden muss: Natürlich waren die Hermannsschlacht und die Biografie des Arminius weniger rühmlich verlaufen. Das eben macht jeden Mythos aus. Er schert sich nicht um historische Wahrheit und verdichtet alle historischen Erzählungen zweckgerecht für den wehenden Zeitgeist. So auch im literarischen Fall der „Nibelungen“ und der „Germania“ des Tacitus, ein Text, der den Deutschen erlaubte, sich als Nachfahren der Germanen zu gerieren. All die Tugenden, das weiß man heute sicher, die Tacitus den Germanen zugewiesen hatte – unverdorben, freiheitsliebend, treu, wehrhaft-tüchtig, tapfer, keusch usw. - waren aus der Luft gegriffen in der reinen Absicht, den Römern einen Spiegel vorzuhalten. Die deutsche Germanenromantik nahm's für bare Münze. Auch die Behauptung des Tacitus, dass die Germanen sich nie durch Heiraten mit „Fremdstämmen“ vermischt hätten. So falsch sie war, diese Botschaft vom „reingehaltenen Blut“, sie erreichte die Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts mit Macht, um erst recht die Vertreter des Rassenwahns im Dritten Reich zu befeuern. Die Entwicklung eines Mythos der ganz gefährlichen Art.

Wann wird Geschichte zum Mythos?

Gespräch mit Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, zu seinem neuen Buch

SWR2 Journal am Morgen, 6.3.2009
(5:59 min)


Nibelungentreue bis in den Tod

Fatale Folgen zeitigte auch die berühmte „Nibelungentreue bis in den Tod“. Selbst Adolf Hitler, ein „Mythenbildner“ par excellence, soll vor solcher Konsequenz in Furcht und Faszination erstarrt sein. Auch vor dem wiederum zum Exempel der Römer von Tacitus überlieferten Ehrenkodex der Germanen, dass Gefolgsleute niemals den Tod ihres Anführers auf dem Schlachtfeld überleben durften. Was zu den letzten Parolen des Dritten Reichs animierte: zur Kapitulationsverweigerung für die 6. Armee in Stalingrad. Kampf bis zum letzten Mann, hieß es dort. So wurde der Selbstmord Hitlers im Führerbunker im Untergangszenario des Wehrmachtsberichts vom 2.5.1945 zum Heldentod des Führers verfälscht. Davor noch hatte der Führer Kommando gegeben, dass es nicht notwendig sei, „auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitven Weiterleben“ brauche, „Rücksicht zu nehmen“. Im Gegenteil sei es besser, „diese Dinge zu zerstören“.
Das Fazit von Herfried Münkler lautet: Im Vergleich zu den fröhlicheren National-Mythen der Franzosen oder der Amerikaner hätten all diese deutschen Mythen etwas abgründig Düsteres. Sie seien alles andere als „Erfolgserzählungen“. Wie konnnte man so von Kriemhilds Rache fasziniert sein, alle Nibelungen einschließlich Hagen und Gunther am Ende in Etzels Hof bis auf den letzten Mann niedergemetzelt zu sehen? Eine masochistische Komponente in der deutschen Mentalität? Soweit geht Herfried Münkler freilich nicht.

Der Mythos Weimar

Die Deutschen und ihre Mythen
von Herfried Münkler
Rowohlt Verlag
Berlin 2009
ISBN 978-3871346071
Ein ganzes Kapitel widmet er dem Mythos Weimar, der vor allem die gemeinsamen Jahre von Goethe und Schiller 1794 – 1805 umfasst, die das deutsche Bildungsbürgertum als die „deutsche Klassik“ „erfand“. Ein Weimar freilich, das damals nur 6000 Einwohner zählte. Eine herzogliche Kleinstadt mit Residenz, die freundlich absolutistisch regierte. Ein politische Einschränkung, die uns heute merkwürdig berührt. Von hier rührt die stolze Selbst-Etikettierung der Deutschen als Volk der Dichter und Denker, wobei die Xenien beider Dichter fragten: „Deutschland? Wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das Gelehrte beginnt, hört das Politische auf.“ Das deutsche Bildungsbürgertum blieb fortan politisch abstinent. “Politisch unerzogen“, formulierte es später Max Weber. Politischer Verzicht im arroganten Anspruch, der Politik aus „überpolitischer Einsicht“ letztendlich Ziele setzen zu können. Was daraus wurde, in Weimar und danach, ist bekannt.

