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Krimiautoren A-Z - 30/11/09

Fred Vargas

Die in Paris lebende Archäologin und Erfolgsautorin schreibt ihre Romane fast ausschließlich in den Ferien. Lesen Sie die Rezensionen

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Rezensionen zu "Der verbotene Ort":


Siehe KrimiWelt-Bestenliste April 2009
  • Sven Boedecker, Sonntagszeitung, 19.4.2009

„Wo ist die Leiche?“ fragt die Polizistin am Tatort. „Überall“, antwortet Kommissar Adamsberg von der Pariser Brigade Criminelle und breitet die Arme aus. In diesem Zimmer wurde ein Mensch in 460 Teile zerstückelt, zerhackt und zermalmt.

Kann man so ein Verbrechen noch steigern? Im gleichen Roman? Die Französin Fred Vargas kann es. Vor dem Eingang zum Londoner Friedhof Highgate (dort liegt Karl Marx begraben) stehen 17 Schuhe. Das Besondere ist: Die Füsse der Besitzer sind noch drin, der Rest wurde oberhalb des Knöchels abgetrennt.

Willkommen in der kuriosen Welt von Frau Vargas, 51. Auch in ihrem zehnten Kriminalroman geht es wieder reichlich irre zu. Diese Frau braucht das. In ihrem Brotberuf ist sie Archäozoologin (d.h., sie analysiert alte Tierknochen), also Wissenschaftlerin. Zur Entspannung flüchtet sie in ihren Romanen in eine Welt der Märchen und Mythen.

Da toben Werwölfe („Bei Einbruch der Nacht“, 1999), die Pest wütet im heutigen Paris („Fliehe weit und schnell“, 2001), oder eine Nonne spukt im Haus von Kommissar Adamsberg („Die dritte Jungfrau“, 2006). Fred Vargas bohrt in unseren Urängsten. Mit diesen schrägen Plots hat sich die Französin obendrein ein grosses Publikum erschrieben und die wichtigsten europäischen Krimipreise abgeräumt.

Wenn im Herbst das ZDF vier Vargas-Verfilmungen ausstrahlt - mit Jean-Hugues Anglade („Betty Blue“) als Adamsberg und Gastauftritten von Jeanne Moreau und Charlotte Rampling -, dürfte ihr Ruhm hierzulande noch ein wenig grösser werden. Und zu dem trägt jetzt schon ihr jüngster Kriminalroman „Der verbotene Ort“ bei.
Der neue Fall führt den eigenwilligen Bauchmenschen Adamsberg in das serbische Dorf Kiseljevo - und an den Rand des Irrsinns. In Kiseljevo nämlich nahm einst der Vampirglaube seinen Anfang. An einem verwunschenen Ort im Wald haust der 1725 getötete Dämon Peter Plogojowitz (den gab es wirklich), der in seiner Gruft kaut und schmatzt. Obendrein ist er noch für die Hals- und Fussabschneidereien verantwortlich.

Das klingt nach starkem Tobak. Doch das ist noch nicht alles. Hier gibt es noch Menschen, die Schränke essen, einen Mann, der das Sofa besitzt, das einmal dem Kammerdiener von Immanuel Kant gehörte, und einiges mehr.

So skurril die Handlung auch sein mag - sie wird wie immer absolut logisch und sinnvoll aufgelöst. Alles andere würde die rationale Seite von Fred Vargas wohl gar nicht durchgehen lassen. Zugleich bleibt der Roman märchenhaft und poetisch.

Das zeigt sich nirgendwo besser als bei dem häufig verwendeten Ausdruck „Plog“. Der hat einerseits mit dem Ur-Vampir zu tun. Darüber hinaus variiert seine Bedeutung je nach Kontext. Vargas schreibt: „Es kann ‚gewiss’ bedeuten, ‚genau’, ‚einverstanden’, ‚kapiert’, ‚gefunden’, eventuell auch ‚Quatsch’. Es ist wie ein Tropfen Wahrheit, der fällt.“ Alles klar?

Müsste man diesen ebenso lebensklugen wie verrückten und spannenden Roman mit einem Wort beschreiben, dann so: Plog.



Es beginnt mit der Parade von abgeschnittenen Füßen vor den Toren des Londoner Friedhofs Highgate: der gelernte Vampyrologe weiß, dass dieser Ort etwas Besonderes ist. Erinnerungen an die makabre Exhumierung der Rossetti-Geliebten Elizabeth Siddal und andere sinistre Vorkommnisse leben auf. Kommissar Adamsberg, der sich gerade dienstlich in London aufhält und den gruseligen Fund in natura sieht, ist erleichtert, dass ihn diese abgeschnittenen Füße nichts angehen, und die gelehrten Anmerkungen seines Kollegen Danglard lassen ihn auch kalt.

