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17/11/05

Hilary Hahn spielt J. S. Bach

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Warum sind es eigentlich immer die Künstler von einst, die zu Jahrhundertfiguren stilisiert werden? Warum tut man sich so schwer, einen jungen Musiker in die Galerie der ganz Großen einzureihen? Was man erst gestern abend im Konzert gehört hat, scheint noch nicht reif zu sein für die Ewigkeit, erst mit einem gebührendem Abstand zur Gegenwart wachsen sich musikalische Leistungen zu historischer Größe aus. Es gibt Klassikfans, die nur noch von Pianisten, Sängern, Dirigenten schwärmen, die schon lange tot sind. Wilhelm Furtwängler überrage alle, hört man sie dann sagen, Arthur Rubinsteins Chopin sei unerreichbar und einen Wagnertenor wie Lauritz Melchior werde es nie wieder geben. Vergangenheitsselig hängen sie den alten Namen nach und überhören dabei, dass die Gegenwart mindestens genauso spannend sein kann.

Virtuosität und Ausdruck

Bei den Geigern gilt nach wie vor Jascha Heifetz als unumschränkter Jahrhundertvirtuose, der alles konnte, dem alles leicht fiel. Man greift deshalb fast automatisch nach der Heifetz-Collection, wenn man nach einer überragenden Aufnahme der Solosonaten und Solopartiten von Johann Sebastian Bach sucht. Und tatsächlich: Der süße Ton, die tolle Technik, der souveräne gestalterische Zugriff klingen in der Aufnahme von 1952 (Heifetz wurde 1900 in Russland geboren und starb 1987 in Los Angeles) mehr als überzeugend. Aber wenn man sie mit Bach-Einspielungen vergleicht, die die junge Geigengeneration von heute vorweisen kann, stellt man verblüfft fest: Sie sind genau so gut – und vielleicht sogar noch besser. Der deutsche Geiger Christian Tetzlaff (Jahrgang 1961) etwa hat die Werke vor acht Jahren Virgin Classics/EMI aufgenommen, er spielt sie technisch brilliant, ernst, beredt und schlüssig im Ausdruck.

Noch stärker war der Auftritt von Hilary Hahn: 1997 veröffentlichte sie als ihr CD-Debüt die E-Dur-Partita, die d-moll-Partita (mit der Chaconne) und die Sonata C-Dur von Bach. Und wer es nicht wüsste, würde nie auf Idee kommen, dass da ein siebzehnjähriger Teenager geigt, so souverän ist ihr Umgang mit den Stücken, die technisch wie musikalisch bis heute zum Anspruchsvollsten gehören, das die Geigenliteratur zu bieten hat. Ihr Spiel macht deutlich, wie sehr sich die Geigentechnik im 20. Jahrhundert weiter entwickelt hat. Heifetz lässt noch gerne den Stolz des Virtuosen mitschwingen, der die Königsstücke des Repertoires sicher beherrscht. Für Hilary Hahn sind sie technisch eine Selbstverständlichkeit. Die immensen Schwierigkeiten, die Mehrfachgriffe, die Arpeggien, das Skalenwerk, gelingen ihr makellos, unangestrengt intonationsrein, als seien es Kleinigkeiten.

Konzentrierte Gelassenheit mit höchster Empfindsamkeit

Hahn ist mit Bach von klein auf aufgewachsen. Im CD-Booklet schreibt sie, wo auch immer sie gewesen sei, habe sie die Sonaten und Partiten bei sich gehabt. Das glaubt man, auch zu hören. Denn von ihren Interpretationen geht nicht nur spieltechnisch sondern auch musikalisch eine große Gelassenheit aus – und ernste Konzentration. Es liegt nichts Altkluges in ihrem Spiel, sie geigt nicht mit unbedarftem juvenilen Überschwang. Durchgängig gestaltet sie die Werke mit einnehmender Ruhe und einer großen inneren Ausgeglichenheit. Die langsamen Sätze – die Loure in der E-Dur-Partita oder das Adagio in der C-Dur-Sonata – schwingen bei ihr wunderbar kantabel aus, bei den Gavotten, Couranten und Giguen betont sie den ursprünglichen Tanzcharakter vor der Stilisierung. Und die Chaconne entwickelt sie in gemessener Tempowahl, in großen Phrasierungsbögen denkend. Alles geht organisch auseinander hervor, alles baut strukturklar aufeinander auf. Sie gibt Bachs Musik genau das, was sie braucht, um plastisch zu erstehen und seelenvoll zu klingen. Dabei belässt sie es. Nach den Mysterien mag der Hörer selbst suchen. Ganz ungekünstelt ist dieser interpretatorische Ansatz und auf eine empfindsame Weise sachlich.

Bei einem Konzert in Texas, schreibt Hilary Hahn im CD-Booklet, habe sie vor ein paar Jahren ihr Aha-Erlebnis gehabt und zum ersten mal wirklich gehört, was in der Chaconne in harmonischer Hinsicht vor sich geht. Das klingt nach dem üblichen Werbetextgerede. Aber vielleicht ist da wirklich eine hochbegabte Musikerin mit und durch Bach erwachsen geworden. Hilary Hahn wird die Klassik-Musikzene noch lange prägen und manche Künstlerlegende von einst vergessen machen.

Hilary Hahn plays Bach
Partita Nr.3 in E-Dur BWV 1006
Partita Nr.2 in d-moll BWV 1004
Sonata Nr.3 in C-Dur BWV 1005
Sony Sk 62793

Erstellt: 20-10-04
Letzte Änderung: 17-11-05