Mit seiner verstörenden, gemeinsam mit Medizinern erarbeiteten Live Performance wurde Marussich in der frisch gegründeten Kategorie Hybrid Art ausgezeichnet – einer Sparte, die transdisziplinäre Projekte der Medienkunst mit hohem Forschungsanteil fördern soll. So leuchtet ein, dass nach der Beherrschung von Hard- und Software im heutigen biotechnologischen Zeitalter auch Wetware zunehmend in den Fokus künstlerischer Auseinandersetzung gerät. Ein Blick auf die Mediengeschichte und ihre Theoretiker legt frei, dass der Körper heute möglicherweise auch deshalb verstärkt wieder ins Zentrum des künstlerischen Interesses rückt, weil er eben auch jenes Zentrum ist, auf welches sich technische Interfaces beziehen. So verstand der kanadische Theoretiker Marshall McLuhan in den 60er Jahren Medien zuallererst einmal als Körpererweiterungen: die elektronische Kommunikation als Fortsatz des Nervensystems, das Fernsehen als Verlängerung der Augen, Eisenbahn & Flugzeuge als jene der Gliedmassen etc. Der Computer mit seinen mathematisch-sprachlichen Steuerungsmechanismen steckte da noch in den Kinderschuhen. So hält es auch Marussich: "Alle meine Arbeiten gehen vom Körper aus – erst dann suche ich mir nach und nach die nötigen Medien, nicht umgekehrt."
McLuhans Theorien erleben derzeit wieder eine Renaissance, während die heute viel diskutierten Biotechnologien uns wieder verstärkt körperlich konkret denken lassen – statt nur sprachlich. So ist auch Yann Marussich weniger an Programmiersprachen, HTML-Protokollen und semantischer Abstraktion interessiert. Denn, so Marussich "Worte können immer auch recht einfach lügen – der Körper, in seiner physiologischen Verfassung, kann das nicht." Nicht-verbale Kommunikation ist deshalb seine Strategie, die auch jene Gesten ausschließt, die in irgendeiner Form als Sprache gedeutet werden könnten. Deshalb hat er auch seine Karriere als Tänzer beendet. "Ich konnte einfach nichts mehr mit Bewegung ausdrücken." Nun sind es die unmerklichen Veränderungen körperlicher Befindlichkeit – Mikro-Bewegungen, die zu Unrecht als Bewegungslosigkeit erscheinen. Bleu Remix : der Titel evoziert den gesampleten Körper, und ein DJ mixt seine inneren Körpergeräusche.
In Linz schwitzte und verströmte sich Marussich dann ‘logischerweise’ inmitten der ausgestellten, unbeweglichen Kunstobjekte im Lentos-Museum, ‘natürlich’ in blau, einer, wie Marussich sagt "für den Körper künstlichen Farbe – nie würde ich rote Biomarker verwenden!" Kunst muss nicht natürlicher sein, nur weil sie körperlich ist.
- Bilder der Performance und Interview (auf französisch)
In der Medienkunst werden die Medien selbst meist hinterfragt. Die biochemischen Manipulationen für Bleu Remix sind komplex – warum sind sie kein Thema ?
Warum blendet die Performance alles Sprachliche aus?
Ein DJ mixt die inneren Körpergeräusche, sodass man trotz Anblick des regungslosen Körpers von aussen sich fühlt, als sei man in ihm drin. Was verbirgt sich hinter diesem Verschleiern von Innen und Aussen?






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

