Ein Wirbelsturm über Linz? Nein – doch dank der Installation „Nemo Observatorium“ des Belgiers Lawrence Malstaf, die die „Goldene Nica“ in der Kategorie Interaktive Kunst gewonnen hat, kann jeder einmal erleben, wie es sich im Auge des Sturms anfühlt: Der Besucher stellt sich in die Mitte eines großen, begehbaren Kunststoffzylinders und drückt auf einen Knopf. Daraufhin erzeugen Ventilatoren Windstöße, die Tausende kleiner Styroporschnipsel mit atemberaubender Geschwindigkeit herumwirbeln. Jeder kann selbst entscheiden, wie lange das Schauspiel dauern soll. Für Außenstehende sieht das Ganze chaotisch aus, doch die Person im Inneren verspürt ein Gefühl der Ruhe, manchmal auch der Euphorie oder Angst.
Ebenfalls von Lawrence Malstaf ist das Projekt „Shrink“: Eine Person stellt sich zwischen zwei Plastikfolien; dann wird die Luft abgepumpt, so dass die Person gewissermaßen „vakuumverpackt“ wird. Das mag beängstigend erscheinen, aber nach Aussage des Künstlers ist es sehr erholsam, wenn man sich dem Geschehen einfach hingibt. Dieses Werk wird auf der Ars Electronica wegen der hohen Besucherzahlen nur als Performance gezeigt. Bei kleineren Veranstaltungen erhalten die Besucher nach der Performance oft die Möglichkeit, sich selbst „einschweißen“ zu lassen.
Die Ars Electronica ist eine neue Erfahrung für den Künstler, der sowohl im analogen als auch im digitalen Bereich tätig ist. Lawrence Malstaf baut in seine Kreationen gern ein unvorhersehbares Zufallselement ein: In „Rope“ beispielsweise wickelt sich ein computergesteuertes Seil jedes Mal in leicht anderer Form um einen Stuhl. Malstaf interessiert sich für die Frage, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein Objekt als „lebendig“ gelten kann.
Lawrence Malstaf möchte durch seine Werke zu einer „vielsinnigen“ Körperefahrung anregen, die sich nicht auf das Erfassen durch Hör- und Sehsinn beschränkt. „Nemo Observatorium“ und „Shrink“ (ebenso wie andere Werke, die der Künstler bei einem Vortrag im Rahmen des Festivals vorstellte) sind gewissermaßen Metaphern für die Anpassung des Menschen an seine Umwelt: Wenn man versucht, in Einklang mit seiner Umwelt zu leben und sich an vordergründig wenig angenehm erscheinende Situationen anzupassen, so erlebt man diese Situationen oft positiver, als wenn man sich ihnen widersetzt. Ein Beispiel ist „Compass", ein Gerät, das man sich um die Hüften schnallt und das der Orientierung in einem virtuellen Raum dient. Das Gerät folgt einem Weg, der auf einer unsichtbaren Karte vorgezeichnet ist. Je mehr Widerstand der Besucher dieser Führung entgegensetzt, desto schwerer kommt er vom Fleck. Lässt er sich jedoch einfach führen, dann fällt ihm die Fortbewegung ganz leicht.
Lawrence Malstaf steht dem Milieu des Industriedesign ebenso nahe wie dem der Bühnenkunst (insbesondere hat er bereits zahlreiche szenografische Projekte verwirklicht, z.B. für Choreografen wie Meg Stuart). Stuart arbeitet gern mit dem Begriff des äußeren Zwangs und hat Malstaf diesbezüglich beeinflusst. Manche Projekte des Belgiers schufen eine Umgebung, in der sämtliche Parameter vom Künstler bestimmt werden, eine Art „Blackbox“, in der bereits kleinste Ereignisse eine heftige Reaktion auslösen können. In seinen jüngsten Arbeiten strebt Malstaff offenere Situationen an, in denen mehrere Personen miteinander interagieren können.






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