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Behütete Jahre
Der Leser wird sich noch gedulden müssen, bis er erfährt, was es mit diesem Klein-Tagebuch auf sich hat. Auf den folgenden 130 Seiten taucht Gergely zunächst mit seinen Lesern in die „behüteten, gepolsterten Jahre“ seiner Jugend in Sáraság, einem kleinen Dorf in der ungarischen Tiefebene, ein. Merkwürdige Dinge passieren in diesem Dorf. Seine Einwohner, deren Leben sich zwischen landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaft und katholischer Kirche abspielt, sind mit einem mysteriösen unstillbaren Durst gestraft. „Besitzerlose Schatten“ verstorbener Dorfbewohner beanspruchen einen Platz unter den Lebenden, und einige Sáraságer haben als „Botschafter“ einen besonderen Draht zu den Verstorbenen.
Klebrige Fälle
In ihrem „Ede-Klein-Verein“, den sie nach einem jüdischen Tuchhändler benannt haben, der 1948 des Ritualmordes an einer Jungfrau verdächtigt und aus dem Dorf gejagt wurde, beratschlagen Gergely und seine Freunde über auffällige Geschehnisse im Dorf. Besonders die „klebrigen Fälle“, wie Opa Töre, der sich sein bei einem Traktorunfall abgetrenntes Glied in den Oberschenkel einsetzen liess und damit sogar noch ein Kind zeugte, oder die orgiastischen Spiele der weiblichen Dorfjugend wecken ihr Interesse. Seitenlang trieft der Roman vor unterdrückter Teenager-Lust.
Entfremdete Heimat
In seinem Romandebüt „Lange nicht gesehen“ setzt sich der 1976 geborene Ungar Krisztián Grecsó mit Themen wie Aberglaube, Angst vor dem Fremden und Identitätssuche auseinander und zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Vergangenheit die Gegenwart vergiften kann. „Lange nicht gesehen“ ist ein Roman, der seinen Lesern Rätsel aufgibt und sie bisweilen auch etwas verwirrt zurücklässt. Doch sich auf die Bewohner des Dorfes Sáraság, das der Autor nach dem Vorbild seines Heimatdorfes Szegvár entwarf, einzulassen, lohnt sich. Je mehr Abstand der Erzähler zu dem einst geliebten Ort seiner Kindheit gewinnt, desto mehr wird die Geschichte zu seiner eigenen. Ist er anfangs nur passiver Beobachter, so stellt sich Gergely schließlich seiner Vergangenheit. Und nach einem gewaltigen Endspurt auf den letzten der über vierhundert Seiten des Romans wird auch dem staunenden Leser klar, wer dieser Gergely Gallér eigentlich ist.
Rezension von Maike van Schwamen
Ein ungarischer Schriftsteller, Krisztián Grecsó, und ein deutscher Fotograf, André Lützen, haben sich auf den Weg gemacht, ihre jeweiligen Kindheitsorte – ihre Erinnerungsorte gemeinsam aufzuspüren und durch den Blick des anderen neu zu entdecken. Herausgekommen ist dabei eine aufschlussreiche Fotoreportage.






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