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Kunst und Mythos

Jede Folge der neuen Reihe über ursprüngliche Kunst stellt einen symbolischen Gegenstand vor. Es wird erklärt, welcher Mythos diesem Werk zugrundeliegt, wie es (...)

Kunst und Mythos

07/01/11

Kunst und Markt

Interview mit Ilia Malichin, der seit 30 Jahren mit traditioneller afrikanischer Kunst handelt


"Kunst kann man nicht erklären sondern nur erfahren. Wenn man diese Erfahrung beschreibt, erzählt man viel von sich selbst."

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Auf viele europäische Künstler des beginnenden 20. Jahrhunderts hatte die Kunst der Naturvölker einen großen Einfluss. Warum waren denn Künstler wie Gauguin und Picasso so fasziniert von der primitiven Kunst?

Künstler suchen ja immer das Außergewöhnliche, versuchen ihrer Zeit vorauszusein. Die afrikanische Kunst hatte etwas, was der europäischen Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fehlte: Magie. Picasso war die ideale Person zur richtigen Zeit, um das zu erkennen; er hatte gespürt, was in der afrikanischen Kunst steckt. So wie ich ihn einschätze, durch Literatur, durch Betrachten seiner Kunst, war er ein äußerst leidenschaftlicher Mensch. Ohne Leidenschaft ist Kunst einfach nicht zu machen. Ich denke, er hat gespürt was in der afrikanischen Kunst steckt. Nicht nur das Magische, sondern auch Wahrheit. Mit diesem Wort versuche ich immer, Kunst zu definieren. Das kommt mir aus meiner Sicht am nächsten. Gute Kunst ist wahrhaftig. Da ist keine Lüge, da ist keine Spielerei, das hat etwas mit Wahrheit zu tun.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man eigentlich alles durchprobiert, hatte alle Kunstrichtungen, die irgendwo greifbar waren, auf ihre Verwendbarkeit hin „abgeklopft“, z.B. war die japanische Kunst im späten 19. Jahrhundert in Frankreich bei den Impressionisten und Postimpressionisten sehr beliebt. Nur die primitive Kunst hatte man bis dahin übersehen. Als Picasso 1905 das 1882 eröffnete Musée d’Ethnographie du Trocadero (heute „Musée de l’Homme“) in Paris besuchte, da war er reif und aufnahmebereit für diese Form von Kunst und das war der Beginn einer Revolution.

Warum war für die Kubisten die afrikanische Kunst so wichtig?

Ohne afrikanische Kunst gäbe es ja gar keinen Kubismus. Erst als Picasso und Braque durch das Vorbild der afrikanischen Kunst die Dreidimensionalität in den Objekten wahrnahmen, ist eigentlich der Kubismus entstanden. Das afrikanische Objekt ist dreidimensional. Aber es ist auch in Flächen segmentiert. Das ist eine typische Gestaltungsform der afrikanischen Kunst. Das haben Leute wie Braque und Picasso erkannt. Indem man, z.B., eine menschliche Gestalt in Dreiecke, Kegel etc. zerlegt und quasi wieder zusammenbaut, entsteht eine Figur, die in ihrer Erscheinungsform fast intensiver wirkt als eben eine ganz naturalistisch gemalte Figur.



Hatte die afrikanische Kunst bei den europäischen Künstlern einen besonderen Stellenwert im Vergleich z.B. zur Kunst aus Ozeanien?

Nein. Die ozeanische Kunst war von Anfang an gleichberechtigt. Man sieht es bei Leuten wie später Max Ernst, die Eskimokunst und indianische Kunst aus Alaska und Kanada verarbeitet haben. Aber Auslöser war die afrikanische Kunst. In erster Linie war es das magische Moment, das die Künstler faszinierte, und dann aber auch diese für sie neue Formensprache, die so komprimiert, reduziert und gleichzeitig vollkommen war.


Welche Rolle spielt die primitive Kunst für Künstler von heute ?

Ich denke, sie spielt nicht mehr diese kreative Rolle, diese Impuls gebende Rolle wie für die Künstler der 20er und der 30er Jahre. Aber sie ist bis heute für fast alle modernen Künstler irgendwie aktuell geblieben. Ich sehe es tagtäglich an meiner Arbeit.

Wie schwierig ist es für Sie, als Kunsthändler an solche alten Objekten heranzukommen?

Ein Europäer hat gar keine Vorstellung, wie schwierig es ist, ein echtes altes Objekt zu bekommen. Gestern hatte ich einen Anruf aus Afrika: Ich bin seit 5 Jahren an einem geschnitzten Holzobjekt interessiert, das eine alte blinde Frau tagtäglich über ihren Rücken gebunden - wie ein Kind - mit sich herumträgt. Meinem Gewährsmann zufolge ein fantastisches Objekt, das mehrere Generationen alt ist. Der Familie, der die Frau eine Last ist, da sie blind ist und nicht mehr arbeiten kann, wäre froh, wenn sie das Objekt verkaufen könnte. Aber die alte Frau möchte es mit ins Grab nehmen. Inzwischen ist selbst der „Erdherr“, das kultische Oberhaupt des Dorfes, daran interessiert, dass das Objekt an mich verkauft wird, denn das Dorf braucht Geld. Als Lösung ist folgendes geplant: wir haben ein Objekt neu schnitzen lassen, dass der Frau - wenn sie stirbt - mit ins Grab gelegt wird. Die Familie wird mir im Fall ihres Todes das alte Objekt verkaufen, denn es ist für sie zum Wertgegenstand geworden, den man nicht so ohne weiteres den Termiten zum Fraß überlassen möchte.


