Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > ARTE Reportage

ARTE Reportage

Das internationale Nachrichtenmagazin. Jeden Samstag um 18.20 Uhr. Im Wechsel moderiert von Andrea Fies und William Irigoyen.

> Diese Woche > Kuweit: zwischen Kommerz und Karikaturenstreit

ARTE Reportage

Das internationale Nachrichtenmagazin. Jeden Samstag um 18.20 Uhr. Im Wechsel moderiert von Andrea Fies und William Irigoyen.

ARTE Reportage

ARTE Reportage vom 8. Februar 2006 - 20/02/06

Kuweit: zwischen Kommerz und Karikaturenstreit

Zum Nachlesen



Wollte man den Schlagzeilen der Tagespresse und den Nachrichtenbildern der vergangenen Tage glauben, so brannte es in vielen muslimischen Ländern wegen der unglücklichen Mohammed-Karikaturen an allen Enden. In der Tat gab es vielerorts schwere Ausschreitungen. Doch von einem Flächenbrand kann keine Rede sein.
Beispiel Kuwait: Zwar haben auch die Öl-Scheichs wegen der Mohammed-Karkaturen ihren Botschafter in Dänemark bis auf weiteres abberufen. Doch ansonsten versucht der Golfstaat die Affäre weitgehend im Zaum zu halten. Hier brennen keine dänischen Fahnen, ein Boykott dänischer Produkte wird nur sporadisch befolgt und sogar sogar in den Moscheen wird zur Mässigung aufgerufen. Eine Reportage von Michael Unger und Emanuel Royer über Kuwait zwischen Kommerz und Karikaturenstreit.

Jamel ist ein fanatischer, arabischer Hitzkopf. Vor allem dann, wenn es um die Existenz geht. Aber warum er denn so schreie – ob er wirklich so zornig ist? "Nein, ich bin froh und glücklich. Ich selbst bin ja Ägypter - und Kuwait ist ein tolles Land!" Und hasst er denn jetzt alle Europäer? "Nein! Wir sind doch alle Geschöpfe Gottes! Gott ist doch für alle da. Ich liebe Dich und alle Menschen!"

Es geht um Geschäfte auf dem Fischmarkt von Kuwait-City. Und um gutes Geld. Um Religion geht es hier nicht. Das moderne Kuwait ist einer der reichsten Länder weltweit. Alle Lebensmittel – ausser Fisch – muss der Erdölstaat importieren. Die Schlagzeilen um den Karikaturenstreit machen da vor allem der Wirtschaft im Lande Angst. Auch kuwaitisch-dänische Joint-ventures distanzieren sich inzwischen von ihren Zulieferern.

Was steht da ? "Dass der Saft nicht aus Dänemark kommt, das steht hier. Sondern aus Saudi-Arabien." Seit den 60er Jahren sorgt die Clan-Herrschaft der Öl-Scheichs für westlichen Wohlstand und mit harter Hand dafür, dass es zu keinerlei extremistischer Gewalt kommt. In einem Villenvorort das dänische Konsulat. Hier brennen keine Flaggen oder Gebäude. Keine Demonstranten, kein Polizeiaufgebot. Dass es zu keinen Zwischenfällen kommt, dafür genügt allein der Hausmeister als Aufpasser. Den dänischen Unternehmen im Land allerdings geht es an die Substanz: Statt 15 Millionen Dollar Umsatz wie im letzten Jahr schlägt jetzt der Boykott zu. Vor allem in der Lebensmittelbranche greift der staatlich verordnete Boykott: Der Verband der staatlichen Supermärkte in Kuwait hat alles dänische auf den Index gesetzt. Die Liste reicht von Butter bis Bohnen, über Käse und Kinderschokolade, bis zu Lautsprechern und Lego.

Peter Hallberg, ARLA-Foods, Kuweit: "Wir als Unternehmen haben das Gefühl, dass wir ja gar nichts mit der Sache zu tun haben – aber trotzdem müssen wir jetzt die Konsequenzen dieser Episode ausbaden."Sie fühlen sich also sozusagen in Geiselhaft ? Peter Hallberg: Ja, so kann man es ausdrücken.

Und dies ist so ein staatlicher Supermarkt: In jedem Stadtviertel von Kuwait-City gibt es solche Cooperativ-Läden. Auf Anordnung von oben hat man vor einer Woche die Regale nach dänischen Waren durchforstet. Seither hängen an manchen Regalen eindeutige Hinweise: "Sehen Sie hier: Da steht, dass Dänemark die Zeichnungen in den Zeitungen veröffentlicht hat. Wir haben deshalb wirklich alle dänischen Waren ausgeräumt. Alles ist jetzt leer. Alles was dänisch war ist aus unseren Kooperativen verschwunden."

