

Zurück zu den Anfängen und Einflüssen(Windows media, 1'37")
Pierre Paulin: 1950 beschloss ich mit einem befreundeten Ingenieur, meinem Bruder und meiner Freundin, eine Entdeckungsreise zum Nordkap zu machen. Wir durchquerten Deutschland, das damals noch völlig zerstört war, und fuhren über Hamburg, den Skagerrak und Malmö nach Stockholm. Dort sahen wir kleine Werkstätten und Fabriken, wo sehr einfache, moderne Möbel hergestellt wurden, die sich vor allem auch junge Leute und weniger Betuchte leisten konnten. Das gefiel mir sofort, und ich sagte mir, dass ich genau das machen wollte. Dann kam Knoll International nach Frankreich. Auch das war eine unglaubliche Entdeckung für mich. Hans Knoll, der Deutschland verlassen hatte (– aber die Geschichte kennen Sie genauso gut wie ich … ). Später entdeckte ich die Designer Ray und Charles Eames, die für Herman Miller arbeiteten. Sie sind für mich die größten Designer des 20. Jahrhunderts. Warum? Weil es ihnen gelungen ist, ganz einfache Gegenstände für Gemeinschaftseinrichtungen zu schaffen. Wunderbar funktionale Möbel und Objekte, äußerst stillvoll und von hoher Qualität. Deshalb haben diese Leute große Bedeutung für mich.
Sein Design(Windows media, 2'16")
Pierre Paulin: Meine erste berufliche Überzeugung war, dass ich keine traditionelle Produktion wollte. So kam mir 1956, 1957 die Idee, Stühle zu entwerfen, die bei Thonet herauskamen. Form und Sitz der Möbel waren damals noch nicht ganz ausgereift. Sie wurden mit diesen elastischen Stoffhüllen überzogen. Es war eigentlich Stoff für Badeanzüge, denn ich habe damals keinen anderen gefunden, es gab nichts anderes in der Art. Dann habe ich mit Holländern aus Maastricht gearbeitet. Der Boss hieß Henri Wagenmann oder „Wachenmann“. Er war damals noch jung und hatte vor dem Krieg schon in den Vereinigten Staaten gearbeitet. Er hatte genaue Vorstellungen davon, wie man ein Unternehmen führt, und war zu Neuem bereit. Er hatte also Lust mit mir zu arbeiten und viele lange Jahre lang haben wir diesen elastischen Stoff verarbeitet und weiterentwickelt: Aus so dicken Matratzen haben wir Muster geschnitten und Ihnen Stoffe übergezogen, wie eine Frau sich ihren Badeanzug anzieht. So habe ich angefangen. Später machte ich Unterschiedliches. Ich hatte zum Beispiel die Idee zu einem Endlosstuhl für Gemeinschaftseinrichtungen und noch mehr solcher Einfälle.
ARTE: Sie haben sehr viele Sitzmöbel gestaltet …
Pierre Paulin: Ja. Sie wollen wissen, warum? Weil ich dreidimensional sehen konnte. Wenn ich die Augen schloss – oder auch mit geöffneten Augen –, konnte ich ein Objekt, das ich mir ausdachte, vor meinem geistigen Auge drehen und sogar verändern. Ich sah es deutlich vor mir, wie heute auf dem Bildschirm. Der Bildschirm ist eine Art Viagra für schlechte Designer! So ist das …
Farben(Windows media, 56")
Pierre Paulin: Farben sind Modesache. Früher habe ich mich in punkto Farben eher nach den anderen orientiert. Einer meiner Freunde, Verner Panton, benutzte zum Beispiel ausgesprochen leuchtende Farben, also habe ich es eine Weile genauso gemacht. Aber meine Lieblingsfarben sind eigentlich die Zwischentöne, wie man sie zum Beispiel in nördlichen Meeren sieht: diese fantastisch subtilen Farbnuancen. Da ich im Süden lebe, sind die Farben dort eher „pfff“… das explodiert geradezu! Wunderbar…aber am liebsten sind mir persönlich die Farben von Sonnenauf- und - untergang im Norden.