Preis der Leipziger Buchmesse 2009

Nominiert in der Kategorie Belletristik: Wilhelm Genazino, Reinhard Jirgl, Daniel Kehlmann, Sibylle Lewitscharoff, Andreas Maier und Julia Schoch.

In der Kategorie Sachbuch und Essayistik stehen Matthias Frings,Andreas Kossert, Herfried Münkler, Jürgen Neffe und Karl Heinz Ott auf der Nominiertenliste.

Nominiert in der Kategorie Übersetzung:
Michel Kellner, Esther Kinsky, Susanne Lange, Hans-Christian Oeser und Elke Schönfeld
Preußenmythos und Reise-Rhetorik

Den Preußenmythos vom Großen Kurfürsten über Friedrich den Großen, die legendäre Königin Luise bis zu Bismarck und den sich die Krone selbst aufsetzenden Kaiser Wilhelm in Versailles behandelt Münkler in seinem Mythos-Reigen ein wenig en passant. Die Landschaft der Mark Brandenburg erklärt er für eher "öde und wenig abwechslungsarm". Sie sei nur dank Theodor Fontane zu solcher Bedeutung gekommen. Und auch beim Kapitel Mythos deutscher Orte, Burgen, Städte, Landschaften - vom Vater Rhein ("Sie sollen ihn nicht haben!") bis zur Wartburg und zur deutschesten aller Städte, der von Leni Riefenstahl filmisch noch erfassten und in Ruinen untergegangenen Stadt Nürnberg - fällt sein Text gelegentlich in leichte Reiseführer-Rhetorik.

Der Mythos des Dr. Faustus

Zu literarischer Leidenschaft kommt Herfried Münkler erst richtig wieder im Mythos vom Dr. Faustus, den er in allen seinen Variatonen auch stoffgeschichtlich ausleuchtet, von Goethe über Thomas Mann bis zu Oskar Negt heute. Ein Mythos, der tiefe Spuren in der deutschen Selbstwahrnehmung hinterlassen habe. Das Faustische sei auch ein Synonym für deutsche Überheblichkeit. Nicht zuletzt im Teufelspakt deutscher Intellektueller mit den Nazis wie im Fall der Intellektuellen Carl Schmitt und Martin Heidegger. Und faustisch auch dies: Dass der Aachener Germanist Hans Schwerte alias SS-Offizier Dr. Ernst Schneider nach 1945 nach dem Wechsel seiner Identität nicht nur seine Dissertation neu verfasste (über den Faustmythos), sondern auch seine Frau noch einmal heiratete und sein eigenes Kind adoptierte.


ARTE Bücherfest

Menschen, Bücher, Attraktionen in unserem Dossier zur Leipziger Buchmesse 2009: Tagesaktuelle Hintergrundberichte und Autorenporträts, Videos und Buchtipps, Literaturrätsel und vieles mehr
Der Gründungsmythos des wiedervereinigten Deutschland

Kommt ein Staatsgebilde, fragt Münkler, ganz ohne Mythen aus? Wohl kaum, lautet seine Antwort. Die DDR besann sich auf den antifaschistischen Widerstand als Gründungsmythos und nahm die Bauernkriege und die Freiheitskriege gegen Napoleon hinzu. Die „provisorische“ Bundesrepublik sollte aus den falschen Mythen der Vergangenheit gelernt haben und wurde dennoch hinterrücks zum Beispiel vom VW-Käfer als mythischer Größe eingeholt und dann entscheidend vom Duo Währungsreform und Wirtschaftswunder. Beides erkannte Helmut Kohl mit politischem Instinkt 1989/90 als Gründungsmythos, um die Wiedervereinigung rasch über die Bühne zu bringen. Ein Buch, das ebenso ein Standardwerk werden könnte wie Herfried Münklers Bücher „Macchiavelli“ oder „Die neuen Kriege“.

Eine Rezension von Ariane Thomalla

Erstellt: 05-03-09
Letzte Änderung: 18-03-09