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Wie christlich ist Europa?

ARTE beleuchtet die Stellung der Religion und Kirchen in verschiedenen europäischen Ländern.

Wie christlich ist Europa?

Interview mit dem Religionshistoriker Odon Vallet - 12/12/08

Laizismus in Europa

Nach Ansicht des Religionshistorikers Odon Vallet sind "Begegnungen zwischen europäischen Entscheidungsträgern und religiösen Führungspersönlichkeiten (...) Teil des nationalen und europäischen Dialogs." Es bestehe jedoch die Gefahr, "dass sich die Religionen gegenseitig zu überbieten versuchen, um für ihre jeweiligen Anhänger möglichst viele Vorteile herauszuschlagen." Interview zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche in den europäischen Ländern.

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Welche Berücksichtigung findet der Laizismusbegriff im Europäischen Verfassungsvertrag?
In Europa gibt es fast so viele verschiedene Religionssysteme und Religionsgeschichten wie Länder. Frankreich nimmt hier eine Sonderstellung ein. Länder wie Italien haben mit dem Vatikan ein Konkordat geschlossen, andere haben eine eigene Nationalkirche – die Anglikanische Kirche in England und die Presbyterianische Kirche in Schottland.

Video der Gesprächsrunde
mit Elisabeth Badinter und Seyran Ates

Angesichts dieser extremen Vielfalt lässt sich nachvollziehen, wie schwierig es ist, sich auf einen gemeinsamen religiösen Bezug in den europäischen Verfassungstexten zu einigen. Die vielzitierten christlichen Wurzeln Europas sind natürlich nicht von der Hand zu weisen, doch gleichzeitig dürfen auch die heidnischen Wurzeln nicht vergessen werden, die uns mit der griechischen und römischen Kultur überliefert wurden. Nicht zuletzt hat Europa jüdische Wurzeln, und auch der Beitrag des nach dem Zweiten Weltkrieg in manchen europäischen Ländern sehr präsenten Islam darf nicht ignoriert werden. Vergessen wir schließlich nicht die fernöstlichen Religionen mit den großen buddhistischen Gemeinden, beispielsweise in Frankreich. Agnostische und atheistische Bekenntnisse haben sich in Frankreich als nicht minder bedeutsam erwiesen und seit dem 18. Jahrhundert Denkströmungen hervorgebracht, auf denen die Französische Revolution aufbaute und die ein gemeinschaftliches Leben ohne Bezugnahme auf einen einzigen Gott für möglich halten. Auch die Freimaurerei ist von Bedeutung; allerdings hat sie sich ideologisch unterschiedlich entwickelt und weist in Frankreich traditionell eher antiklerikale Züge auf, während sie sich in England als spiritueller Deismus manifestiert.

Gerät der Laizismus in Europa durch das religiöse Lobbying sämtlicher Konfessionen bei den europäischen Institutionen und Parlamentariern in Gefahr?
Begegnungen zwischen europäischen Entscheidungsträgern und religiösen Führungspersönlichkeiten stellen kein Problem dar. Vergessen wir nicht, dass Europa den drei großen Christdemokraten Konrad Adenauer aus Deutschland, Robert Schuman aus Frankreich und Alcide De Gasperi aus Italien viel zu verdanken hat. Das alles ist Teil des nationalen und europäischen Dialogs.
Es besteht vielmehr die Gefahr, dass sich die Religionen gegenseitig zu überbieten versuchen, um für ihre jeweiligen Anhänger möglichst viele Vorteile herauszuschlagen. Ins Hintertreffen würden dadurch Bürger ohne erklärte Religionszugehörigkeit geraten, obwohl sie ja auch bestimmte Ideale und Moralvorstellungen vertreten.
Odon Vallet ist Religionswissenschaftler und Jurist.
In deutscher Über- setzung sind seine Bücher Die Religionen in der Welt (Lübbe-Verlag) und Göttliche Körper (Collection Rolf Heyne) erschienen.

Hängt die Frage nach der Religion unmittelbar mit dem EU-Beitritt der Türkei, der Homo-Ehe und der Abtreibungsfrage zusammen?
Es lässt sich nicht leugnen, dass der Vatikan bei bestimmten UN-Instanzen häufig wie die islamistischen Staaten abstimmt, beispielsweise wenn es um Schwangerschaftsabbruch, Familienplanung und Homosexualität geht. Die großen Weltreligionen sind in Fragen der Moral allgemein traditionell eingestellt, auch wenn es hier sicherlich Ausnahmen gibt.
Natürlich geht dieses religiöse Lobbying in Richtung eines gewissen Moralkonservatismus. Was den EU-Beitritt der Türkei angeht: Die Türkei ist ein großes muslimisches Land, und der Islam wäre in der Europäischen Union stärker vertreten als jetzt. Doch es steht nirgends geschrieben, dass Europa den christlichen Ländern vorbehalten bleiben muss; folglich kann der Türkei der Beitritt mit Hinweis auf religiöse Hürden nicht verweigert werden. Dies stünde auch im Widerspruch zu den europäischen Vertragswerken, was nicht ausschließt, dass es darüber hinaus weitere Hürden geben kann. Insgeheim fürchten jedoch viele, dass die Europäische Union durch den Beitritt eines großen muslimischen Landes eine andere ideologische Richtung einschlagen könnte.

