"Abfall-tauchen" als politisches Manifest
Freegans- ihr politisches Manifest besteht darin, die Abfalltonnen nach Nahrung zu durchsuchen so wie die Obdachlosen. „Dumpster Diving“ – „Abfall-Tauchen“ - nennen sie ihre Aktionen, bei denen sie die Reste von Supermärkten und Restaurants recyceln. Wie kommt man denn auf diese Idee? Jahrzehnte lang war das US-System Vorbild für die ganze Welt, doch inzwischen ist das Image schwer angekratzt: Die USA stellen fünf Prozent der Weltbevölkerung und verbrauchen über ein Viertel aller globalen Ressourcen. An Hunger werden die Freegans ganz bestimmt nicht sterben. In den USA landen 40% aller Nahrungsmittel auf dem Müll. Allein New Yorks Haushalte produzieren täglich 13.000 Tonnen Abfall. „Freshkills“, so heißt eine der größten Müllhalden der Welt, auf Staten Island. In den Augen der Freegans symbolisiert sie die Schattenseiten des amerikanischen Wirtschaftsmodells, das seit den 50er Jahren erbarmungslos zum Konsum peitscht.
Die Freegans sehen Parallelen zwischen dem Konsumwettlauf und dem Verfall des römischen Imperiums. 2004 hatte die öffentliche Performance „Vomitorium“ der Konzept-Künstlerin Wendy Tremayne in Williamsburg Premiere. Dabei spielten freiwillige Amateure vor den Pforten einer Kirche die verschiedenen Akteure der Konsumgesellschaft, angefangen beim Golden Boy bis hin zum einfachen Soldaten. Feuchtfröhliches Finale ist das Synchronkotzen aller Darsteller in einen großen Abfallbehälter.
Der InitiatorAm Anfang war Adam Weissman, der Boss der „Freegans“, Veganer und ernährte sich ausschließlich von vegetarischen Produkten. Später dehnte er seinen Aktivismus aus, indem er seine Teilnahme an der wirtschaftlichen Aktivität des Landes so stark wie möglich einschränkte. Er wird zum ersten Free Vegan, zum freien Veganer, kurz Freegan. Drei mal pro Woche bildet Adam neue „Freegans“ aus. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit und mit der Müllabfuhr. Die besten Spots sind Supermärkte und Fressburger-Ketten, die ab 22 Uhr ihre gerade abgelaufene Ware auf dem Bürgersteig entsorgen.
Seit 10 Jahren hat Adam nichts mehr zu essen gekauft. Regelmäßig organisiert er in seiner Globalisierungsfeindlichen Boutique „Antimart“ ein Essen, dass er aus Abfällen zubereitet und zu dem er Pressevertreter aus der ganzen Welt einlädt. Zusammen mit seinem Freund Charly plant er die Aktionen im Internet. Wenn sich mal der kleine Hunger zwischendurch meldet, kann man auf ihrer Website nachlesen, wo das nächste „Dumpster Diving“ steigt.
Alternative LebensformenWendy Tremayne wohnt zusammen mit ihrem Freund in Brooklyn. Bei den Freegans ist sie für die Altkleidersammlung zuständig. Ihr Freund hat seinen Job als Informatiker in einer Bank geschmissen und sein fettes Gehalt gegen ein einfaches aber freies Leben eingetauscht. Zusammen haben sie eine Schule für pyrotechnische Kunst in der Wüste von Mexiko gegründet, mit Hilfe der Utopisten vom „Burning Man“.
Technikfreak und Mathematik-Student Charly Jarowsky verbindet Freeganismus und Computersucht. Zwischen zwei „Dumpster Diving“ repariert er Rechner.
"Die Bananen und diese Birne sind vollkommen in Ordnung. Trotzdem werden sie einfach weggeschmissen. Die kaufen das Zeug in Massen, damit es billiger wird. Sie schließen Verträge mit den Großhändlern ab, um bessere Preise zu bekommen. Dafür verpflichten sie sich, jede Woche bei ihnen einzukaufen. Deshalb entsorgen sie am Ende jeder Woche die Ware, die ersetzt wird. So landet das alles auf dem Müll. Wer Lebensmittel rettet ist kein Loser, sondern ein Held."
Mehrmals pro Monat schmeißt Charly außerdem Partys im Herzen von Manhattan um die positive Botschaft der Freegans zu propagieren. Frei zu sein bedeutet auch, keine Miete zu bezahlen: seit Anfang der 80er Jahre besetzen die Freegans ein Haus im New Yorker East Village.
Liens>> Wendy Tremaynes Blog
>> Offizielle Website von Wendy Tremayne
>> Vomitorium
>> Swap-o-matic
>> Website zum freeganism
>> Dokumentarfilm uber die Eichhornchen im Central Park
>> Interview mit Adam Weissman
BuchGone Tomorrow
The Hidden Life of Garbage
von Heather Rogers
bei The New Press
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TRACKS
Donnerstag, den 08. Juni 2006 um 23.05 Uhr
Wiederholung am Dienstag, den 13.06 um 01.10 Uhr
Redaktion: Program33
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