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29/12/09

Arwed Messmer: Anonyme Mitte Berlin

Eine Rezension von Jörg Plath


Die Zahl der Berlin-Fotobände ist Legion. Dieser hier ist einzigartig. Arwed Messmer hat die Mitte Berlins so fotografiert, wie sie immer wieder aussieht, aber noch niemals gezeigt worden ist: als „Anonyme Mitte“.

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Berlin pflegt einen Ruf wie Donnerhall. Seit Anfang des letzten Jahrhunderts begreift es sich als Stadt, die nach einem Wort Karl Schefflers niemals aufhört zu werden. Die Hauptstadt ist zudem die einzige deutsche Metropole, was sie zum Kristallisationspunkt von allerlei Sehnsüchten und Projektionen werden lässt. Die Mythendichte kann sich sehen lassen. Wer sich als Künstler dieses mit Bildern, Bedeutungen, Zuschreibungen überfrachteten Sujets annimmt, muss vor allen anderen Fähigkeiten eine besitzen: die zum großen Kehraus.

Der Fotograf Arwed Messmer lässt sie bereits auf dem schwarzweißen Titel seines neuen Buches erkennen: Winterbäume bilden auf schütterer Schneeschicht eine dürre Reihe am unteren Bildrand, hinter der sich im Nebel undeutlich links und rechts zwei Türme abzeichnen. Zwischen ihnen, leicht aus der Bildmitte versetzt, erhebt sich schemenhaft eine dicke Säule und verliert sich in der Gräue. Es handelt sich um den Fernsehturm, flankiert von den Türmen der Marienkirche und des Roten Rathauses. Zwischen ihnen liegt der Alexanderplatz, vom Standort des abgerissenen Palastes der Republik aus fotografiert. Auf den ersten Blick aber scheint Arwed Messmer ein gottverlassenes Haveldorf zu präsentieren, einen Ort für Krähen und Trübsal. Treffend heißt der Fotoband „Anonyme Mitte Berlin“.

Anonyme Mitte Berlin
von Fotograf Arwed Messmer

Mit Texten von Florian Ebner und Annett Gröschner.
Verlag für moderne Kunst.
Nürnberg 2009. 184 Seiten, 39 Euro

Der Fotograf als Melancholiker
Zwischen 1994 und 2009 hat Messmer immer wieder die Mitte Berlins fotografiert. Er konzentriert sich auf das Areal mit der ältesten Besiedlung. Dort erhob sich das Schloss, dort siedelten Adel und später vermögendes Bürgertum, wurden die alte und die neue Reichsbank, der Marstall, Schinkels Bauakademie und die Friedrichswerdersche Kirche erbaut. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Bereich weitgehend zerstört, nach der Vereinigung – das ist die Pointe der fotografischen Expedition von Messmer – wird er es wieder. Am Vorabend des Schlossneubaus auf dem Platz des abgetragenen Palastes der Republik zeigen Messmers kühle Bilder eine weitgehend leere Mitte. Ihr ging ein Szenario der Zerstörung und der Auslöschung voraus. Ausgelöscht wurde die Geschichte. „Die DDR hat‘s nie gegeben“, steht auf einem Mauerrest des Palastes.

Auf Messmers Fotografien fehlen neben vielen Gebäuden meist auch die Menschen. Das Auge gleitet ohne Halt in eine nur mühsam von fernen Gebäuden begrenzte Weite, die unverkennbar dem tiefen Osten angehört. Herrenloses Strauchgrün beugt sich auf den riesigen zugigen Flächen unter dem Wind und hat eilig besiedelt, was der Mensch aufgab. Arbeitsgeräte stehen herum, sorgsam, jedoch schon vor längerer Zeit zusammengestellt. Rostige Eisenrohre laufen über den struppigen, von schwerem Gerät versehrten Rasen neben dem Staatsratsgebäude, der Schlossattrappe und dem Außenministerium der DDR. Ein brauner Erdhaufen im Vordergrund nimmt die Hälfte des Fotos ein und verdeckt den Blick auf den Rest des Palastes der Republik. Unter einem tief hängenden, grauen Himmel liegt Herbstlaub und bildet Teppiche, über die niemand geht. Bei Messmer sieht der Repräsentationsraum des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des sogenannten „Dritten Reichs“, der Deutschen Demokratischen und der Berliner Republik aus wie der Hinterhof einer arg wühlenden, aber niemals recht fertig werdenden Familie. Messmer ist als Fotograf ein Melancholiker.

Historische Tiefenbohrungen
Der Melancholiker hat seit jeher eine besondere Beziehung zur Geschichte. Daher ist Messmer nicht nur Fotograf, er inszeniert auch den historischen Hallraum seiner Fotografien: Zwischen sie hat er Aufnahmen aus der Nachkriegszeit geschoben, die auf dokumentarisch ungerührte Weise Ruinen und die Lücken um sie herum zeigen. Messmer hat Jahrzehnte später vom selben Standpunkt aus fotografiert, manchmal noch ohne von den früheren Arbeiten zu wissen. Frappierenderweise hat er auch dasselbe fotografiert. Das Nachher unterscheidet sich vom Vorher wenig, beide sind von Zerstörung und Leere gezeichnet. Oder Messmer stellt Korrespondenzen her und zeigt einen Metallträger im Palast der Republik 2005 neben einer zerfurchten Ziegelsäule in der Schlossruine 1948. Wenn der Fotograf zudem noch die Aufnahme eines Kollegen aus der Gegenwart in seinen Band aufnimmt, zeigt sich: Messmer geht es nicht primär um den künstlerischen Selbstausdruck, sondern um historische Tiefenbohrungen.

Dieses Geschichtsinteresse hat den 1964 geborenen Messmer in das heute in der Berlinischen Galerie befindliche Archiv der Ostberliner Bauverwaltung getrieben, wo er zahlreiche Fotografien von Fritz Tiedemann aus der enttrümmerten und sich zum Wiederaufbau rüstenden Hauptstadt entdeckte. Einige von ihnen setzte Messmer 2008 digital zu eindrucksvollen großformatigen Panoramen zusammen, was den Aufnahmen aus den Jahren 1948 bis 1953 eine ungewöhnliche Präsenz verleiht. Auch „Anonyme Mitte Berlin“ verwandelt die alten wie die neuen Aufnahmen, indem sie sie digital überarbeitet, in neue Kontexte versetzt und so zum Sprechen bringt. Dieses dialogische Verhältnis merkt der Betrachter zunächst an der Bewegung der Kamera durch den Stadtraum: So diffus und heterogen dieser auch wirkt, immer ragen vom Rande her dieselben Orientierungspunkte hinein – das Rote Rathaus, der Palast bzw. seine Reste, die Friedrichswerdersche Kirche. Der Betrachter wird nicht überwältigt, er kann mit Messmers Kamera wandern.

Der Fotograf als Mythograf
Im deutsch-englischen Anhang unternimmt die Schriftstellerin Annett Gröschner einen informativen Spaziergang im Messmer-Geiste, Florian Ebner stellt den Fotografen vor, und Karten mit eingezeichneten Kamerastandpunkten helfen auch Einheimischen, die Fotografien zu verorten. Sie zeigen Berlin nicht als Stadt, die niemals aufhört zu werden, sondern als eine, die – zumindest in der Mitte – niemals war und niemals ist. Arwed Messmer hat ordentlich Mythen beiseitegeräumt – und einen plausiblen neuen Mythos an ihre Stelle gesetzt.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 16-11-09
Letzte Änderung: 29-12-09