Spiegelt sich die religiöse Frage auch in der Flagge der Europäischen Union wider?
Die Flagge ist blau gehalten, in der Farbe der Muttergottes, und trägt zwölf Sterne, was wiederum an ein Bibelzitat aus der Apokalypse denken lässt, in dem Maria beschrieben wird als „Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“. In gewisser Weise fand sich diese Mariensymbolik in der Europaflagge wieder, ohne dass es wirklich auffiel, denn die Flagge war insofern neutral, als sie sich in Farbe und Form von den einzelnen Nationalflaggen deutlich unterschied. Das ist ein wenig so wie mit der Swastika, die als Nazi-Symbol verwendet wurde, aber selbst nicht nationalsozialistisch ist. Bei den Indern gilt sie als Symbol für Glück bzw. Unglück. Ähnliches verhält es sich auch mit den goldenen europäischen Sternen auf blauem Grund. Die Europaflagge ist deswegen noch lange nicht katholisch.

Ist gegenwärtig eine neue Blüte oder eine Neuformierung der Religion in Europa festzustellen?
Tatsächlich ist eine gewisse Rückwendung zu traditionellen bzw. traditionalistischen Glaubensvorstellungen zu beobachten, und ob in Islam, Judentum, Katholizismus oder Protestantismus - überall erstarken die fundamentalistischen Tendenzen. Es handelt sich um eine identitätsstiftende Religiosität, wie wir sie aus der Zeit vor der europäischen Einigung kennen, denn diese Einigung vollzog sich Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse der beiden Weltkriege in einem Klima der ökumenischen Offenheit und des Dialogs zwischen den christlichen Konfessionen. Diese Offenheit ist mittlerweile Globalisierungsängsten und Alltagssorgen gewichen. Einige fürchten einen Kampf der Kulturen und möchten mit einer Rückkehr zur Religion die christliche Identität Europas stärken. Doch da wir mittlerweile in einer Welt leben, in der das Prinzip „Cujus regio ejus religio“ (Wes das Land, des die Religion) aufgrund der Vermischung der Kulturen keine Gültigkeit mehr besitzt, können wir gar nicht umhin, in jedem Land mit einer Vielzahl von Religionen zu leben. Dieser Pluralismus bedarf allerdings gewisser gemeinsamer Wertvorstellungen und des Verzichts auf eine volle Ausübung der Religion.

Lässt sich allgemein von einem Schein- bzw. Gelegenheitslaizismus sprechen, wenn man einmal an kritische Gottesäußerungen oder verzerrte Gottesdarstellungen (z.B. Mohammed-Karikaturen, Jesus-Werbungen usw.) oder gar an Blasphemie denkt?
Hier geht es um freie Meinungsäußerung: Wie weit darf man in der Darstellung Christi oder des Propheten Mohammed gehen? Darf man den Propheten mit einer Bombe unter dem Turban darstellen? Oder Jesus in pornographischer Pose? Das ist das eigentliche Problem. Angesichts der großen kulturellen und religiösen Vielfalt in Europa wird es immer das Risiko von Konfrontationen geben, wenn nicht ein Mindestmaß an Respekt für den Anderen aufgebracht wird.

Wie muss sich der Laizismus angesichts der europäischen Herausforderung positionieren? Muss er sich mit Blick auf heutige Multi-Kulti-Gesellschaften neu erfinden?
Aufgrund des Subsidiaritätsprinzips bleibt die Religion eine Angelegenheit nationaler bzw. lokaler Zuständigkeiten: In Frankreich sind hierfür die Kommunen verantwortlich, denen die vor 1905 erbauten Kirchen gehören, in Deutschland die Bundesländer. Doch jede Nation hat ihre eigene Beziehung zur Religion: In Deutschland und Österreich wird eine Kirchensteuer erhoben, in Frankreich nicht. Betrachtet man einmal die Gelder, die den Kirchen in beiden Ländern zur Verfügung stehen, kommt man auf ein ähnliches Niveau. Unter der Berücksichtigung, dass die Ausgaben der Kirchen unterschiedlich hoch sind, ergibt sich ein annähernd gleiches Verhältnis von Einnahmen und Aufwendungen.
In Deutschland ist es normal, dass die Kirchen über umfangreichere Mittel verfügen, da sie hohe Ausgaben im sozialen Bereich tätigen; sie übernehmen wichtige gesellschaftliche Aufgaben. In Frankreich haben die Kirchen weniger Geld aber auch weniger Ausgaben, da fast alle sozialen Einrichtungen laizistisch organisiert sind. Jedes Land hat also entsprechend dem jeweiligen Verhältnis zur Kirche ein eigenes Rechts- und Wirtschaftssystem entwickelt. In Anbetracht des Stellenwertes, den die Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende alten religiösen Traditionen in den einzelnen Ländern Europas haben, ist von einer Europäisierung der Religion eher abzuraten.

Das Interview führte Alexis Fricker

Erstellt: 05-12-08
Letzte Änderung: 12-12-08