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Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Un certain Regard - 21/08/08

La Festa Da Menina Morta

Ein Film von Matheus Nachtergaele


Brasilianisches Drama um einen Heiligen, seine Sekte und das alljährliche Fest des verstorbenen Mädchens

Synopsis: Tief im Amazonas gibt es ein kleines Dorf, das einen seltsamen Heiligen verehrt. Heilig gesprochen wurde er von den Bewohnern, weil er seine eigene Mutter, die sich umgebracht hat, ins Leben zurückholte. Seitdem verehrt ihn das ganze Dorf und lässt sich von ihm segnen. Wie jedes Jahr wird das Geburtstagsfest des verstorbenen Mädchens vorbereitet, das sich nun zum 20. Mal jährt.

Kritik: In seinem Spielfilmdebüt La Festa Da Menina Morta taucht Regisseur Matheus Nachtergaele ein in die Riten einer kleiner Sekte, die weit ab von urbaner Zivilisation tief im Amazonas ihre Heimat hat. Gleich zu Beginn präsentiert sich der verehrte Heilige als vielschichtiger Charakter: Über seiner unbehaarten Brust trägt er das verwaschene Baumwollkittelkleid des verstorbenen Mädchens. Eine Reliquie, die ihm hervorragend steht, hat er doch ein sehr androgynes Auftreten, mit dem er auch kokettiert. Das hindert ihn aber nicht daran, die in seinem Haushalt lebenden Personen brutal anzuschreien, wenn sie nicht sofort das tun, was er gerne will.

Der Film konzentriert sich auf den Charakter des Heiligen und die Vorbereitungen zum 20. Jubiläum des Todes des verstorbenen Mädchens. An diesem Tag sollen die Bewohner des Dorfes gesegnet werden. Der Bruder des verstorbenen Mädchens dreht durch. Er will nicht mehr Teil der Rituale sein. Der Heilige erklärt ihm, dass dies nicht möglich ist.

La Festa Da Menina Morta nimmt den Zuschauer mit in eine Welt, in der ganz eigene Regeln und Rituale herrschen. Nach und nach offenbaren sich diese ihm. Daniel de Oliveira ist die tragende Hauptfigur dieses Films. Sein komplizierter Charakter macht den Film faszinierend, teilweise aber auch fast unerträglich. Einmal streicht er sanft wie ein Engel durch das Haar eines jungen Mädchens, aber nur, um sie im nächsten Moment laut anzubrüllen und zu schütteln. Als er mit dem Bruder des toten Mädchens fast in Streit gerät, wird draußen ein Schwein für das Fest am nächsten Tag geschlachtet. Minutenlang quiekt es laut und unerträglich wie eine Sirene, der Heilige ist knapp vor dem Durchdrehen. Er rennt hinaus, packt das Schwein und ertränkt es. Die Kamera befindet sich unter Wasser: Das Wasser färbt sich blutrot, das Schwein zappelt. In einer anderen erschütternden Szene kommt seine Mutter zurück. Er erträgt ihre Gegenwart nicht, bricht zusammen, windet sich unter Schmerzen. Er verletzt sich vorsätzlich an den Scherben eines Glases, wie zur eigenen Bestrafung.

Man muss nicht alles verstehen, was in diesem Film passiert. Einiges verschiebt die Grenzen des Normalen. So haben etwa der Vater des Heiligen und sein Sohn eine inzestuöse Beziehung zueinander, die einmal nachts bei strömendem Regen ausgelebt wird. Kameramann Lula Carvalho findet poetische Bilder dafür – er war jahrelang der Assistent von Walter Carvalho und hat u.a. Filme für Walter Salles und Hector Babenco gedreht.

Matheus Nachtergaele gelingt es in seinem ersten Spielfilm eine eindringliche Nähe zu seinen Schauspielern aufzubauen, auch die Kamera ist stets ganz nah bei ihnen. Sein Talent, Schauspieler zum Äußersten zu Treiben, kommt wohl auch daher, dass er selbst als Schauspieler bereits außergewöhnliche Rollen übernommen hat, etwa in City Of God (2002) von Fernando Meirelles und in Central Station (1998) von Walter Salles.

Sein Film ist ein eindringliches Erlebnis, das in einem kleinen Dorf mitten im Amazonasgebiet gedreht wurde. Die Mischung aus Schauspielern wie Daniel de Oliveira, einer Theatergruppe aus dem Amazonas und echten Dorfeinwohnern funktioniert bestens, und lässt von der Atmosphäre des Films Erinnerungen an Werner Herzogs Fitzcarraldo (1982) aufkommen, einem seiner besten Filme mit einem furiosen Klaus Kinski in der Hauptrolle.

Nana A.T. Rebhan
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La Festa Da Menina Morta
Brasilien 2008, 115 Min.
Regie: Matheus Nachtergaele
Mit Daniel de Oliveira, Jackson Antunes, Cássia Kiss, Dira Paes, Juliano Cazarré
Un Certain Regard



Erstellt: 20-05-08
Letzte Änderung: 21-08-08