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01/03/10

Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe

Eine Rezension von Tobias Gohlis


Michael Connelly verknüpft Justizthriller und Polizeiermittlung zu einem rasanten Zeitstück aus Los Angeles

Michael Connelly beobachtete als Jugendlicher, wie ein Mann einen Gegenstand in einem Gebüsch verbarg und schauderte gehörig, als er herausfand, dass es sich um eine Waffe handelte. Er führte die herbeigerufene Polizei zu der Kneipe, in der der flüchtige Verbrecher ein Bier trank, nahm an der Festnahme teil und ist seitdem besessen von der Welt der Cops. Michael Connelly arbeitete etliche Jahre als Kriminalreporter der Los Angeles Times, bis er 1992 in die Fußstapfen seines Idols Chandler trat und mit dem knorrigen Cop Harry Bosch eine neue Serienfigur schuf, die nur für diejenigen Leser ein Geheimnis hat, die den Verweis auf den niederländischen Maler Hieronymus Bosch nicht verstehen. Denn Harry heißt eigentlich Hieronymus und ist ansonsten so einleuchtend wie die Konstruktionszeichnung einer Maschine. Und eine Maschine zur Ermittlung von Tätern und Verbrechen ist er auch. Seit sechzehn Jahren.

Michael Connelly lebt und arbeitet in Florida. Bereits für seinen Debütroman "Schwarzes Echo" wurde er mit dem renommierten "Edgar Award" ausgezeichnet. Zahlreiche Preise und Ehrungen folgten. Neben den Romanen um Detective Harry Bosch wurde er vor allem durch seine Bestseller "Der Poet", "Das zweite Herz" (verfilmt von und mit Clint Eastwood), "Schwarze Engel", "Dunkler als die Nacht" und "Die Rückkehr des Poeten" bekannt. Zuletzt erschienen: "Echo Park".
Maschinen können zerbrechen. Diese Erfahrung hat Michael Haller gerade zu verkraften gelernt. Nach einem Überfall schwer verletzt war der Anwalt medikamentenabhängig geworden und hat zwei Jahre gebraucht, um wieder fit für seinen Beruf als Strafverteidiger zu werden. Eigentlich will er ganz sachte wieder anfangen. Da wird ein Kollege von ihm ermordet, und er erbt – gemäß einer entsprechenden Vorschrift der kalifornischen Justiz, die verhindern soll, dass ein Angeklagter ohne Verteidiger ist – dessen Fall. Einen Riesenfall, der von weitem Ähnlichkeit mit dem des O.J. Simpson hat. Ein berühmter und steinreicher Filmproduzent steht unter der Anklage, seine Ehefrau und deren Liebhaber in einem Haus in Malibu ermordet zu haben. Als Michael Haller den Mogul erstmals spricht, staunt er über dessen arrogante Selbstgewissheit. Er werde gewiss freigesprochen, solange sich Anwalt Haller an die taktische Vorschrift halte, innerhalb einer bestimmten, sehr knappen Frist zur Gerichtsverhandlung bereit zu sein.

Haller, der sein Büro vom Rücksitz eines Lincoln Town Car aus organisiert und deshalb der Lincoln Lawyer genannt wird, entdeckt nach einer Weile, dass diese Vorschrift ihn zum unwillentlichen Komplizen einer betrügerischen Verschwörung machen soll. Die anscheinend unzerstörbare und hermetisch abgeriegelte Justizmaschinerie entpuppt sich als manipulierbar und anfällig. Während Haller versucht, mit juristischer Cleverness einen Weg zwischen Mandantenverrat und Gesetzesbruch zu finden, hat er den alten Knochen Harry Bosch an der Backe, der ihn verdächtigt, den erblassenden Anwaltskollegen aus Eigennutz umgebracht zu haben.

Vermutlich gibt es auf der Welt keinen Kriminalschriftsteller, der seine Fälle so nahe an der Ermittlungswirklichkeit der Cops platziert wie Michael Connelly. Zu Recht ist er einer der erfolgreichsten und immer wieder interessant zu lesenden Autoren. Kunstfertig verknüpft er korrekte sachliche Details aus Justiz- und Polizeialltag mit allgemeinen gesellschaftlichen Phänomenen wie etwa den Auswirkungen des Gerichtsfernsehens auf Gerechtigkeitsvorstellungen und Gerichtspraxis. Trotz aller Detailgenauigkeit ist er niemals langweilig.

Michael Connelly
So wahr uns Gott helfe
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb
Verlag Heyne
512 Seiten, € 19,95
Erscheinungstermin: 25.02.2010
München 2010
Der Plot von „So wahr uns Gott helfe“ (Original 2008: „The Brass Verdict“) ist allerdings besonders raffiniert. Connelly grundiert ihn mit der quasi natürlichen Feindschaft zwischen Cop und Anwalt. Während der Cop konstitutionell nur Mitleid mit dem Opfer empfindet und Zorn auf den Täter, ist der Verteidiger institutionell verpflichtet, seinem Mandanten zu einem fairen Verfahren zu verhelfen. Dramaturgisch prima: Der Kampf wird mit harten Bandagen geführt. Darüber liegt ein äußerst raffinierter Justizbetrug. Und dann wird noch eine ganz besondere Beziehung zwischen den beiden Protagonisten Bosch und Haller aufgedeckt – gewiss zum Entzücken der auch hierzulande wachsenden Fangemeinde Connellys. Denn Connelly liebt es, Figuren aus seinen verschiedenen Serien und Einzeltiteln sich in einem neuen Buch begegnen zu lassen und dadurch ein soziales Netz zwischen ihnen entstehen zu lassen, das sich, wie im wirklichen Leben mal verdichtet, mal lockert. Im Fall der beiden natürlichen Feinde Harry Bosch und Michael Haller wird es erstaunlich eng geknüpft.


Eine Rezension von Tobias Gohlis

Erstellt: 18-02-10
Letzte Änderung: 01-03-10