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Venedig 2004 - 07/09/04

Lavorare con lentezza (Radio Alice)

Ein Film von Guido Chiesa
Wettbewerb

Synopsis: Bologna, 1976: Radio Alice, das Radio der Studentenbewegung, verbreitet aus dem Untergrund seine Forderungen nach sexueller Freizügigkeit, dem Ende der Ausbeutung der Arbeiter und kulturelle Provokationen. Auch die beiden 20-jährigen Freunde SGUALO und PELO, die arbeitslos in einer trostlosen Arbeite rsiedlung herumlungern, werden davon infiziert und schließen Bekanntschaft mit den antibürgerlichen Störenfrieden. Zugleich bekommen sie vom Gangster MARANGON einen lukrativen, aber auch gefährlichen Auftrag – sie sollen einen Tunnel für einen Bankraub ausheben.

Kritik: Das waren noch Zeiten, als die freie Liebe praktiziert, die Solidaritätskassen voll, die Joints zahlreicher als die Zigaretten waren und die Basisdemokratie dem politischen Establishment vorgezogen wurde. Auf dem Studentensender ‚Radio Alice’ wurde sehr zum Missfallen des Bürgertums polemisiert, gestöhnt und gelacht und der Schlager ‚Lavorare con Lentezza’ zum alternativen Lebensmotto der Nach-68ger-Generation erhoben.

Augen zwinkernd und mit einem Hang zum Slapstick erinnert sich der in Turin geborene Guido Chiesa, der sein Handwerk in Amerika als Assistent von Jim Jarmusch und Michael Cimino gelernt hat, an diese utopische Revolutionsblase, die schon kurz darauf wieder platzen sollte, als Carabinieri den Sender wegen Anstachelung zu Demonstrationen schlossen und die Gründer verhafteten. Unmissverständlich gilt Chiesas Sympathie den anarchischen Freigeistern und jenen unterpriveligierten Jugendlichen aus den Arbeitervierteln, die sich der Protestbewegung damals anschlossen. Ein sentimentaler Schleier scheint sich dabei weichzeichnerisch vor die erinnerte Wirklichkeit geschoben zu haben, so positiv und burlesk fällt Chiesas Bilanz der Minirevolution aus.

Einen Film für alle wollte er mit ‚Lavorare con Lentezza’ machen, hat Chiesa im Presseheft verkündet, aber er meint damit doch eher alle links denkenden, nicht vom Geld, sondern vom Glauben an eine bessere Welt Angetriebenen. Das ist an sich nichts Schlechtes, doch zu offensichtlich verströmt der Film seinen Agitpro p-Geist, legt sich trotz anders lautender, ironischer Intention ein nostalgischer Unterton über das Ganze. Der arme Carabiniere, der in seinem Dienstzimmer Tag und Nacht für seinen Vorgesetzten den Sender abhören muss und dabei an die Grenzen seines kleinen kantabrischen Verstandes stößt, zeichnet Chiesa wie das Klischeeabziehbildchen eines Polizisten. An anderen Stellen will der Film dann wieder ernst und emotional sein. Auch formal ist ‚Radio Alice’ ein unentschiedenes Mittelding zwischen fragwürdigen Experimentalstilmitteln und Versatzstücken aus der Werbefilmsprache. Mal in Slowmotion, mal in schwarz-weißen Stummfilmbildern, mal mit selbst verliebten Wischeffekten, mal mit eingestanzten bunten Texttafeln verschnörkelt der Regisseur seine Geschichte. Am Ende weint man ‚Radio Alice’ und der besseren, alten Zeit, die er beschwört, jedenfalls keine Trän e mehr nach.

Martin Rosefeldt


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Lavorare con lentezza (Radio Alice)
Regie: Guido Chiesa
Darsteller: Tommaso Ramenghi, Marco Luisi u.a.
Italien, 2004, 111’
61. Internationale Filmfestspiele in Venedig: Wettbewerb


Erstellt: 07-09-04
Letzte Änderung: 07-09-04