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Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 11/09/08

Le scaphandre et le papillon

Ein Film von Julian Schnabel


Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel („Basquiat“) zeigt im Wettbewerb, wie man auf künstlerisch hohem Niveau erfolgreich einen verzwickten Bestseller verfilmt: Jean-Dominique Baubys „Le Scaphandre et Le Papillon“.

(Die Taucherglocke und der Schmetterling)
Drehbuch: Ron Howard
Darsteller: Matthieu Amalric, Emanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Max von Sydow u.a.,
Frankreich, 2007, 112’

Fotogalerie

Synopsis: Ein Jahr und zwei Monate lag Jean-Dominique Bauby in Zimmer 119 im Sanatorium Berck in der Normandie. Eingesperrt in seinen Körper durch das so genannte ‚Locked-In-Syndrom’ – das ihm nur noch die Verständigung mittels Zwinkern seines linken Auges ermöglichte. Doch aus dem Mann in der Taucherglocke, der früher ein notorischer Frauenheld und Workoholic war, wird ein Schmetterling, der mit Hilfe seiner Erinnerungen und seiner Phantasie und dank Freunden und aufopferungsvollen Therapeutinnen ein Buch schreibt, dass ihn zugleich in einen neuen Menschen verwandelt.
 
Kritik: Wie soll das gehen, einen Beststeller zu verfilmen, dessen Protagonist stumm an ein Bett gefesselt ist und nur mit einem blinzelnden Auge kommunizieren kann? Wie soll das gehen, eine so hochemotionale, poetische Geschichte für die Leinwand zu adaptieren, ohne dass die Story im Kitschmorast versinkt, zumal von Amerikanern produziert? Und was bitte hat Julian Schnabel, den Regisseur eindrucksvoller Künstlerbiographien („Basquiat“, „Before Night Falls“) dazu bewogen, nach 7 Jahren ausgerechnet einen Film über einen Locked-In-Patienten anzunehmen? Derlei Zweifel hatten einige Kritiker vor der Vorführung von „Die Taucherglocke und der Schmetterling“ im Wettbewerb ketzerisch geäußert. Um dann bereits mit der ersten Einstellung sehr schnell eines Besseren belehrt zu werden:
Unscharfe Bilder, Doppelbelichtungen, scheinbar unkadrierte Bilder führen uns direkt in subjektive Wahrnehmung von Jean-Dominique Bauby, der im Lazarett gerade nach mehrmonatigem Koma aufwacht, um sukzessive festzustellen, dass er ein körperliches Wrack ist; beraubt nicht nur seiner körperlichen Fähigkeiten, sondern auch seiner Möglichkeiten, sich seiner Umwelt verständlich zu machen, wie es scheint. In eindrucksvollen Kontrast aber lässt Schnabel von der ersten Sekunde an den Zuschauer durch Mathieu Amalrics – Baudys Leinwanddoppelgänger aus dem Off kommender Stimme an dessen Gedanken teilhaben. Julian Schnabel filmt dazu die erste Hälfe seines großartigen Films nahezu ausschließlich aus der Perspektive des Bewegungslosen, dem schließlich sogar noch eines seiner beiden Augen zugenäht werden soll (Kameramann Janusz Kominski hat dazu die Idee Schnabels aufgegriffen, ein künstliches Lid auf die Kameralinse aufzusetzen und dieses den Chirurgen zunähen zu lassen). Schnabels Kompositionen erinnern dabei sehr stark an seine Bilder – spezielle Linsen erzeugen den Effekt, dass Teile des Bildes unscharf, andere scharf sind. So entsteht der Eindruck, der ganze Film sei eine Art Körper, mit einer Art Haut, die diesen Körper bedeckt. Ganz nahe ist die Kamera auch der Haut des Gegenübers – den erotisch aufgeladenen Mündern, Nacken und Schenkeln seiner Therapeutinnen. Der Zuschauer sieht wie Baudy immer nur einen kleinen Ausschnitt der ihn umgebenden Welt, mal verwischt, mal brillant und farbenfroh, mal scheinbar unkomponiert und völlig belanglos, wenn Baudy wieder einmal dem Blick seines Gegenübers ausweicht, um ein Stück Decke zu fixieren (und damit signalisiert, dass seine Gedanken anderswo sind) oder einfach die Köpfe seiner Gesprächspartner ausblendet, sozusagen abschneidet. Aber gerade diese Bilder hat Schnabel mit der größten Sorgfalt komponiert – schließlich entspricht Schnabels selektiver Blick der einzigen, dem Protagonisten noch verbliebenen physischen Freiheit – die darin besteht, dass gesprochene Wort seines Gegenübers somit einfach wegzublenden.
 
In der zweiten Filmhälfte schließlich öffnet Schnabel seinen Film in demselben Maße, wie seinen Leinwandheld beschließt, das Gefängnis seines Körpers per Erinnerung und Fantasie zu öffnen. Der begnadete Innere-Landschaften-Maler Schnabel tritt nun stärker in Erscheinung, setzt das Sanatorium wie den Schauplatz eines Antonioni-Films in Szene und befreit den Einsperrten von allen physischen, räumlichen und zeitlichen Grenzen. Würde und Freude kehren in Baudys Leben zurück, weil er seine Fantasie jeglicher Grenzen befreit: So verabredet er sich beispielsweise in seinem Kopf mit seiner Dolmetscherin in einem Pariser Fischgourmetlokal zu einer Orgie. Zugleich aber blendet der Film nie den Schmerz seiner Angehörigen und auch den inneren Kampf des Protagonisten aus, der zwischen Lachen und Weinen, Weisheit und Revolte hin- und herpendelt. Wie Baudy können auch wir durch die Augen Julian Schnabels einen neuen Blick auf das Leben gewinnen. Die wichtigste Lektion besteht darin, dass dieses Leben nichts anderes ist als pure Energie und dass es darum geht, diese Energie in jedem Augenblick bewusst zu leben.

Martin Rosefeldt 

Erstellt: 23-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08