Fred Vargas scheint hier auf den ersten Blick mit Gothic-Nostalgie zu spielen. Doch genial wie sie ist, wendet sie ihren Plot bald in die aktuelle Gegenwart. Zurück in Paris, wird Adamsberg mit einem bestialischen Mord konfrontiert. Ein alter Mann ist nicht nur umgebracht, sondern seine Leiche buchstäblich zu Brei zerstampft worden. Danglard glaubt indessen, unter den mumifizierten Füßen die Überreste eines serbischen Onkels entdeckt zu haben. Um die Verwirrung vollständig zu machen, meldet sich ein „graziöser Wiener“ Kommissar und erzählt Adamsberg, dass in Pressbaum bei Wien ein ganz ähnlicher Mord passiert ist. Adamsberg reist in ein serbisches Dorf, wo er in einem Waldstück ein uraltes unheimliches Grabmal entdeckt...

Vargas ist die aufregendste Krimiautorin Europas, weil sie eine brillante Konstrukteurin ist, immer wieder ganz neue Facetten erfindet und mit Adamsberg eine so spannende, vielfach gebrochene Persönlichkeit geschaffen hat. Ausserdem hat sie subtilen Humor und spickt ihren Roman mit gelehrten Anspielungen, die dem Kenner abseitiger Literaturgeschichte großes Vergnügen bereiten: großartig!




Rezension zu "Das Zeichen des Widders":


Siehe KrimiWelt-Bestenliste November 2008

  • Thomas Wörtche/Deutschlandradio Kultur, November 2008

"Das Zeichen des Widders" ist kein neuer Roman von Fred Vargas. Es ist schon gar kein Roman „mit Zeichnungen" von Edmond Baudoin. Das ist ein glatter Etikettenschwindel, den uns der Aufbau Verlag da völlig bewusst präsentiert. Das französische Original, "Les Quatre Fleuves" aus dem Jahr 2000 trägt sehr wohl beide Verfassernamen auf dem Umschlag – denn es handelt sich ganz einfach um einen Comic oder, wenn man es gehoben formulieren möchte, um eine Graphic Novel. Und zwar um eine ganz und gar wunderbare Graphic Novel, was die Täuschungsaktion des Verlags umso überflüssiger macht. Aber wahrscheinlich hält man beim Aufbau Verlag Comics für etwas Inferiores. Das tut man aber nur, wenn man sich in der zeitgenössischen Literatur nicht so genau auskennt. Und zudem liegen Text/Bild-Kombinationen ja durchaus seit einiger Zeit auch bei uns wieder voll im Trend. (…)

In dieser Gesellschaft spielen Baudoin/Vargas schon fast in der 2. Liga, wobei man sehen muss, dass Vargas vor acht Jahren, als der Comic erschien, auch noch nicht sooo groß war wie heute.

Dennoch, die Geschichte von dem Serialkiller, genannt der "Widder" und seinem Häscher, dem Kommissar Adamsberg, den Baudoin ein bisschen so zeichnet, wie Jerome Charyn damals ausgesehen hat (das muss kein Zufall sein …), ist auf den ersten Blick ziemlich einfach strukturiert. Zwei kleine Diebe bestehlen das falsche Opfer. Und als sie merken, dass sie nicht nur 30.000 FF geklaut haben, sondern auch Dinge, die psychopathische Serialkiller nun mal mit sich tragen, ist es zu spät. Der eine wird umgebracht, der andere gejagt und seine ganze, sympathisch abgedrehte Familie gleich mit.

