DAS BLUMENWUNDER - 13/10/11
Kunstwissenschaftler Rudolf Arnheim 1932 über "Das Blumenwunder"
Rudolf Arnheim über die damalige Anwendung des neuen Zeitraffer-Effekts.
Beachtet man einen Filmstreifen in einer langsameren Aufeinanderfolge der Bilder, als man ihn nachher vorführt, so wirkt die Zeit bei der Vorführung komprimiert, das Tempo beschleunigt. Diese Zeitraffereffekte hat man angewendet gesehen, wo z.B. das Tempo des modernen Straßenverkehrs stilisierend verstärkt werden sollte: die Autos flitzen durch die Straßen, die Menschen toben in rasenden Schlangenlinien mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Wendigkeit durcheinander, und die Blätter an den Bäumen zappeln in nervöser Hast.
Dieser Trick ist schon hin und wieder von Künstlern benutzt worden, so von B…stein im Kampf um die Erde: da sieht man die entsetzliche Langsamkeit eines Bürobetriebes, und plötzlich schlägt einer auf den Tisch und macht Krach, und nun geht’s wie der Blitz, die Beamten flitzen durch die Räume, Stempel und Unterschriften fliegen aufs Papier, und im Nu ist altes erledigt. [ ... ]
Aber auch für ganz andere Dinge kommt der Zeitraffer in Frage. Bei den Aufnahmen zum Blumenwunder-Film der I.G. Farben, der in nichts anderem bestand als in Zeitrafferaufnahmen in Pflanzen und der dabei sicherlich der aufregendste, phantastischste und schönste Film ist, der je gedreht wurde - bei diesen Aufnahmen hat sich. herausgestellt, daß die Pflanzen eine Mimik haben, die wir nicht sehen, weil sie mit zu langsamen Zeiten rechnet, die aber sichtbar wird, wenn man Zeitrafferaufnahmen verwendet.
Die wiegenden, rhythmischen Atmungsbewegungen der Blätter, der erregte Tanz der Blätter um die Blüte, die fast obszön wirkende Hingabe, mit der eine Blüte sich öffnet - die Pflanzen waren plötzlich lebendig geworden und zeigten Ausdrucksbewegungen von genau derselben Art, wie man sie von Menschen und Tieren kennt.
Wie eine emporkletternde Pflanze ängstlich tastend, unsicher, nach Halt sucht, wenn ihre Ranken sich an einem Gitter hochwinden, wie eine welkende Kaktusblüte fast mit einem Seufzer den Kopf neigt und zusammen knickt - es war die unheimliche Entdeckung einer neuen lebendigen Welt in einem Bezirk, aus dem man zwar wußte, daß dort Leben zu Hause sei, es aber niemals ,in Tätigkeit' hatte sehen dürfen.
Und die Einreihung der Pflanzen in die Welt der lebendigen Wesen war auf einmal anschaulich vollzogen, man sah: es herrschte überall dasselbe Prinzip, dasselbe Verhalten, dieselben Schwierigkeiten, dieselben Ziele.
Rudolf Arnheim: Film als Kunst. [1932]. München: Hanser 1974 (Neuausgabe), S. 136 f.
Erstellt: 13-10-11
Letzte Änderung: 13-10-11