Cannes 2007 - Außer Konkurrenz (Abschlussfilm des Wettbewerbs) - 11/09/08
L’âge des ténèbres
Ein Film von Denys Arcand
Heiter-ironische, aber zu biedere Gesellschaftssatire aus Kanada.
(Kanada, 115’)
Mit: Marc Labrêche (Jean-Marc Leblanc), Diane Kruger (Veronica Star), Sylvie Léonard (Sylvie Cormier-Leblanc), Caroline Néron (Carole Bigras-Bourque)
Synopsis: Aus seiner profanen Existenz als kleiner Regierungsangestellter einer Sozialbehörde, verheiratet mit einer erfolgreichen Immobilienmaklerin, die nur an ihre Arbeit denkt, und zwei Teenager-Töchtern, mit denen er nicht mehr reden kann – aus dieser täglichen Misere phantasiert sich Marc Labrèche weg. In seinen Tagträumen ist er ein erfolgreicher Schriftsteller, rächt sich an seinen Vorgesetzten für die Demütigungen und hat aufregende erotische Abenteuer mit den schönsten Frauen. Aber die Frustrationen durch eine sich verselbständigende Bürokratie, die niemandem mehr hilft und die Entfremdung in der Ehe nehmen zu, die Phantasien taugen nicht mehr als rettende kleine Fluchten und vor den Konsequenzen einer echten Trennung fürchtet er sich, wie ein kleiner Junge. Als er es nicht mehr aushält, flüchtet er in das geerbte Wochenendhaus ans Meer.
Kritik: Man kann den Titel mit „Das Zeitalter der Dunkelheit“ übersetzen und den Film als dritten Teil einer Trilogie verstehen, die mit der wunderbar zeitgeistigen Gesellschaftssatire „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (1986) begann, mit der schon etwas bemühten aber auch noch amüsanten Zivilisationskritik „Die Invasion der Barbaren“ (2003) fortgesetzt wurde, und jetzt mit einem weiteren heiter-satirischen Blick auf die Lebenslügen des Mittelstands abgeschlossen sein dürfte.
Der Film hat sympathische Momente, manchmal denkt man an den allerdings wesentlich bissigeren und weniger sentimentalen „American Beauty“ von Sam Mendes, und es gibt eine par witzige Seitenhiebe auf die grassierende ethisch- politische Korrektheit der aufgeklärt-liberalen Mittelschicht. Im Grunde behält Arcand jedoch einfach die ironische Tonlage von 1986 bei. Sich über machohafte Männerphantasien („Nimm mich hart, hier im Stehen“) lustig zu machen, über inflationären Gebrauch (ausgerechnet hier in Cannes) von Mobiltelefonen, oder über Teenager, die bei Ausflügen in die Natur DVD anschauen und den I-Pod nicht aus dem Ohr nehmen, das wirkt auf diese Art unzeitgemäß und hat meistens nur den Charme eines Altherren-Stammtischs. Damals traf Arcand genau den wunden Punkt der nach allen Seiten reflexiv abgefederten bürgerlichen Intellektuellen, heute ist er mit dieser biederen Ironie und dem lauwarmen, halbherzigen Abschluss von einer zeitgemäßen Gesellschaftssatire weit entfernt. Als Abschlussfilm des Wettbewerbs mag der Film für eine heiter-versöhnliche Stimmung im Saal geeignet sein, wer den genauen Blick und die humanen Qualitäten von Arcands früheren Filmen schätzt, wird von diesem hier weitgehend enttäuscht sein.
Thomas Neuhauser
Erstellt: 27-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08