Adamsbergs Intuition und Imaginationskraft aber sind stärker als jede Ranküne eines bösen Killers.
Der Comic, ohne dass er deswegen aufhört, ein Comic zu sein, ist stellenweise stark text-lastig oder vermittelt zumindest diesen Eindruck, weil die Texte nicht immer in die Panels (also die Bildkästchen) eingebaut sind. Da, wo die Bilder den Text doppeln würden, werden sie lieber weggelassen. Das gilt vor allem für ein paar längere, sehr schön rhythmisierte Dialog-Teile. Das erhöht aber die Signifikanz und die Gewichtung der Bilder, so dass Text und Bild stets neu untereinander ausmachen müssen, wer gerade die narrative Oberhoheit hat - wann also einstimmig erzählt wird (d.h. Bild und Text dasselbe zeigen), wann gegenläufig, wann nur mit einer Komponente etwas angedeutet, etwas mehrdeutig, etwas unklar und mysteriös gemacht wird. Baudoin arbeitet mit kräftigen Schwarz/weiß-Strichen (plus Wischeffekten), mit hellen und dunklen Flächen – ein Stil, der den Einfluss des Argentiniers Alberto Breccia nicht verleugnen kann und will, und vor allem atmosphärisch für Rätsel und Düsternis, fürs Numinose, mit anderen Worten: buchstäblich für den noir sorgt.
Einen zusätzlich Reiz, der die Spannung der – wenn auf den reinen Plot reduziert – eher schlichten Geschichte ausmacht, ist die nicht-filmische Struktur der Graphic Novel. Das Buch sieht eben nicht aus wie ein Storyboard, sondern präsentiert sorgfältig entworfene Seiten, die eher von der Graphik resp. von der Kombination von Text und Graphik, also vom Design bestimmt werden. Eine simple "Und-dann-und-dann"-Dramaturgie kann unter diesen Umständen nicht aufkommen, die oft weißen Flächen (und ihre schwarzen Komplementär-Löcher, sozusagen) fordern die Leserinnen und Leser heraus – zu Konkretisationen und Sinnstiftungen. Oder verweigern diese.

Vargas und Baudoin bedienen nie das Naheliegende oder Billige. Komplexionsaufladung läuft nicht über die Geschichte und die Handlung, sondern über die Art der Erzählung. Und deswegen wird das Gesamtwerk so fein ziseliert, so differenziert, so witzig und manchmal so anrührend. Spannend auf allen Ebenen, sozusagen. Und da haben Comics eine Ebene mehr als Romane. Gerade für Krimis ist das ideal.






Rezension zu "Der vierzehnte Stein":


Siehe KrimiWelt-Bestenliste November 2008

  • Tobias Gohlis, Die Zeit, Juli 2005

10.000 Meilen von zu Hause ist der Pariser Kommissar Adamsberg auf den Dämon seiner Familie gestoßen. Es ist ein kaltherziger, machtversessener Richter, den er verdächtigt, seit beinahe dreißig Jahren ausgesuchte Menschen mit einem Dreizack zu ermorden. Mit seiner staatlichen Macht und einigen Tricks ist es ihm bisher immer gelungen, einen anderen als Schuldigen zu präsentieren und selbst nicht einmal in Verdacht zu geraten. Nur Adamsberg, der als junger Polizist seinem als Dreizackmörder beschuldigten Bruder zur Flucht verhalf, glaubt, die Blutspur dieses henkenden Richters durch Raum und Zeit verfolgen zu können.
Doch nun muss er doppelt an sich zweifeln. Wenn er, was er nicht ausschließen kann, die junge Französin Noëlla selbst getötet hat, ist nicht nur er der Schuldige, sondern seine lebenslange Ermittlungsarbeit gegen den Richter Fulgence - die Rechtfertigung seiner Existenz als Polizist - erweist sich als Illusion. Adamsberg in der Krise: Der Fels bröckelt. Selbstzweifel nagt an ihm. Doch im Augenblick der Verlassenheit scharen sich Kollegen wie der Rationalist Danglard und Violette Retancourt, „der kräftigste seiner Lieutenants“, mit ihrer Tonnenschwere schier unverrückbar um ihn, sogar der verschollen geglaubte Bruder trägt zu Rettung und Aufklärung bei.
Fred Vargas hat einmal erklärt, sie schreibe Buch um Buch, um etwas Unerreichtes zu suchen – die reine Musik der Erzählung. In Der vierzehnte Stein, ihrem elften Roman, ist sie diesem Ziel näher gekommen als je zuvor. Man geht durch dieses Buch wie durch einen Märchenwald, in dem es hinter jedem Strauch vor Witz und Charme flimmert, begegnet den grotesken Sonderbarkeiten eines eigens erfundenen (und von Julia Schoch kongenial übersetzten) Québecquois, in dem Bullen „Coches“ sind und Kumpel „Schumms“ und Adamsberg ein „Wolkenschaufler“. Vor einem Jahr bekam Fred Vargas für Fliehe weit und schnell den Deutschen Krimipreis. Der neue Roman ist noch besser. Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.




Die wichtigsten Links:


Erstellt: 18-10-05
Letzte Änderung: 30-11-09


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