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07/08/07

Laufen ist Qual

Von Hajo Schumacher


Wir Läufer sind doch alle gleich. Ob jung oder alt, Anfänger oder Routinier, schwedischer Ehemann oder iranische Single-Frau, uns quälen die gleichen Sorgen. Wir haben Angst, dass es weh tut. Wir beten, dass wir endlich einmal besser werden, ohne dass wir wirklich daran glauben würden. Dafür quält uns stets das schlechte Gewissen, dass wir uns zu wenig schinden. Vergeblich laufen wir dem Ideal von strammen Beinen, flachen Bäuchen und tollen Zeiten hinterher.

Laufen ist eine Qual, immer, ganz egal, ob man gerade läuft, dann ist sie physisch, oder nicht läuft, dann ist sie psychisch. Manchmal auch beides, zum Beispiel am Tag nach einem harten Training. Da liegt man röchelnd auf dem Sofa und leidet an Beinpein und Seelenschmerz gleichzeitig, wegen des Trainings heute, das man schwänzen wird. Geht man trotzdem hin, schmerzen die Beine noch doller, aber nicht so stark wie die Tatsache, dass diese Neue, diese dunkelhaarige Frau, die erst zwei, drei Mal da war und bestimmt schon fast 50 ist, dass die offensichtlich sehr viel flotter über 1000 Meter wetzt als man selbst, der sich schon seit Jahren ohne größere Fortschritte über diese Distanz quält. Neid und Missgunst treiben den Läufer fast so stark an wie die vielen unerlaubten Mittel, die im Breitensport dank fehlender Kontrollen wahrscheinlich flächendeckender zum Einsatz kommen als bei der Tour de France.

Laufen, das ist aber auch Hoffnung. Die Illusion, nach dem samstäglichen Waldlauf nicht ganz so kaputt zu sein wie letzte Woche, die Illusion, dass die kleine, süße Praktikantin interessiert bis bewundernd gucken wird, wenn wir wie zufällig an der Stuhlkante ein Stück Hosenbein hochschieben, um unsere nun wirklich nicht schlechte Wade hervorblitzen zu lassen, die wir genau in diesem Moment auch noch anzuspannen versuchen, ohne angestrengt auszusehen, vor allem aber die Illusion, dass wir es dieses Jahr endlich packen können mit der neuen Bestzeit.

Lieber tot als Zweiter

Jeder Blödhammel gibt mit seiner 10-Kilometer-Zeit von unter 40 Minuten an; dann werden wir doch wenigstens unter 45 bleiben. Aber seien wir ehrlich: Unter 50 war schon anstrengend genug. Und gesund ist es ja auch nicht, diese Anstrengerei. Ist uns sowieso völlig egal. Was soll der Stress? Man kann ja auch mal vernünftig sein und muss nicht immer in Leistungskategorien denken, sagt das Engelchen. Vernunft? Was ist das?, fragt dagegen das Teufelchen. Wir wollen siegen, um jeden Preis. Lieber tot als Zweiter. Wofür treiben wir den ganzen Irrsinn denn sonst?

Laufen ist permanenter Widerspruch, Hegelsche Dialektik mit Matsche am Schuh, das ewige Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Euphorie und Suizidplänen, zwischen Sucht und Unlust, ein emotionales und physisches Durcheinander, das uns noch mehr als ohnehin schon an uns zweifeln lässt. Einmal, nur einmal, wollen wir einen großen Sieg, am liebsten über uns selbst. Aber anstrengen wollen wir uns lieber nicht, auf jeden Fall nicht soviel. Wir sind uns deswegen nie gut genug. Wir könnten immer besser sein als wir sind. Auch dünner. Aber nächste Woche ist ja auch noch ein Tag zum Trainieren, das reicht auch noch zum Bessersein.

Geruchsvernichtende Silberfasern am Fuß und Nierenwärmer

Wir müssen immer weiter laufen, damit wir weiter an uns leiden können. Laufen ohne Leiden ist völliger Quatsch. Natürlich tut uns immer irgendetwas weh. Neben den vielen ernsten Verletzungen, die wir schon seit Jahren mit uns herumtragen, weil wir sie geduldig und heldenhaft verschleppt haben, sind da noch diese ganzen kleinen Ärgerlichkeiten, die sich durch konsequentes Ignorieren vielleicht auch einmal zu etwas Ernsthaftem auswachsen. Es ist dieses wohlbekannte Zwicken und Piepen und Pfeifen und Gurgeln und Quietschen in allen erdenklichen Regionen des Körpers, jenes vertraute Grundgrummeln auch dort, wo normale Menschen niemals Körpergeräusche vermuten würden. Jeder Läufer hat eben den Ehrgeiz, sein ganz persönliches Zipperlein zu besitzen.

Ähnlich individualistisch geht es bei der Ausrüstung zu. I-pod im Schuh, geruchsvernichtende Silberfasern um Fuß und Knöchel, Tattoo an der Wade, Bandage am Knie, ein durchs lange Laufen unnatürlich verschrumpeltes Dingsbums etwas höher, dazu Nierenwärmer, Pulsgurt, Spiderman-Brille und Goretex-Mütze, alles zusammengehalten von dreilagigem Atmungstextil in den Trendfarben der Mülltrennungsbranche.

Ja, wo gelaufen wird, da herrscht Durcheinander, da stellen sich Fragen, von denen man bis vor kurzem noch gar nicht wusste, dass es sie überhaupt geben könnte. Das richtige Training, das optimale Gewicht, was soll ich unbedingt tun, und was lieber lassen? Orientierung brauchen wir eben nicht nur in Wertefragen, sondern noch viel mehr beim Laufen. Der ausdauersportlichen Bewusstseins-Industrie, die uns via Fachgeschäft, Magazinen, Internet und Sportskameraden zu immer neuen Großinvestitionen verleiten will, stehen wir häufig hilflos gegenüber.

Wer zu unserer Gemeinde gehört, der weiß: Dem Läufer, ganz gleich, ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Weltmeister, stellen sich Fragen, viele Fragen, die mit zunehmender Dauer der Lauf-Karriere nicht weniger werden, sondern immer mehr. Je tiefer man in den geheimnisvollen Läufer-Kosmos eindringt, desto komplexer wird das scheinbar so simple Zusammenspiel von ein paar Knochen und Muskeln, das zur normalsten Tätigkeit in der Geschichte der Menschheit führt.

Dieses vermeintlich so simple Laufen, das ist ein hochkomplexes dynamisches Körperkunstwerk, ein von Millionen korrespondierender Variablen abhängiger Prozess, dem man sich nur annähern kann. Vollends verstehen wird man Physis und Psyche des Läufers allerdings nie. Das macht diese höchst banale Tätigkeit ja auch so spannend.

Erstellt: 13-07-07
Letzte Änderung: 07-08-07