Engpässe herrschen deshalb aber keine: Seelenruhig liegen weiter Produkte aus anderen europäischen Staaten in den Regalen. Obwohl auch in deren Herkunftsländern die religiösen Gefühle beleidigt wurden. "Wir respektieren ja auch die Meinungsfreiheit. Aber nicht, wenn es um unseren Propheten und die Religion geht. Wenn Sie Karikaturen von unserem Propheten veröffentlichen – wie kann ich da Ihre Meinungsfreiheit respektieren? Alles andere ja – aber doch nicht unseren Propheten. Karikaturen vom Propheten? Das ist doch nicht gut! Gar nicht gut!"

"Die Zeitung hat sich inzwischen ja entschuldigt. Und ich denke, die Leute schätzen und verstehen das. Ich meine - in ein, zwei Wochen spätestens ist das Ganze vorbei. Denn es gibt ja Intellektuelle und Geistliche hierzulande … die die Lage sehr wohl verstehen. Sie haben längst Genugtuung durch diese Entschuldigung erfahren."

Im Keller des Supermarktes: Der Manager zeigt, dass wirklich alle angeblich anstössigen Waren vorerst in die Kühlräume verbannnt wurden. Und all diese Waren werden zum Grosshändler zurückgeschickt… Hier lagern Butter, Käse und Gefriergemüse mit Lagerzeit. Frischwaren aus Dänemark gab es ohnehin keine. Im Verkauf wurden die Produkte wie gesagt durch andere europäische, aber vor allem saudi-arabische Waren ersetzt. Behalten wir das alles oder schicken wir es zurück ? … Nein das kommt nicht in den Verkauf. Wir schicken es zurück! Sechs Monate halten die Erbsen und Bohnen noch. Vielleicht kann man sie ja doch wieder verkaufen, meint der Mann.

Freitagsgebet in Kuwaits grösster Moschee. Zu den fast 1000 Gläubigen spricht der Imam nur in Anspielungen von dem Karikaturen-Konflikt: Imam: Schon in den Suren steht geschrieben: Gott wird alle bösen Absichten aufdecken! Lasst sie sich ruhig lustig machen ! Lasst sie weiter Hohn sprechen! Es ist Gott, der entscheiden wird, was sie getan haben. Gott wird sie am jüngsten Tag zur Rechenschaft ziehen und sie werden sagen, wir haben nur Spass gemacht…

Wirtschaftsboykott also ja, aber keine religiöse Hetze.

Mohammed Al- "Als der Boykott in Kuwait anfing, da war das keinesfalls eine Anordnung der Regierung, Nein, nein. Der Boykott ging von Unternehmen aus, die ja auch wie Individuen anzusehen sind. Wenn der Reporter also sagt, die Karikaturen seien Ausdruck persönlicher Meinungsfreiheit – dann ist es auch persönliche Freiheit, einen Boykott zu verhängen."

Gewalt sei inakzeptabel, hat der Imam gepredigt. Kein Gläubiger solle zur Tat schreiten - stattdessen der Appell abn die Moslems, bei der Lösung auf Gott zu vertrauen.

Mohammed Al "In den Supermärkten haben sie ja immer noch die Wahl. Wenn sie von 25 gleichen Produkten fünf wegnehmen, dann haben sie ja immer noch 20 zur Auswahl. Und das macht doch gerade die Schönheit Kuwaits und der Golfstaaten aus: Wir sind ein offener Markt!"

In der Tat: In den Tempeln der kuwaitischen Kommerz-Gesellschaft geht es vor allem darum, am Konsum teilhaben. Zugang zur Demokratie haben die Menschen hier nicht, politische Parteien sind in Kuwait verboten. Gleichzeitig muss aber auch kein Kuwaiti Steuern zahlen. Ablenkung wird im Konsum gesucht. Es ist eine scheinheilige Welt. Im Luxus der Scheichs ist jedenfalls kein Platz für radikale Islamisten - nur für gutes Business.

Mohammed Al "Und das ist doch auch das, was der Imam sagte: Lasst uns uns gemeinsam an einen Tisch setzen. Nur wenn wir einen zivilisierten Dialog miteinander führen können, dann kommen wir auch gemeinsam weiter. Wenn aber der eine denkt: Ich habe Recht und Du nicht – und der andere denkt das auch – dann gibt es keine Möglichkeit zusammenzukommen."

Kuwait hat seinen Standpunkt gefunden: Ökonomischer Druck ja, aber bloss keine Eskalation! Denn dazu ist den Kuwaitis der Kommerz dann doch viel zu heilig.

=============
ARTE Reportage
Das internationale Nachrichtenmagazin
mittwochs gegen 21.35 Uhr

Erstellt: 13-02-06
Letzte Änderung: 20-02-06