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Buch- und KrimiWelt. Das Literaturmagazin bei ARTE Online - 05/01/10

Teheran. Revolutionsstraße

Ein Roman von Amir Hassan Cheheltan - rezensiert von Kurt Scharf


Eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte: Zwei Männer streiten sich um eine junge Frau. Beide sind Anhänger und Nutznießer der islamischen Revolution, und sie zögern nicht, ihre politischen Verbindungen skrupellos für ihre privaten Zwecke einzusetzen. Die beiden frommen Feinde üben sich „aufopfernd“ im Handwerk des Tötens. Ein ergreifender und erhellender Roman über den Alltag in der islamischen Republik Iran.


Mit dieser Welterstveröffentlichung seines neuen Romans liefert uns der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan ein lebendiges, spannendes und facettenreiches Porträt des nachrevolutionären Teherans. Mit souveräner Erzähltechnik führt er den Leser mitten ins Geschehen hinein: Wir wohnen einer Hymenoplastik (Rekonstruktion des Jungfernhäutchens) bei, durchgeführt von einem der Protagonisten. Dieser war einst Angehöriger der Teheraner Unterschicht, begann als Lieferant eines Schnapshändlers und hat es danach, angelernt von den Krankenschwestern in einem Hospital, vom Putzmann zum Pfleger und als eifriger Anhänger der Revolution auch ohne Medizinstudium zum Operateur, ja sogar zum angesehenen und wohlhabenden Chef einer Klinik gebracht.

Amir Hassan Cheheltan:

Teheran Revolutionsstraße

Aus dem Persischen von Susanne Baghestani
P. Kirchheim Verlag, München 2009
208 Seiten;
EUR 22,00
ISBN 978-3-87410-111-0

Der falsche Doktor verliebt sich in seine Patientin und beschließt, sie zu heiraten. Dem widersetzt sich indessen ein anderer, Revolutionär auch er - und zudem Folterer, aber Vertreter einer jüngeren Generation und Altersgenosse des Mädchens. Sie wetteifern miteinander an Skrupellosigkeit und Brutalität, treten dabei jedoch als fromme Muslime auf. Uns begegnen indessen auch andere Charaktere: die großbäuchige, dickbusige Suppenmama, deren Foto, neben ihrem Kessel aufgenommen, um die Welt geht - sie kämpft für die islamische Revolution und verspürt doch Mitleid mit deren Opfern - oder ein tiefgläubiger Großvater, der staunend feststellt: „Gut, dass die Leute noch einen Glauben haben, nach all dem Unheil, das man im Namen der Religion und des Buches über sie gebracht hat.“

Zum Autor:

Amir Hassan Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren. Er studierte Elektrotechnik an der Universität Teheran und in London.

Noch unter dem Schah-Regime veröffentlicht er zwei Bände mit sozialkritischen Erzählungen. Seine fünf Bände Erzählungen und sieben Romane wurden teils von den Behörden der Islamischen Republik Iran verboten, teils mit starken Eingriffen der Zensur veröffentlicht, einer entgegen seinem Protest für den staatlichen Buchpreis nominiert.

Wegen seines Einsatzes für den iranischen Schriftstellerverband mit dem Tode bedroht, ging er für zwei Jahre ins italienische Exil, kehrte dann aber nach Teheran zurück. Er lebt derzeit mit seiner Familie auf Einladung des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. Sein neuester Roman erschien als Welterstveröffentlichung auf Deutsch.


Heuchelei der Frommen

Vom ersten Absatz an besticht die Verbindung von genauer Beobachtung und kritischer Beschreibung mit einer Ironie, welche die Heuchelei der frommen Revolutionäre gnadenlos aufs Korn nimmt. Diese Erzählweise und die von innerer Anteilnahme geprägte, ab und zu auch humorvolle Schilderung menschlicher Einzelschicksale vor dem Hintergrund des Weltgeschehens - wie der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran oder des irakisch-iranischen Krieges - machen die Lektüre von Teheran Revolutionsstraße bei aller bitteren Kritik an den Zuständen und den handelnden Personen zu einem packenden, bedrückenden, aber auch unterhaltsamen Erlebnis. Umso mehr, als der Autor das Geschehen aus der Sicht der handelnden Personen, überwiegend Anhänger der islamischen Revolution, darstellt und sie so nur indirekt kritisiert.
Im Original, das aus politischen Gründen allerdings zumindest vorerst nicht veröffentlicht werden kann, macht das schon der Titel „Die Moral der Leute aus der Revolutionsstraße“ deutlich. Voller Sarkasmus sind die Beschreibungen Teherans und des darin wimmelnden chaotischen Verkehrs, erschütternd die Bilder aus dem für politische Häftlinge bestimmten Gefängnis Evin. Die Lektüre des Buchs führt den westlichen Leser in eine ihm fremde Welt, vermittelt ihm Verständnis für ein Geschehen, das niemanden von uns gleichgültig lassen kann, und überzeugt ihn - auch wenn die Übersetzung gelegentlich etwas holprig daher kommt - davon, dass die iranische erzählende Literatur den Anschluss an die Moderne gefunden hat und keineswegs hinter der abendländischen zurücksteht.

Eine Rezension von Kurt Scharf

Eine Leseprobe von Amir Hassan Cheheltan:
Teheran. Eine Stadt mit Dorfbewohnern
Große Städte gleichen sich allmählich den Personen an, die sie verwalten. Generell ließe sich sagen, dass Regierungen den Machtbereichen ähneln, die sie beherrschen. In Bezug auf Teheran und seine Stadtverwalter bildet eine dieser Entsprechungen das Element der Inkonsequenz: Teheran ist zum großen Teil eine Stadt mit Dorfbewohnern! Der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan erklärt uns, wie es dazu kam und was es für ihn bedeutet. Ein Auszug aus einem Beitrag für Fikrun wa Fann, Goethe-Institut.


Weltempfänger
Krimis aus Pakistan, Poesie aus China und Avantgardistisches aus Mexiko - Literatur ist ein Schlüssel zu den Kulturen der Welt. "Weltempfänger", die alternative Bestenliste, bringt sie zu uns, macht unbekannte Stimmen hörbar, "nimmt all jenes wahr, was nicht im eigenen Garten wächst und geläufig ist"


Erstellt: 22-09-09
Letzte Änderung: 05-01-10