Gelungenes Design (Windows media, 1'26")
Pierre Paulin: Meine Sichtweise ist heute vermutlich sehr umstritten. Für mich muss Design in erster Linie dem Grundsatz „Die Funktion bestimmt die Form“ gehorchen. Dann kommt die Technik, die man braucht, um eben diese Form zu erzielen. Und schließlich der Bezug zum Nutzer: Wenn man zum Beispiel ein Sitzmöbel entwirft, muss es bequem sein und so einiges aushalten, damit es nicht zu einer Gefahrenquelle wird und man sich ein Bein bricht oder was weiß ich. Und wenn möglich, d. h. wenn der Designer genügend Talent hat, sollte so ein Produkt auch von Dauer sein. Denn für mich hat Design nichts mit Mode zu tun, außer in Bezug auf die Farbe. Die ist wie ein großes Rad, das sich für die Frauen schnell und für die Männer sehr langsam dreht, und das Tempo für Autos liegt dazwischen… Das Beispiel mag simpel erscheinen, aber es zeigt, wie Mode im Vergleich zu einem Konzept funktioniert.
Kritik und Verhältnis zum Nutzer(Windows media, 2'50")
Pierre Paulin: Früher gefiel es mir, wenn ich ein Modell, das ich entworfen hatte, in einer Zeitschrift groß abgebildet sah und darunter ganz klein mein Name stand. Heute ist es genau umgekehrt. Manche sprechen andauernd über Design, zeigen aber nie welches vor, so sollen einige extrem reich geworden sein. Ich frage mich, wie das geht. Aber das steht auf einem anderen Blatt… Ich hasse es auch, wenn heute manche zugleich Künstler und Designer sein wollen. Ein Designer ist kein Künstler, das liegt doch auf der Hand. Man ist das eine oder das andere. Ich finde es etwas abwegig, sich als Künstler zu bezeichnen, wenn man bloß Möbel entwirft. Ein Künstler macht sich die Welt zueigen und darüber hinaus. Künstler sein ist etwas ganz Außerordentliches. Aber diese Leutchen, die solche Sachen hier machen und sie zu horrenden Preisen verkaufen, weil es andere gibt, die dumm genug sind, ihre Erzeugnisse zu kaufen, das finde ich unglaublich! Ich meine jetzt das Verhältnis zur Öffentlichkeit. Wenn es keine Öffentlichkeit gibt, gibt es keinen Designer. Das versteht sich von selbst. Die Nachfrage schafft das Produkt. Was das Design in Frankreich anbetrifft … Es gibt Leute mit einem gewissen kulturellen Niveau, die bei Knoll, Herman Miller, in Skandinavien oder Norditalien gekauft haben. Dann war erst einmal lange Schluss. Deshalb habe ich, wie bereits erwähnt, so gut wie nicht mit Franzosen gearbeitet. Es gab einfach keine Kunden. Aber die Lage hat sich geändert, in Frankreich und auch in anderen Ländern. Nach dem Krieg sind die, die man früher Proletarier nannte, zu Geld gekommen und zum Kleinbürgertum aufgestiegen. Auch kulturell begannen sie, sich für die Dinge um sie herum zu interessieren. Genau sie begannen vermutlich zu kaufen, was wir entwerfen. Leider sind diese Produkte aus verschiedenen Gründen viel zu teuer: wegen der Größe der Unternehmen oder weil der Typ, der das Design entwirft, mit seinem Namen signiert und man das ausnutzt. Ein Unternehmen hat keine Moral. Die Franzosen denken das zwar …aber das ist nicht möglich (lacht). Ein Unternehmen ist da, um Gewinn zu machen. Und um die Leute zufrieden zu stellen, die für das Unternehmen arbeiten oder seine Aktionäre sind. Das ist alles!
Realisation: Sabine Lange
Kamera: Frédérique Cantu
Schnitt: Jérémie Boucris
Ton: François Pécoste








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