Reisen Sie selbst sehr viel nach Afrika? Unter welchen Bedingungen sammeln sie dort?

Sie können natürlich nach Afrika fahren, sich ein Auto mieten, in die Dörfer fahren und versuchen, etwas zu kaufen. Ein Jahrzehnt waren meine Frau und ich in Ländern wie Mali, Elfenbeinküste und Burkina Faso auf diese Art und Weise unterwegs. Aber es ist oft ein langwieriges Unterfangen, bis man ein künstlerisch bedeutendes Objekt findet. Deshalb haben wir Afrikaner ausgebildet, die einen Teil der Arbeit für uns übernehmen. Wir sind natürlich schon auf existierende Strukturen gestoßen. Es sind Menschen, die seit Jahrzehnten im Busch gereist sind, Kontakte zu den dort lebenden Menschen geknüpft haben und den Erwerb von Kunstgegenständen für Leute wie mich vorbereitet haben. Aber Mitte der Achtziger, Anfang der Neunziger als sich die Geisel Aids in Afrika ausgebreitet hat und gerade unsere Gewährsleute hat es besonders getroffen, denn sie gehörten, zu denen, die durch ihre Tätigkeit Geld hatten, und sehr viel Geld in Afrika bedeutet auch unendlich viel Frauen.

Ist es vielleicht auch so, dass viele afrikanische Objekte eigentlich nur überleben, weil wir sie hier in Europa sammeln?

Meiner Meinung nach, sind die afrikanischen Länder noch nicht in der Lage, Objekte langfristig sicher unterzubringen und auszustellen. Jedes gute echte alte Objekt, das aus Afrika kommt, ist eigentlich gerettet.

Aber in Europa kommt es in Privathaushalte.

Natürlich. Das Wesen der Kunst ist nun mal so. Man will die Dinge besitzen. Nur sind diese Objekte auch noch in hundert Jahren im Privathaushalt? Man kennt das ja aus der Kunst. Zwanzig, dreißig Jahre und dann kommen diese Kunstgegenstände wieder auf den Markt. Wie viele Van Goghs gibt es noch im privaten Rahmen? Es ist immer nur eine Frage der Zeit. Irgendwann kommen die wichtigen Objekte in Museen und Stiftungen, irgendwann gehören sie der Öffentlichkeit. Und das beobachte ich auch bei der afrikanischen Kunst. Irgendwann werden die afrikanischen Kunstschätze auch wieder nach Afrika zurückkehren. Sie sind hier eigentlich nur auf einer Zwischenstation. Davon bin ich fest überzeugt.


Und warum haben Sie Ihre Galerie ausgerechnet in Baden-Baden in Süddeutschland eröffnet?

Meine Frau und ich sind gebürtige Karlsruher. Wir hätten ohne weiteres eine Galerie in New York, in Paris, in Brüssel oder wo auch immer eröffnen können. Wir selbst reisen, wenn es sein muss quer durch Europa, um ein einziges Objekt zu sehen. Die Sammler sind genau so verrückt wie wir. Auch sie reisen quer durch Europa oder auch um die Welt, um ein einziges Objekt zu sehen. Die Welt ist für Leute wie uns klein.


Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Angelika Schindler, 9.7.2004

Ein Porträt der Galerie Malichin in Baden-Baden können Sie auch in der Zeitung „Die Welt“ vom 26.6.2004 nachlesen, wenn Sie hier klicken!

Buchtipps von Ilia Malichin:

Primitivismus in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts
Herausgegeben von William Rubin
Verlag: Prestel, 1984
ISBN: 3-7913-0683-9















Die Kunst des Scharzen Afrika
Jacques Kerchache, Jean-Louis Paudrat,
Lucien Stéphan
Verlag: Herder
ISBN: 3-451-21142-4










Art of the Upper Volta rivers
Christopher Roy
Verlag: Alain und Françoise Chaffin, 1987
ISBN: 2-904-005-021

















African Art - in American Collection
Warren M. Robbins and Nancy Ingram Nooter
1989 by the Smithsonian Institution
ISBN: 0-87474-744-9















Bildnachweis:
Holzfigur (bateba)
Stamm: Lobi
Herkunft: Burkina Faso / Westafrika
Höhe: 61 cm
Alter: mindestens 150 Jahre
Ein Meisterwerk der Lobi-Kunst mit vollkommen außergewöhnlicher Punktbemalung.

Erstellt: 27-06-06
Letzte Änderung: 07-01-11